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Zinssätze : Bankenverband sieht Euribor in seiner Existenz bedroht

  • Aktualisiert am

Austritt: Auch Raiffeisen macht beim Euribor nicht mehr mit Bild: dpa

Nach mehreren Austritten von Banken aus dem Euribor fürchtet der Bankenverband nun um dessen Bestand. Allerdings stellt sich die Frage, wozu der Zins gut ist, wenn so viele auf ihn verzichten können.

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          Nach dem der Manipulationsskandal den Ruf des Londoner Interbankenzinses Libor ruiniert hat und seine Funktion als Referenzzins in Frage gestellt hat, scheint nun auch der Euribor bedroht. Nachdem nach der BayernLB und der niederländischen Rabobank sich nun auch die österreichische Raiffeisen Bank International AG (RBI) aus dem Gremium der Banken zurückgezogen hat, das den Zinssatz festsetzt, stellt nun der Europäische Bankenverband, die Existenz des Euribors in Frage.

          Wenn sich noch mehr Banken zurückzögen, werde es möglicherweise keinen Euribor mehr geben, sagte Cedric Quemener, Manager bei Euribor-EBF in Brüssel dem Wall Street Journal.  „Ich bin sehr besorgt über die gegenwärtige Situation, es handelt sich um eine ernste Lage“, sagte Quemener dem Wall Street Journal. Sollten weitere Banken ausscheren, sehe es düster aus.  Die Befürchtung vieler Banken ist jedoch, dass sie einen Reputationsverlust durch die jüngsten Manipulationsskandale erleiden könnten. Schon im Jahr 2012 waren die Citigroup und die Deka Bank ausgestiegen

          Deutsche Bank verdiente 2008 eine halbe Milliarde mit Libor & Co.

          Der Libor ist jüngst wegen Manipulationsvorwürfen in die Schlagzeilen geraten. Banken sollen zu ihrem eigenen Vorteil andere Zinssätze gemeldet haben als sie tatsächlich bezahlten. Die Aufsichtsbehörden gehen dem Verdacht nach, dass mehr als ein Dutzend Banken, darunter die Deutsche Bank, aber auch die Schweizer UBS, Zinssätze manipuliert haben, was Auswirkungen auf Kredite und Finanzprodukte im Wert von Billionen Euro hatte. Im Zuge der Ermittlungen gab es bereits Vergleiche mit Barclays und der UBS, die die Geldhäuser zusammen fast 2 Milliarden Dollar kostete.

          Die Deutsche Bank hat 2008 mit Wetten auf skandalträchtige Referenzzinssätze wie den Libor mindestens 500 Millionen Euro verdient. Das Wall Street Journal hatte nach eigenem Bekunden Einblick in Dokumente aus der Deutschen Bank, die den Ermittlern von einem ehemaligen Mitarbeiter zugespielt wurden. Sie zeigen das Ausmaß, in dem die Bank in  Handelsgeschäfte investiert war um von kleinsten Veränderungen der Zinssätze zu profitieren. Es gibt allerdings keine Hinweise darauf, dass die Geschäfte der Deutschen Bank den Markt beeinflusst haben oder illegal waren.  Am 30. September 2008 rechnete die Bank damit, dass sie mit einer Änderung des Libor oder dem Euribor von einem Hundertstel Prozentpunkt bis zu 68 Millionen Euro verdienen könnte. Mark Williams, ehemaliger Revisor der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, sagt, solche Wetten seien ein „extrem hohes Risiko“, selbst für ein Unternehmen wie die Deutsche Bank.

          Kein Hinweis auf weitere Euribor-Austritte

          Der Euribor ist wie der in Verruf geratene Libor ein Referenzzins. Banken melden einmal am Tag die Zinsen, zu denen sie sich untereinander Geld leihen. Auf dieser Basis wird dann der Euribor-Referenzzins ermittelt, an dem sich die Preise für viele Finanzprodukte orientieren. Nach dem Libor-Skandal ruhten viele Hoffnungen auf dem Euribor. Die Anzahl der Banken, die an der Festsetzung der Benchmark teilnehmen, liegt damit zwar noch immer bei 39 Instituten. Beim Libor werden nur 18 Banken befragt. Der Euribor ist damit weniger anfällig für Manipulationen, da der berichtete Satz jeder einzelnen Bank deutlich weniger ins Gewicht fällt. Sollte die Anzahl der Banken aber weiter so deutlich schrumpfen, dürften die Vorteile gegenüber dem Libor immer geringer werden.

          Die Banken, die bisher ausgeschieden seien, seien ein schlechtes Vorbild für die noch teilnehmenden Institute, sagte Euribor-EBF-Manager Quemener. Sollten weitere Banken ausscheren, könnte die Europäische Kommission möglicherweise sogar einschreiten, und die Teilnahme der Geldhäuser vorschreiben. Aktuell gebe es keine Hinweise auf weitere Austritte.

          Die Gründe für den Ausstieg der Banken sind zumindest den Mitteilungen zufolge differenziert. Für die Rabobank war zum Beispiel die immer mehr austrocknende Liquidität auf den Geldmärkten seit Beginn der europäischen Staatsschuldenkrise ein Grund. Die BayernLB hatte nebulös lediglich „geschäftsstrategische“ Gründe für den Ausstieg genannt. Von der Wiener Raiffeisen hieß es, dass das Interbankengeschäft nicht mehr als Teil des Kerngeschäftes gesehen wird. Mit den Austritten wird allerdings auch die Frage aufgeworfen, ob ein offiziell vermeldeter Interbankenzinssatz überhaupt benötigt wird, wenn sich so leicht auf ihn verzichten lässt.

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