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Mittelstandsanleihen : Wöhrl-Anlegern drohen Verluste von 80 Prozent oder mehr

Bei Wöhrl gibt es viel zu tun. Bild: Maria Irl

Nach dem Insolvenzantrag ist die Zukunft des Modehauses Wöhrl ungewiss. Sanierungsexperte Robert Buchalik rechnet mit Verlusten für die Anleger von bis zu 95 Prozent. Unterdessen stellt sich heraus, dass Sinn Leffers gar nicht zur Wöhrl AG gehört.

          Das Nürnberger Modehaus Rudolf Wöhrl hat in der vergangenen Woche in einem Schutzschirmverfahren Zuflucht vor seinen Gläubigern gesucht. Zu diesen gehören vor allem die Inhaber einer Mittelstandsanleihe im Volumen von 30 Millionen Euro. Insolvenzanträge wurden jedoch nur für einen Teil der Gesellschaften gestellt, nämlich die Konzern-Holding Rudolf Wöhrl AG und die größte Tochtergesellschaft „Das Haus der Markenkleidung“. Wöhrl begründet dies damit, dass man den Einstieg eines Investors nicht durch eine Fülle von Insolvenzverfahren erschweren wolle. Betroffen sind damit nur rund 1100 der insgesamt 2000 Mitarbeiter sowie 15 der 34 Filialen, von denen bis zu zehn geschlossen werden sollen. Wöhrl betont indes, dass alle Filialen geprüft würden und nicht nur die 15, die sich jetzt in der Insolvenz befinden.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch die Modekette Sinn Leffers hat mittlerweile einen Insolvenzantrag gestellt. Für manchen Anleihegläubiger dürfte dabei eine Überraschung sein, dass diese nicht der Rudolf Wöhrl AG gehört, sondern der Familie Gerhard Wöhrl. Denn im Prospekt zur Anleihe hatte Wöhrl die Übernahme noch als einen Verwendungszweck für die Erlöse genannt. Seinerzeit war eine Option für die Übernahme von Sinn Leffers durch die AG in Abstimmung. Diese Option übte Wöhrl nicht aus. Die wirtschaftliche Lage von Sinn Leffers habe sich seinerzeit verschlechtert, und ein hoher Restrukturierungsbedarf habe sich abgezeichnet. Daher sei die Entscheidung im besten wirtschaftlichen Interesse der Anleiheinvestoren gefallen, sagte ein Sprecher des Unternehmens.

          Den Anleiheinhabern mitgeteilt hatte Wöhrl dies aber bisher nicht. Die Frage nach dem Warum könne man nicht nachvollziehen, heißt es nun von Wöhrl. Mitteilungspflichtig wäre zweifellos die Optionsausübung gewesen, denn nur diese hätte Einfluss auf das Vermögen der AG gehabt. Die Option sei auch nicht ein wesentlicher Bestandteil des Prospekts gewesen. Vielmehr habe dieser drei potentielle Verwendungsfelder genannt, von denen der „Erwerb von Modehäusern beziehungsweise Modehandelsunternehmen“ nur einer gewesen sei. Tatsächlich habe man mit den Erlösen viele Einzelmaßnahmen zur Wachstumsfinanzierung durchgeführt und Verbindlichkeiten abgelöst. Das sei so auch im Prospekt angekündigt worden.

          Zu dem, was auf die Anleiheninhaber durch die Insolvenz zukommt, gibt es derzeit nichts Konkretes. Robert Buchalik, Partner der Kanzlei Buchalik Brömmekamp, die auf die Sanierung mittelständischer Unternehmen, insbesondere in der Insolvenz in der Eigenverwaltung und im Schutzschirmverfahren spezialisiert ist, geht indes davon aus, dass die Anleihengläubiger nur 5 bis 20 Prozent ihres Geldes zurückerhalten werden. Üblicherweise werde angestrebt, die nicht-besicherten Gläubiger mit einer Quote abzufinden, um die Passivseite der Bilanz zu stärken. „Ich gehe davon aus, dass dies auch bei Wöhrl geplant ist. Die Anleihe dürfte auch das eigentliche Ziel des Verfahrens sein“, sagt Buchalik. „Auch bei Wöhrl werden die Anleger, wie in ähnlichen Fällen, leider bluten müssen.“

          Es wurde kein Wertpapier gefunden!

          Das Schutzschirmverfahren sei schon ein Insolvenzverfahren und meistens die Ouvertüre zum eigentlichen Insolvenzverfahren, dann meistens in Eigenverwaltung. Etwas anderes ergebe auch nicht viel Sinn, denn mit der Rücknahme des Antrags gingen die wesentlichen Vorteile des Verfahrens verloren. Wöhrl müsste Insolvenzgeld und Steuer- und Abgabenbefreiungen zurückerstatten. Aber just wegen dieser Liquiditätszuflüsse gehe man in ein solches Verfahren. „Auch ein Sozialplan käme erheblich teurer. Darüber hinaus lassen sich Filialen im Insolvenzverfahren erheblich leichter schließen. Es gibt unter der seit 2012 gültigen, neuen Insolvenzordnung ESUG kein Beispiel, bei dem ein Insolvenzverfahren nach oder während des Schutzschirmverfahrens zurückgezogen worden wäre.“ Auch auf einen Investor sollten die Anleger nicht hoffen. Für diesen sei es gleichfalls sinnvoller, während eines Insolvenzverfahrens einzusteigen.

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