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Zinsumfrage : Bundesanleihen gelten als überbewertet

Der Helaba-Analyst erwartet eine Entspannung, aber keine Lösung der europäischen Staatsschuldenkrise Bild: dapd

Eine Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zeigt: Banken erwarten in diesem Jahr eine höhere Risikoneigung der Anleger. Dies dürfte Bundesanleihen belasten.

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          Bundesanleihen sind nach Ansicht der von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung befragten Banken und Fondsgesellschaften gegenwärtig überbewertet. Damit verbunden ist ein extrem niedriges Renditeniveau. Bis zum Jahresende erwarten die Zinsstrategen im Durchschnitt einen Anstieg der zehnjährigen Rendite von 1,86 auf 2,46 Prozent. Dies wäre verbunden mit Kursverlusten der Bundesanleihen.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In der zweijährigen Laufzeit rechnen sie mit einer Rendite von 0,68 Prozent, was fast einer Vervierfachung entspricht. In der Vorjahresumfrage wichen die Prognosen deutlich von den tatsächlichen Werten ab: Für die zehnjährige Rendite war zum Jahresende 2011 im Durchschnitt ein Wert von 3,26 Prozent vorausgesagt worden. Tatsächlich waren es 1,83 Prozent.

          Eine Rendite von weniger als 2 Prozent hält Stefan Schilbe, Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus, für deutlich zu niedrig. „In den vergangenen Monaten sind die fundamentalen Faktoren zu wenig berücksichtigt worden“, sagt er.

          Für die Investoren habe in der europäischen Staatsschuldenkrise vielmehr der Status als sicherer Hafen gezählt. Zudem hätten sie auch regulatorische Anreize dazu ermuntert, fügt Schilbe hinzu. Vor allem Banken müssen als Liquiditätspuffer besonders marktgängige Anlagen vorhalten. Dazu zählen insbesondere Bundesanleihen.

          Zinsentwicklung im Jahr 2012

          Dass die Europäische Zentralbank (EZB) wahrscheinlich schon im ersten Quartal den Leitzins von 1,0 auf 0,5 Prozent senken werde, sei in den Terminkontrakten wie etwa dem Bund-Future schon berücksichtigt, sagt Schilbe. Zum Jahresende erwartet er eine zehnjährige Rendite von 2,7 Prozent. „Das ist aber nur eine Normalisierung“, betont er.

          Eine Korrektur bei den Bundesanleihen können seiner Ansicht nach weitere Stabilisierungsmaßnahmen zur Beilegung der Staatsschuldenkrise auslösen. Eine Ausweitung des Euro-Rettungsfonds oder noch umfangreichere EZB-Käufe von Peripherieanleihen würden zu Lasten der Bundesanleihen gehen. Schilbe misst einer möglichen Herabstufung des deutschen Ratings (derzeit „AAA“) durch die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) in seinen Prognosen keine Bedeutung bei.

          „Die niedrige Rendite der Bundesanleihen ist Ausdruck der gegenwärtig unter Anlegern dominierenden Risikoaversion“, sagt Ralf Umlauf, Rentenanalyst der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Er geht davon aus, dass die Risikoneigung im weiteren Jahresverlauf wieder zunehmen werde: „Dann steigen auch die Renditen der Bundesanleihen.“

          Der Helaba-Analyst erwartet eine Entspannung, aber keine Lösung der europäischen Staatsschuldenkrise. „Eine Eskalation wie noch im Herbst wird in unserem Basisszenario nicht angenommen“, fügt Umlauf hinzu. Allerdings könne eine abermalige Eskalation nicht ausgeschlossen werden, falls Griechenland seine Schulden nicht mehr bediene. Umlauf rechnet aber damit, dass Griechenland nicht fallengelassen werde. Er sieht die zehnjährige Rendite zum Jahresende bei 2,8 Prozent. Umlauf erwartet keine Leitzinssenkung der EZB.

          Auf dem gegenwärtigen Kursniveau seien Bundesanleihen deutlich überbewertet, sagt Birgit Figge, Zinsstrategin der DZ Bank. Bis zum Jahresende rechnet das Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken mit einer nahezu unveränderten Rendite in der zehnjährigen Laufzeit von 2 Prozent.

          „Es besteht durchaus die Gefahr, dass die Renditen der Bundesanleihen schärfer anziehen werden, sollte sich die Risikoneigung der Investoren wieder erhöhen“, räumt Figge ein. Dies könnten erste Anzeichen einer Stabilisierung in den Euro-Krisenländern auslösen. Sie geht davon aus, dass die EZB im ersten Halbjahr ihren Leitzins auf 0,5 Prozent senken wird: „Die umfangreiche Liquidität der EZB für die Banken wird das kurze Ende an den Anleihemärkten stärken.“

          Für amerikanische Staatsanleihen erwartet Figge in diesem Jahr keine größeren Bewegungen. Die Konjunkturaussichten für die Wirtschaft der Vereinigten Staaten hätten sich zuletzt verbessert, die amerikanische Notenbank Fed werde aber den Leitzins unverändert belassen.

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