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Yngve Slyngstad, norwegischer Staatsfonds : „Die Umschuldung Griechenlands war eine unglückliche Entscheidung“

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Yngve Slyngstad, Chefverwalter des norwegischen Staatsfonds Bild: AFP

Norwegens Ölfonds ist einer der größten Investoren der Welt. Wegen der Unsicherheit über den Euro schichtet er seine Anlagen um. Der Chefverwalter beklagt den Mangel an verlässlichen Regeln im Umgang mit der Schuldenkrise.

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          Der Ölfonds macht Norwegen zum reichen Onkel von Europa. Warum nehmen Sie Ihren armen Neffen und Nichten im Süden jetzt das Geld weg?

          Die Beschreibung passt schon deshalb nicht, weil wir ja ein viel jüngeres Land als die meisten anderen sind. Aber was zurzeit im Euroraum geschieht, beunruhigt uns. Während der ersten Jahre seines Bestehens waren 60 Prozent des Anleihe- und 50 Prozent des Aktienvermögens unseres Staatsfonds in Europa investiert. Doch gerade mit Blick auf das Anleiheportefeuille sind wir jetzt besorgt. Denn wir verwalten das Vermögen unserer Enkelkinder. Deshalb sind für uns sichere Investitionen besonders wichtig - gerade bei den Staatsanleihen. Die jüngste Entscheidung, die wir in dieser Hinsicht für sehr unglücklich hielten, war die Umschuldung Griechenlands.

          Was genau kritisieren Sie daran?

          Zunächst ist es sehr problematisch, dass institutionelle Gläubiger aus dem Euroraum Vorrang vor privaten Investoren erhalten haben. Wenn eine Bank zum Beispiel eine private Immobilienfinanzierung prüft, wird sie zuerst nach der Rangfolge ihrer Ansprüche fragen. Nun haben sich im Fall von Griechenland die Regierungen der Euroländer und die Europäische Zentralbank (EZB) aber untereinander darauf geeinigt, dass sie selbst Gläubiger ersten Ranges sind. Damit sind wir automatisch zu einem nachrangigen Gläubiger geworden. Eine solche Veränderung der Gläubigerrangfolge im Nachhinein ist für uns nicht akzeptabel - auch wenn wir wissen, wie schwierig die Situation ist. Hier geht es ums Prinzip. Zweitens kritisieren wir die rückwirkend in Kraft getretenen Bestimmungen der sogenannten „Collective Action Clauses“. Denn wenn erst einmal bindende Verträge aufgelöst worden sind, wie können wir da wissen, ob in Zukunft nicht auch noch andere Verträge aufgelöst werden? Auch das ist für uns eine Grundsatzfrage. Gesetze im Nachhinein zu verändern halten wir für sehr unglücklich.

          Wie nehmen es die anderen großen privaten Investoren auf, dass Sie sich so offen gegen den Schuldenschnitt aussprechen?

          Ich habe den Eindruck, viele von ihnen halten es für angebracht, dass jemand eine grundsätzliche Haltung dazu eingenommen hat. Griechenland allein beschäftigt uns ja gar nicht so stark. Das Beunruhigende ist vielmehr, dass man anscheinend jeden Einzelfall dieser Krise separat lösen will, ohne Rücksicht auf die langfristigen Folgen. Uns treibt die Frage um, nach welchen Regeln in anderen Staaten als Griechenland die nötigen Maßnahmen getroffen und welche Sicherheiten es künftig noch für private Investoren geben wird. Und weil wir glauben, dass die eingeschlagene Richtung für den Euroraum langfristig von Nachteil ist, haben wir unsere Kritik öffentlich gemacht.

          Was wäre für den Ölfonds, den größten privaten Einzelinvestor in Europa, schlechter: eine Auflösung der Währungsunion oder eine Fortsetzung des eingeschlagenen Rettungskurses?

          Die Lage ist so angespannt, dass wir mit solchen Aussagen sehr vorsichtig sind. Dazu hat die Frage eine zu große politische Dimension, die wir als Investor nicht beurteilen wollen. Wir können nicht einfach berechnen, was die Staatsschulden und die Banken in Europa wert sind, weil das von politischen Beschlüssen abhängt. Der Schuldenschnitt für Griechenland hat das deutlich gezeigt.

          Wie viele Milliarden werden Sie als Konsequenz daraus noch aus dem Euroraum abziehen?

          Ein solches Ziel würden wir nie bekanntgeben. Bislang haben wir den Anteil der in Euro begebenen Anleihen an unserem Anleiheportefeuille von knapp 50 Prozent auf 39 Prozent gesenkt, und wir senken ihn weiter. Auch das Volumen der in Euro gezeichneten Bankanleihen haben wir fast halbiert. Denn das Problem ist hier das gleiche wie bei den Staatsanleihen: Die EZB leiht den Banken Geld, erhält dafür Sicherheiten - und für die anderen Gläubiger bleibt entsprechend weniger übrig. Deshalb investieren wir in diesem Sektor nur noch in gedeckte Schuldverschreibungen. Das heißt zugleich, dass die europäischen Banken vor einer großen Herausforderung stehen: Werden sie künftig von privaten oder von öffentlichen Investoren finanziert werden?

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