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Finanzmärkte : Die Zinsfurcht breitet sich aus

Im Blick der Finanzmärkte: Die amerikanische Notenbank Federal Reserve Bild: AFP

Die Kurse von Aktien und Anleihen sinken, weil die Märkte an einer weiter sehr lockeren Geldpolitik zu zweifeln beginnen. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen steigt wieder über die Null-Linie.

          Langsam dreht die Stimmung. Bis in die vergangene Woche hinein ergingen sich die Teilnehmer an den Finanzmärkten in Spekulationen über das Ausmaß einer weiteren geldpolitischen Lockerung in der Eurozone und in Großbritannien, während gleichzeitig eine baldige Leitzinserhöhung in den Vereinigten Staaten als immer unwahrscheinlicher galt.

          Dann verzichtete die Europäische Zentralbank (EZB) am vergangenen Donnerstag auf eine weitere Lockerung. Präsident Mario Draghi äußerte sich keineswegs pessimistisch zur Konjunktur in der Eurozone und sagte, der Rat habe über Konzepte wie Aktienkäufe oder Helikoptergeld nicht gesprochen. Nach der Sitzung versicherten manche Analysten und Ökonomen aus der Finanzbranche anfangs unentwegt, dann werde die Lockerung eben im Dezember kommen. Etwa zur selben Zeit machte der Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, deutlich, dass eine von den Finanzmärkten weithin erwartete weitere Lockerung der britischen Geldpolitik bis zum Jahresende keineswegs selbstverständlich sei.

          Eine gewisse Unruhe

          Am vergangenen Freitag warnte der eigentlich als geldpolitische „Taube“ eingeschätzte Präsident der Federal Reserve Bank of Boston, Eric Rosengren, vor der Gefahr einer Überhitzung der amerikanischen Wirtschaft. Am Montag legte der Präsident der Federal Reserve Bank of Atlanta, Dennis Lockhart nach, indem er eine „ernsthafte Diskussion“ über eine Leitzinserhöhung schon im September forderte. Der Offenmarktausschuss der Fed, der die Zinsentscheidungen trifft, kommt am 20. und 21. September zu seiner nächsten Sitzung zusammen.

          Und dann, so scheint es, wurde die Botschaft langsam verstanden: Am vergangenen Mittwoch hatte der Dax ein Tageshoch bei 10.772 Punkten verzeichnet. Am Montag lag sein Tagestief bei 10.308 Punkten. Seitdem hat er sich nur leicht stabilisieren können.

          Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg im selben Zeitraum von minus 0,13 auf plus 0,03 Prozent. Am Dienstag fiel die Rendite dann wieder auf 0,005 Prozent. Das sind keine drastischen Veränderungen, aber der Rückgang der Kurse von Aktien und Anleihen lässt sich rund um den Globus beobachten. Und er löst bei manchen Marktteilnehmern Unruhe aus.

          Diese Unruhe könne längere Zeit an den Aktienmärkten anhalten, warnt Mohamed El-Erian, Berater des Allianz-Konzerns, der vier Gründe nennt. So sei eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums in der Welt wenig wahrscheinlich; zudem nähmen die politischen Spannungen in der Welt zu. Drittens lasse die Wirkung der expansiven Geldpolitik nach. Als vierten Grund nennt El-Erian ein Nachlassen der Aktienrückkäufe amerikanischer Unternehmen, die seit geraumer Zeit die Aktienkurse an der Wall Street gestützt hatten.

          Für die Anleihemärkte kommt eine pessimistische Prognose von der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs. Sie sagt bis zum Jahresende einen Anstieg der Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen von derzeit 1,67 auf 2 Prozent voraus. Anleihen seien derzeit zu teuer, die Geldpolitik verliere ihre Wirksamkeit und die Hoffnungen auf eine expansivere Finanzpolitik nähmen zu, lauten die Argumente von Goldman-Analyst Francesco Garzarelli.

          Einen weiteren Grund für höhere Renditen amerikanischer Staatsanleihen sieht die Investmentbank JP Morgan in den etwas höheren Renditen auf den europäischen und japanischen Anleihemärkten. Sie verringerten die Differenz zu amerikanischen Anleihen und machten es für Investoren nicht länger reizvoll, europäische oder japanische Papiere zu verkaufen und den Erlös in währungsgesicherte amerikanische Staatsanleihen zu investieren.

          Nach Ansicht des britischen Analysehauses Oxford Economics drückt sich in den sehr niedrigen Anleiherenditen in vielen Ländern ein fehlendes Vertrauen der Anleger in die Fähigkeit der Notenbanken aus, ihre Inflationsziele von rund 2 Prozent in einer absehbaren Zeit zu erreichen. In einer Untersuchung ist von „massiven Wetten“ gegen die Geldpolitik die Rede. Bei Oxford Economics geht man davon aus, dass diese Inflationsziele in den kommenden drei Jahren erreicht werden können und die Spekulationen über eine „Japanifizierung“ verfehlt sind. „Anleihebesitzer dürften große Verluste erleiden, wenn die Inflationsziele erreicht werden – und katastrophale Verluste erleiden, wenn die Notenbanken ihre Inflationsziele erhöhen sollten.“ Höhere Inflationsziele seien zwar wenig wahrscheinlich, aber sie sollten nicht ganz aus dem Auge verloren werden.

          Aber nicht alle Marktbeobachter sagen schwere Verwerfungen an den Finanzmärkten voraus. Holger Schmieding von Berenberg erwartet, dass die EZB ihr Anleihekaufprogramm noch einmal über den März 2017 hinaus verlängern, aber im kommenden Jahr auch verbal auf ein Ende des Programms einstimmen wird. Der Ökonom hält es für wahrscheinlich, dass die Anleiherenditen unter vorübergehenden Schwankungen leicht steigen werden, aber sehr hohe Renditen hält er nicht für wahrscheinlich: „Die fundamentalen Ursachen der niedrigen Renditen werden nicht schnell verschwinden. Die Kernrate der Inflation wird sich wahrscheinlich nicht stark beschleunigen. Das Kreditwachstum wird besonders in der Eurozone nur langsam zunehmen.“

          Die wachsende Nervosität an den Finanzmärkten zeigt sich auch in sogenannten Volatilitätsindizes, die Schwankungen von Finanzmarktpreisen abbilden. So ist an der Terminbörse in Chicago der Vix auf seinen höchsten Stand seit dem Juni gestiegen. Der Vix misst die erwarteten Kursschwankungen am amerikanischen Aktienmarkt; gleichzeitig gilt er als eine Art Barometer für den Zustand der Finanzmärkte auf der Welt. Zuvor hatte sich der Index auf einem sehr niedrigen Stand befunden – ein Indiz, dass sich an den Finanzmärkten im Stillen Spannungen aufgebaut haben, die nunmehr sichtbar werden.

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