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Milliarden-Maschine EZB : Wie kommt das Geld in die Welt?

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Cœuré ist der Mann, dessen Entscheidung dafür sorgt, dass Michael Thomas bei der Bundesbank mittwochs früh überhaupt seinen Knopf drücken und Milliarden schaffen kann. Eine der Aufgaben von Cœuré: die Banken mit Geld versorgen. Jeden Dienstag melden die Banken Europas bis 9.30 Uhr an ihre nationalen Notenbanken, wie viel Geld sie haben möchten. Die melden es sofort weiter an die EZB. Um zehn Uhr gibt es im ersten Stock des Eurotower ein Treffen. Dort wird darüber gesprochen, was an den Märkten los ist und wie viel Geld die Banken wünschen. Cœuré ist dabei. Um 10.30 Uhr eilt er in die Sitzung des Direktoriums. Währenddessen kommt jemand aus seiner Abteilung mit den genauen Zahlen herein, was die Banken an Geld haben wollen. Cœuré zeichnet ab. Auf Papier, da ist man bei der EZB altmodisch. Damit gibt er die Milliarden frei. Alle.

Es gibt wenige, die so viel darüber wissen, wie das Geld in die Welt kommt, wie Cœuré. Was er erzählt, kann überraschen. Zum Beispiel dies: „Wer denkt, dass nur die Zentralbank Geld schafft, liegt falsch. Wir schöpfen Geld, und die Banken schöpfen auch Geld.“ Das erstaunt, wenn man es zum ersten Mal hört. Die kleine Volksbank soll in der Lage sein, selbst Geld zu machen? Kommt das nicht alles von der EZB?

Die meisten Menschen stellen sich Geld ja so vor: Das, was auf meinem Konto ausgewiesen ist, liegt irgendwo in der Bank in einem Tresor als Bargeld. Das stimmt aber nicht. Die Banken halten viel weniger Bargeld, als sie Einlagen von Kunden haben. Das gesamte Geld in Europa beläuft sich auf eine Summe von knapp 10 Billionen Euro (siehe Grafik). Es ist aber nur rund eine Billion Euro an Bargeld vorhanden. Es geht also gar nicht, dass alles mit Bargeld hinterlegt ist. Normalerweise brauchen Banken auch nicht viel Bargeld, denn heute benutzen wir für größere Beträge häufig die Karte oder überweisen den Rechnungsbetrag. Das geht mit elektronischem Geld. Das dürfen die Banken selbst schaffen.

Wie das geht, erklärt Cœuré so: „Banken schöpfen Geld, wenn sie Geld an Haushalte und Unternehmen verleihen.“ Jeder Kredit ist also neu geschaffenes Geld. Das ist eine große Überraschung für jeden, der zum ersten Mal davon hört. Die erste Überraschung, die wir auf dieser Reise erleben. Weitere werden folgen. Die Erkenntnis, dass auch Banken Geld machen, ist so verblüffend, dass selbst viele Banker es nicht glauben.

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Im Turm einer Privatbank residiert ein freundlicher Herr, der sich bestens auskennt mit Geld. Seine Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass seiner Bank das Geld nicht ausgeht. Seinen Namen und den Namen seiner Bank will er nicht in der Zeitung lesen, das Thema ist zu kompliziert, zu groß die Gefahr, falsch verstanden zu werden. Dafür spricht er anonym umso offener. „Nein, wir schöpfen kein Geld“, sagt er voller Überzeugung. „Das macht die Notenbank.“

Neulich hat seine Tochter gefragt, ob er nicht einmal an ihrer Schule erklären kann, wie sein Beruf funktioniert. Er hat sich das so überlegt: „Ich bringe ein paar Münzen mit und verteile sie an die Hälfte der Kinder. Die können sie dann mir geben - sie sind die Anleger, ich bin die Bank. Und ich kann diese Geldstücke dann an die anderen Kinder verleihen - das sind die Kreditnehmer.“

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