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Zinswende in Amerika : Das Geheimnis der niedrigen Inflation

Das Federal Reserve Gebäude in Washington, DC. Bild: AFP

Heute entscheidet die Fed, ob sie die Zinsen anhebt. Dabei rechnen die Investoren an den Märkten weiter mit sehr niedriger Inflation. Doch warum ist das eigentlich so?

          3 Min.

          Mit Spannung wird überall in der Welt heute erwartet, zu welchem Ergebnis die amerikanische Notenbank Fed nach ihrer zweitägigen Zinssitzung gekommen ist. Erhöht Fed-Chefin Janet Yellen die Leitzinsen, die bislang in einem Band von 0 bis 0,25 Prozent lagen? Gestern galt deshalb die Aufmerksamkeit vieler Investoren der Veröffentlichung der amerikanischen Inflationszahlen. Die Inflationsrate ist mit 0,2 Prozent weiterhin sehr niedrig. Wie in vielen anderen Industrieländern übrigens auch: Für die Eurozone korrigierte das Europäische Statistikamt die Schätzung für August von 0,2 auf nur noch 0,1 Prozent. Und in Großbritannien fiel die Inflation im August sogar von 0,1 auf 0 Prozent.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das ist ungewöhnlich: In einem Moment, in dem die Inflation sehr niedrig ist, denken die Notenbanker über Zinserhöhungen nach. Normalerweise heben Notenbanken, die auf die Preisstabilität achten sollen, die Zinsen als Schutz vor steigender Inflation an. Das scheint im Augenblick nicht so zu sein. Dafür kann es gute Gründe geben: Manche Ökonomen befürchten etwa Spekulationsblasen, wenn die Zinsen zu lange nahe null bleiben. Aber bemerkenswert ist es dennoch.

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          Zumal die Investoren an den Finanzmärkten im Augenblick nicht einmal mit einer steigenden Inflation rechnen - im Gegenteil: Die Inflationserwartungen an den Finanzmärkten, die sich an den sogenannten Swap-Geschäften ablesen lassen, seien im August in Amerika ähnlich wie in Europa gefallen, sagt Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank. Er meint zwar, die Investoren an den Märkten irrten sich hinsichtlich der Inflation: „Die Marktteilnehmer unterschätzen, dass in den Vereinigten Staaten faktisch Vollbeschäftigung herrscht und höhere Lohnzuwächse nur noch eine Frage der Zeit sind“, sagt Krämer. Er glaube, die sogenannten marktbasierten langfristigen Inflationserwartungen seien daher zu niedrig und höhere Leitzinsen seien „überfällig“.

          Gleichwohl sei nicht zu übersehen: In den Kursen an den Märkten seien latente Deflationsgefahren eingepreist - also zumindest eine gewisse Möglichkeit, dass die Preise dauerhaft sinken könnten. Die Fondsgesellschaft Fidelity warnt sogar in einer Analyse, es könnte weltweit die „dritte große Deflationswelle“ bevorstehen, nach der Finanzkrise und der Euro-Krise. So dramatisch sehen das die meisten Ökonomen zwar nicht: „Echte Deflationsgefahren zeichnen sich weder in Amerika noch bei uns ab“, sagt Holger Schmieding, der Chefvolkswirt des Hamburger Bankhauses Berenberg. Trotzdem sind die niedrigen Inflationsraten auffällig.

          Womit hängt das zusammen? Warum bleibt die Inflation in vielen Ländern so hartnäckig niedrig - und fällt jetzt sogar trotz der lockeren Geldpolitik in Europa und Amerika? In erster Linie liege das an dem Einbruch der Rohstoffpreise und der global relativ schwachen Konjunkturentwicklung, sagt Stefan Schneider, Volkswirt der Deutschen Bank. Das Rohöl ist billiger geworden, unter anderem durch Fracking in Amerika und ein weniger abgestimmtes Verhalten der Opec. Der sinkende Ölpreis aber beeinflusst überall auf der Welt das Preisniveau. Allerdings sei auch die sogenannte Kernrate der Inflation in vielen Ländern ungewöhnlich tief, sagt Schneider, also die Rate ohne stark schwankende Preise wie die für Energie. Es gibt zwar weiter Länder mit hoher Inflation, vor allem Schwellen- und Entwicklungsländer. In den meisten Industrieländern aber ist die Inflation sehr niedrig.

          An Erklärungen von Ökonomen dafür mangelt es nicht - aber unumstritten ist die Deutung nicht. Als ein Grund für die niedrige Inflation in Industrieländern wird bisweilen die Globalisierung genannt, weil günstige Produkte aus Schwellenländern auch in Industrieländern Druck auf die Preise ausüben. Auch die größeren Erfahrungen der Notenbanken bei der Steuerung der Inflation sind in der Wissenschaft genannt worden. Außerdem dürfte eine derzeit strukturell schwächere Entwicklung der Weltwirtschaft eine Rolle spielen - sowie Spätfolgen der Finanzkrise. Nicht zuletzt gibt es offenbar einen sich selbst verstärkenden Mechanismus: Investoren erwarten eine niedrige Inflation, und das hält die Inflation niedrig.

          Martin Hellwig, Ökonom am Max-Planck-Institut in Bonn, jedenfalls meint, die Erklärung sei nicht einfach. „Viele Warnungen vor den Inflationswirkungen der Geldpolitik waren schlecht fundiert“, glaubt er. Viele hatten befürchtet, wenn die Notenbanken die Zinsen nahe null hielten und Anleihen kauften, könnte es sehr bald zu Inflation kommen. Davon ist nicht viel zu merken. Noch, sagen manche Ökonomen wie Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel („Zu Entwarnung vor Inflationsgefahren besteht kein Anlass“). Hellwig meint: „Wenn die Explosion der Zentralbankgeldmenge nur den Kollaps der Giralgeldschöpfung kompensiert, ist nicht mit Inflation zu rechnen.“ Allein eine expansive Geldpolitik führe nicht zu Inflation, wenn die Banken ihren Teil der Geldschöpfung, die Vergabe von Krediten, nicht übernähmen. Der Ökonom hält die niedrigen Inflationsraten zumindest zu einem Teil für eine Folge der Finanzkrise. Er spricht von einer „Bilanzrezession“: Wenn Unternehmen überschuldet seien, wollten sie keine zusätzlichen Kredite aufnehmen. Wenn Banken selbst stark gefährdet seien, wollten sie keine Kredite vergeben. Und wenn Unternehmen und Banken mit einer Verstärkung rezessiver Tendenzen rechneten, steigere das auch nicht gerade ihre Begeisterung für neue Investitionen. Das alles halte die Inflationsraten tendenziell niedrig.

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