https://www.faz.net/-gv6-79k7v

Zinsen : Dem Euribor gehen die Banken aus

Europa-Statue in Brüssel Bild: dapd

Seit Sommer 2012 haben zehn Banken das Gremium verlassen, das den Referenzzins bestimmt. Sie befürchten Rechtsrisiken.

          Der Skandal um mögliche Absprachen bei Referenzzinsen wie Libor oder Euribor hat einen Exodus der Banken ausgelöst. Dies gilt vor allem für den Euro-Referenzzins Euribor, an dessen täglicher Umfrage sich nur noch 34 Banken beteiligen werden. Zehn Institute haben das Gremium verlassen. Sie befürchten Rechtsrisiken.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ähnlich wie beim für Dollar-Geschäfte maßgeblichen Libor ermitteln auch beim Euribor Aufsichtsbehörden wegen angeblicher Manipulationen. Die Flucht aus dem Euribor-Gremium hat den für das Verfahren verantwortlichen Europäischen Bankenverband EBF am Freitag dazu veranlasst, eine Trennung zwischen den Bankengruppen vorzunehmen, die an der Euribor- oder an der Eonia-Umfrage teilnehmen.

          Deutsche Banken werfen den Bettel hin

          Während der Euribor sich auf Interbankenkredite mit einer Laufzeit von einer Woche bis zu einem Jahr bezieht, gibt der Eonia den Zinssatz für Übernachtausleihungen wieder. Die Europäische Zentralbank (EZB) rief die Banken dazu auf, in den Gremien zu bleiben oder sich diesen wieder anzuschließen.

          Mitte dieser Woche hatten die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) mitgeteilt, dass sie sich nicht mehr an dem Euribor-Verfahren beteiligen werden. Die beiden Landesbanken werden aber weiterhin ihre Eonia-Daten dem EBF melden. Ein LBBW-Sprecher erklärte, dass ein organisatorisch mit vertretbarem Aufwand zu gewährleistendes, rechtssicheres Fixing wünschenswert sei. Notwendig sei aber auch eine ausreichende Marktbreite. Diese Voraussetzungen seien derzeit leider nicht gegeben, sagte er.

          Angst vor Rechtsrisiken

          Die Europäische Kommission und die europäischen Aufsichtsbehörden für Banken (EBA) und Wertpapiermärkte (ESMA) arbeiten derzeit an Vorschlägen, um Manipulationsanfälligkeit der Verfahren zu verringern. Doch die hohe Zahl der an der Umfrage teilnehmenden Banken gilt als Qualitätsmerkmal des Euribor im Vergleich zum Libor. Für die Libor-Festlegung melden 18 Banken täglich ihre Konditionen, zu denen sie sich bei Wettbewerbern kurzfristig Geld leihen können. Beim Euribor waren es im vergangenen Sommer noch 44 Banken.

          Absprachen unter den Banken werden umso schwieriger, je höher die Zahl der Teilnehmer liegt. Doch vielen sind die Rechtsrisiken zu hoch. Neben der Helaba und der LBBW sind die Landesbank Berlin, die Bayern LB, die Deka-Bank, die niederländische Rabobank, die Citibank, die österreichische Raiffeisen Bank International, die Svenska Handelsbanken und die UBS ausgetreten.

          Zinsderivate und Kredite

          Die Finanzkrise sowie die europäische Staatsschulden- und Bankenkrise haben dazu geführt, dass die Geldmärkte ausgetrocknet sind. Die Banken misstrauen sich untereinander. Deshalb finden kaum noch Transaktionen statt, so dass die Banken keine tatsächlichen Transaktionsdaten melden, sondern lediglich Schätzungen. Deshalb wird in Bankenkreisen zunehmend an der Aussagekraft von Libor und Euribor gezweifelt.

          Doch die Bedeutung dieser Referenzzinsen ist hoch. An den Libor sind Finanzprodukte von 500 Billionen Dollar gekoppelt. Vor allem am außerbörslichen Markt für Zinsderivate sollen nach den Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) auf dem Libor Produkte im Nominalwert von 149 Billionen Dollar beruhen. Doch wie die EZB in ihrem jüngsten Finanzstabilitätsbericht hervorhebt, nimmt der Euribor bei Zinsderivaten mit einem Nominalvolumen von 187 Billionen Dollar eine noch größere Bedeutung ein. Damit hat der Euro an Zinsswaps, Zinsoptionen und -terminkontrakten einen Anteil von etwa 28 Prozent.

          Dagegen nimmt die Bedeutung des Euribor den EZB-Angaben zufolge an den Kredit- und Anleihemärkten ab. Im Jahr 2012 wurden an private Haushalte auf dem Euribor basierende variabel verzinsliche Kredite von 327 Milliarden Euro vergeben. Im Jahr 2007 waren es noch 776 Milliarden Euro. Der Anteil ist von mehr als 50 auf 38 Prozent gesunken. In diesem Zeitraum sanken die Euribor-Kredite an Unternehmen von 3,8 auf 2,5 Billionen Euro. Euribor-Anleihen wurden im vergangenen Jahr im Volumen von 300 Milliarden Euro begeben. Vor fünf Jahren waren es noch mehr als doppelt so viel.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vorwürfe im Vorwahlkampf : Trumps zwielichtiges Telefonat

          Donald Trump soll den ukrainischen Präsidenten aufgefordert haben, Ermittlungen gegen den Sohn seines möglichen Konkurrenten Joe Biden anzuschieben. Ging es auch um die Erpressung mit amerikanischen Finanzhilfen?
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.