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Nach Stresstest : Niedrige Zinsen gefährden Versicherungen

Allianz-Arena in München: Laut Stresstest sind die großen Versicherer gut aufgestellt Bild: pixathlon / Action Images

Am Kapitalmarkt lassen sich die hohen Garantiezinsen nicht mehr verdienen. Die europäische Aufsicht befürchtet bei jeder vierten Gesellschaft eine Kapitallücke. Die Branche ist gefordert.

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          Die niedrigen Zinsen lassen die Kapitalanlageerträge der Versicherungskonzerne schmelzen. Nun hat die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa davor gewarnt, dass fast jeder vierte Versicherer die Kapitalanforderungen nach den neuen EU-Vorschriften Solvency II nicht mehr erfüllen könnte, sollte die Niedrigzinsphase noch über viele Jahre anhalten. „Eine Fortdauer des gegenwärtigen Niedrigzinsumfelds könnte bei einigen Versicherern dazu führen, dass sie in acht bis elf Jahren Schwierigkeiten bekämen, die Versprechungen gegenüber den Kunden zu erfüllen“, teilte die Eiopa nach Auswertung eines Stresstests mit.

          Henning Peitsmeier
          Wirtschaftskorrespondent in München.
          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Untersucht wurden die Folgen niedriger Zinsen für 225 Versicherer aus den 28 EU-Mitgliedstaaten. Die Namen der Unternehmen und deren Ergebnisse wurden im Gegensatz zum Banken-Stresstest aber nicht genannt. Die großen Gesellschaften wie die Allianz, Axa oder Generali gelten als krisenfest.

          Jedoch geht Eiopa-Chef Gabriel Bernardino davon aus, dass die Assekuranz im kommenden Jahr alles daransetzen wird, künftige Kapitallücken zu schließen. „Wir werden eine ganze Reihe von Maßnahmen sehen, von Kapitalerhöhungen bis hin zu Verschiebungen in der Bilanz“, erklärte Bernardino am Montag in Frankfurt. Auch ohne Stressszenario hätten 35 Versicherer schon jetzt Probleme, Solvency II zu erfüllen. Dabei handelt es sich wohl überwiegend um kleinere Gesellschaften.

          Große Versicherungen erfüllen Anforderungen

          „Die künstlich niedrig gehaltenen Zinsen können mittelfristig eine Herausforderung für die gesamte Branche in Europa werden“, sagte Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin sieht für den Fall unverändert niedriger Zinsen bei vielen Unternehmen der Branche erhebliche Kapitallücken.

          Derzeit erfüllen die großen deutschen Versicherer problemlos die Auflagen des Versicherungsaufsichtsrechts Solvency II, das zum 1. Januar 2016 in Kraft tritt. Jedoch bezog sich der Bafin-Test auf die Bilanzen und Zinsen Ende 2013. Doch die Zinsen sind weiter gesunken. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe liegt nun bei 0,7 Prozent nach knapp 2 Prozent am Jahresanfang.

          Für Solvency II benötigen die deutschen Versicherer im aktuellen Marktumfeld 15 Milliarden Euro. Aber maßgeblich sind die Zinsen: Je länger sie auf historisch niedrigem Niveau verharren, desto größer wird die Kapitallücke. Dass die Europäische Zentralbank über weitere Maßnahmen zur geldpolitischen Lockerung wie etwa den Ankauf von Staatsanleihen berät, dürfte in den Vorstandsetagen der Versicherer neue Sorgen hervorrufen. Die Bafin hat die deutschen Versicherer schon vor drei Jahren dazu aufgefordert, eine Zinszusatzreserve zurückzustellen. Diese beträgt nun rund 20 Milliarden Euro.

          Weniger Garantien – höhere Rendite

          Auf absehbare Zeit wird es vor allem für Lebensversicherer immer schwieriger, die Renditeversprechen früherer Jahre gegenüber ihren Kunden auch in Zukunft zu erfüllen: Denn eine vierprozentige Garantie aus den neunziger Jahren ist bei den niedrigen Zinsen von heute schwer zu verdienen.

          Seit Jahren ist er am Sinken: der Garantiezins
          Seit Jahren ist er am Sinken: der Garantiezins : Bild: F.A.Z.

          Seit dem Jahr 2010 ist der Garantiezins von 2,25 Prozent mehrfach gesenkt worden. Vom kommenden Jahr an sind es nur noch 1,25 Prozent für neue Versicherungsverträge. Die Versicherer stecken im Dilemma: Zwar können sie weiterhin in Staatsanleihen von OECD-Staaten investieren, die nach wie vor als risikolos gelten und deshalb keiner Eigenkapitalunterlegung bedürfen.

          Aber die damit zu erzielenden Renditen reichen nicht für früher zugesagte Garantiezinsen. Die Bafin drängt die Versicherer zu einer Abkehr von den lebenslangen Garantien. Die beiden Marktführer Allianz und Ergo bieten solche Produkte schon an: Die Garantien sind geringer, dafür ist die Chance auf höhere Renditen größer. Das spricht die Kunden offenbar an.

          Versicherer wollen unabhängig von Zinsen werden

          Längst haben vor allem die großen Konzerne wie Allianz und Munich Re auf der Suche nach attraktiven Renditen damit begonnen, in neue Anlageklassen zu investieren. Hoch im Kurs stehen Investitionen in die Infrastruktur: Straßen, Brücken, Tunnel.

          Zu sehr vom Zins abhängig: Versicherungen müssen ihre Kapitalanlagen diversifizieren
          Zu sehr vom Zins abhängig: Versicherungen müssen ihre Kapitalanlagen diversifizieren : Bild: F.A.Z.

          Die Assekuranz gehört zu den großen Investoren in Deutschland, ihre Kapitalanlagen belaufen sich auf gut 1,4 Billionen Euro. Die Munich Re hat angekündigt, ihre Anlagen künftig stärker zu diversifizieren: 2,5 Milliarden Euro in erneuerbare Energien, 1,5 Milliarden Euro in Infrastruktur und bis zu 4 Milliarden in Fremdkapitalfinanzierungen. Insgesamt also rund 8 Milliarden Euro, etwa 4 Prozent der gesamten Kapitalanlagen.

          So wie der weltgrößte Rückversicherer denken mittlerweile viele Vermögensverwalter in deutschen Versicherungskonzernen. Doch noch immer hängen fast 90 Prozent der Kapitalanlagen deutscher Lebensversicherer, die insgesamt 811 Milliarden Euro ausmachen, in Form von Anleihen oder Darlehen direkt von der Zinsentwicklung ab.

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