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Wettkampf um Investoren : Bekommen die Prokon-Anleger doch noch ihr Geld zurück?

In Windräder wie diese in Sachsen-Anhalt investierte Prokon Bild: dpa

Das hat es in einem Insolvenzverfahren noch nicht gegeben: Um die Gläubiger der Windenergie-Firma Prokon ist ein regelrechter Wahlkampf entbrannt. Die Kontrahenten sind höchst ungleich.

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          Für all jene Anleger, die ihr Geld einst in das Windenergieunternehmen Prokon investiert haben, waren die vergangenen Monate eine schwierige Zeit. Denn rund anderthalb Jahre nach dem Zusammenbruch der Firma, einem der größten Anlageskandale der deutschen Geschichte, wissen sie eines noch immer nicht genau - wie viel von ihrem Geld sie am Ende wirklich wiedersehen werden. Es geht dabei um keine kleinen Summen: Rund 1,4 Milliarden Euro hatten 75.000 Deutsche dem Windparkbetreiber anvertraut. Alles, so viel war schon kurz nach dem dramatischen Zusammenbruch Anfang 2014 klar, würden sie mit Sicherheit nicht zurückbekommen.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In diesen Tagen aber erhalten die Anleger erstmals eine Ahnung davon, wie hoch der Verlust tatsächlich sein wird. Denn in den vergangenen Wochen hat jeder von ihnen ein schweres Paket im Briefkasten vorgefunden: ein Schreiben des Prokon-Insolvenzverwalters Dietmar Penzlin. 270 Seiten ist es dick und voller juristischer Fachbegriffe, doch am Ende geht es um eine einfache Frage: Wie soll es mit Prokon nun weitergehen?

          Entscheiden können darüber die Anleger, die als Gläubiger nun in einer Versammlung am 2. Juli über die Zukunft der Firma abstimmen sollen. Doch bei diesem Treffen und in den Wochen davor geht es in Wahrheit um mehr: Die Anleger müssen nämlich festlegen, welcher Weg ihnen als der bessere erscheint, um zumindest einen Teil ihres investierten Geldes zurückzuerhalten. Zwei Modelle stehen zur Auswahl, man könnte auch sagen: zwei Weltanschauungen. Auf der einen Seite ein Angebot des Energiekonzerns ENBW, der die Prokon-Windparks kaufen und selbst betreiben möchte. Und auf der anderen Seite eine Offerte des Vereins "Freunde von Prokon", in dem sich Anleger zusammengeschlossen haben, die Prokon auf keinen Fall in den Händen eines Konzerns sehen wollen: Sie möchten das Unternehmen in Form einer Genossenschaft fortführen.

          Was nach einer ideologischen Auseinandersetzung mit erwartbarem Ausgang klingt (wie soll sich ein Verein gegen die Profis eines Energieunternehmens durchsetzen?), ist noch längst nicht entschieden. Denn Insolvenzverwalter Penzlin hat sich nach langer Prüfung dazu entschlossen, nur diese beiden Angebote zur Abstimmung zuzulassen, obwohl es noch weitere Kaufinteressenten gab. Das zeigt, dass er beide für gleichermaßen seriös hält.

          Wie unterscheiden sich die Angebote nun voneinander? Am auffälligsten sind zunächst einmal die verschiedenen Rückzahlungsquoten, auf die Anleger je nach Modell kommen. Im Modell der Genossenschaft kann jeder Anleger auf 58,9 Prozent seines investierten Geldes hoffen. Beim Kauf durch ENBW dagegen sind es nur 52,2 Prozent. Müsste die Entscheidung da nicht eine klare Sache sein?

          Eben nicht. Um das zu verstehen, muss man sich ein wenig mit den Details der beiden Angebote beschäftigen. ENBW will insgesamt 550 Millionen Euro für das Prokon-Kerngeschäft zahlen, womit im Wesentlichen die bereits existierenden Windparks gemeint sind. Abhängig von der Höhe ihrer Investition erhielten die Anleger dann bereits innerhalb der nächsten Monate einen Teil ihres Geldes in bar zurück. Auch die Erlöse aus dem Verkauf von Randgeschäften der Windenergiefirma (zu ihr gehört beispielsweise auch ein Holzpaletten-Produzent) sollen den Anlegern sogleich zufließen, sobald der Verkauf unter Dach und Fach ist. Zusammengefasst: Bei ENBW kommen die Gläubiger zügig an einen Teil ihres Geldes.

          Anders ist dies beim Modell der "Freunde von Prokon". Es sieht vor, allen Anlegern mit Forderungen von mehr als 1000 Euro zunächst einmal eine Anleihe mit 15-jähriger Laufzeit ins Depot zu buchen. Der Beginn der Laufzeit soll frühestens im Jahr 2016 sein und die Anleihe jedes Jahr 3,5 Prozent Zinsen einbringen. Nun versprechen die Befürworter dieses Modells den Anlegern zwar, dass sie am Ende mehr Geld zurückerhalten als bei der ENBW-Lösung. Aber auf dieses Geld muss man im Zweifel 15 Jahre lang warten. Schließlich ist längst nicht sicher, dass die Anleihe tatsächlich so rege handelbar sein wird, wie sich die "Freunde von Prokon" das vorstellen. Auch der zweite Teil ihres Angebots ist mit Unsicherheit behaftet: Danach sollen die Anleger möglichst Mitglied einer Prokon-Genossenschaft werden, wodurch sie an zukünftigen Gewinnen Prokons beteiligt würden. Anleger sollten aber wissen, dass sie auf diese Weise die vollen unternehmerischen Risiken der Firma Prokon tragen. Soll heißen: Wenn die Gewinne ausbleiben, erhalten sie auch kein Geld.

          Fazit: So sympathisch das Genossenschaftsmodell manchem Prokon-Anleger auch erscheinen mag - viel spricht dafür, sich für das ENBW-Angebot zu entscheiden. Denn so kommen die Anleger zumindest gleich an einen Teil ihres Geldes. Lange genug darauf gewartet haben sie schließlich schon.

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