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Staatsanleihen : Zahlungskrise in der Mongolei

Bis zu minus 50 Grad zeigt das Thermometer im mongolischen Extremwinter. Bild: dpa

Die Mongolei steht vor dem finanziellen Kollaps. Fallende Rohstoffpreise, extreme Witterung und Tierseuchen bedrohen das Land. Auch der Nachbar China hat seine Finger im Spiel.

          3 Min.

          In Europa fast unbemerkt, hat sich im fernen Asien eine neue Schuldenkrise Bahn gebrochen. Der Internationale Währungsfonds und asiatische Länder sind derzeit bemüht, die Zahlungsfähigkeit der Mongolei zu erhalten.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Fonds hat angesichts einer drohenden Staatspleite eine Nothilfe in Aussicht gestellt. Gemeinsam mit seinen Partnern will die Organisation das Land mit rund 5 Milliarden Euro unterstützen. Der IWF selbst werde über einen Zeitraum von drei Jahren rund 440 Millionen Dollar bereitstellen. Die Asiatische Entwicklungsbank, die Weltbank sowie Japan und Südkorea würden bis zu drei Milliarden Dollar zahlen, teilte der IWF am Sonntag mit.

          Viele Nutztiere fallen der Eiseskälte zum Opfer. Bilderstrecke

          Die Mongolei ist mit rund 23 Milliarden Dollar verschuldet, was dem Zweifachen des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Am 21. März wird eine Zahlung von 580 Millionen Dollar auf eine Anleihe fällig, die refinanziert werden soll. Im kommenden Jahr sind es 800 Millionen Dollar an Schuldendienst, was 7,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Das Haushaltsdefizit entsprach zuletzt knapp 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

          Die mongolische Landeswährung Tugrik hat gegen den Dollar seit 2013 um rund 80 Prozent abgewertet, das Wachstum ist von 17,5 Prozent im Jahr 2011 auf 0 Prozent im vergangenen Jahr gefallen.

          In Chinas Würgegriff

          Das Land wird derzeit gleich von mehreren Faktoren gebeutelt. Zum einen ist der Kupferpreis zwischen 2001 und Herbst 2016 deutlich gefallen und hat sich jüngst erst ein wenig erholt. Doch just als diese Erholung einsetzte- überwarf man sich wegen des Besuchs des Dalai Lama mit China, das im November sämtliche Gespräche über Kredite und Wirtschaftsprojekte abbrach und zudem Zölle auf mongolische Rohstoffe einführte.

          China ist nicht nur ein wichtiger Investor, sondern nimmt auch mehr als 80 Prozent der Ausfuhren des Landes ab. Die mongolische Krise wurde zwar von China nicht herbeigeführt, aber zumindest zum Teil kann man der wirtschaftlichen Großmacht die derzeitige Zuspitzung anlasten. Die Mongolei sagte jedenfalls zu, den Dalai Lama nicht wieder einzuladen.

          Chinas Außenminister Wang Yi ließ jetzt am Montag verlauten, man unterstütze das Nachbarland bei der Überwindung seiner wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Unter anderem wolle man mehr Agrar- und Bergbauerzeugnisse importieren.

          Die chinesische Zentralbank werde ihr bereits bestehendes, rund zwei Milliarden Dollar umfassendes Tauschgeschäft mit der Bank der Mongolei zudem um mindestens drei weitere Jahre verlängern. Der IWF-Vorstand muss der Notzahlung allerdings noch zustimmen. Eine Entscheidung wird für März erwartet.

          Hitze- und Kältewellen bedrohen Vieh

          Als ob das nicht schon genug sei, sind nach einem zweiten extremen Winter in Folge zehntausende Nomaden in ihrer Existenz bedroht: Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) startete vergangenen Donnerstag einen internationalen Hilfsaufruf. Bis Anfang Februar seien mehr als 42.000 Nutztiere verendet, erklärte das mongolische Rote Kreuz unter Berufung auf die Behörden des Landes. Die Zahlen dürften demnach aber "exponentiell" ansteigen. Das Rote Kreuz schätzt, dass etwa 157.000 Menschen in 17 der 21 Provinzen in ihrer Existenz bedroht sind.

          Viehhaltung ist die Existenzgrundlage für etwa die Hälfte der Bevölkerung der Mongolei. Das asiatische Land erlebte das zweite Jahr in Folge das als Dsud bezeichnete Wetterphänomen, bei dem auf einen extrem heißen Sommer ein extrem kalter Winter folgt. In diesem Winter sanken die Temperaturen teilweise auf minus 50 Grad. In der Dsud-Periode 2015/2016 waren in der Mongolei mehr als eine Million Nutztiere verendet. Im Winter 2009/2010 hatte das Land die schlimmste Dsud-Saison überhaupt erlebt: Damals verendeten nach offiziellen Angaben mindestens acht Millionen Tiere.

          Nach Angaben der Hilfsorganisation ereignet sich ein Dsud für gewöhnlich etwa alle zwölf Jahre. Vermutlich sei der Klimawandel für die Häufung des Phänomens verantwortlich.

          Extreme Luftverschmutzung

          Viele Mongolen leben unter ohnehin schwierigen Bedingungen als Nomaden in der weiten, kargen Steppenlandschaft. Die IKRK-Vertreterin Gwendolyn Pang sagte in Peking, vielen von ihnen werde nach dem Verlust ihrer Lebensgrundlage nichts anderes übrig bleiben, als in die Hauptstadt Ulan Bator oder andere Städte zu ziehen.

          Doch dort ist die Luftverschmutzung schon jetzt exorbitant hoch, weil Kraftwerke und Kohlefeuer wegen des kalten Winters auf Hochtouren laufen. Die Grenzwerte in der Hauptstadt Ulan-Bator sind um das Achtzigfache überschritten und die Verschmutzung damit fünfmal so hoch wie in Peking. Die Regierung hat mittlerweile den Nachtstrompreis abgeschafft, um die Verbrennung von Kohle und anderen toxischen Materialien zugunsten elektrischer Heizgeräte einzudämmen. Der Regierung fehlen derzeit die Mittel, um den Hausbau weitere voranzutreiben und Zeltsiedlungen aufzulösen.

          Obendrein bedroht eine gefährliche Tierseuche die stark gefährdete Saiga-Antilope. Die Pseudo-Rinderpest war im September unter Ziegen und Schafen ausgebrochen. Vermutlich hatten Tiere aus China das Virus eingeschleppt.

          Wegen ihrer in der traditionellen chinesischen Medizin beliebten Hörner sind die Tiere ohnehin schon durch Wilderei bedroht. Das könnte schwere Folgen für das Ökosystem des mongolischen Graslandes haben, sagen Experten.

          Die Krankheit könnte sich zudem noch weiter unter den 55 Millionen Stück Vieh ausbreiten könnte, von denen das Einkommen und Leben vieler Mongolen abhängt. Mit seinen 22 Millionen Ziegen ist das Land der zweitgrößte Produzent von Kaschmirwolle - und unter anderen Wildtieren sind schon Infektionen des Sibirischen Steinbocks und der Kropfgazelle entdeckt worden.

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