https://www.faz.net/-gv6-8bdv1

Weltweite Bilanz : 50 Leitzinserhöhungen seit Januar

So hoch wie die Bäume sind in Uganda auch die Zinsen. Bild: Picture-Alliance

Nicht überall lockern Notenbanken die Geldpolitik durch niedrigere Zinsen. Allerdings bereiten auch hohe Zinsen Anlegern nicht immer Freude. Stellvertretend steht dafür vor allem ein Schwellenland.

          3 Min.

          So viele Menschen klagen über eine expansive Geldpolitik und Niedrigzinsen. Dabei fällt die bisherige Bilanz des Jahres 2015 sehr gemischt aus. So hat es im bisherigen Jahresverlauf sehr wohl 75 Senkungen von Leitzinsen auf der Welt gegeben. Aber diesen geldpolitischen Lockerungen stehen immerhin 50 Erhöhungen von Leitzinsen gegenüber. Sollte die amerikanische Fed zur Wochenmitte, wie von den meisten Marktteilnehmern erwartet, ihren Leitzins zum ersten Mal seit 2006 erhöhen, befände sie sich keineswegs in der Rolle eines Pioniers.

          Es kann mehrere Gründe geben, warum Notenbanken Leitzinsen erhöhen. Der naheliegendste und nobelste Grund ist die Bekämpfung von Inflationsgefahren. Aber Zinserhöhungen werden auch von Notenbanken eingesetzt, um unerwünschte Kapitalabflüsse ins Ausland oder sehr starke Abwertungen der eigenen Währung zu bekämpfen. In einem solchen Falle handelte eine Notenbank aus einer Position der Schwäche. Und dann sollten Anleger sehr wohl überlegen, ob die hohen Zinsen ein guter Grund sind, in eine solche Währung zu investieren.

          Brasilien galt einmal als vielversprechend

          In manche dieser Länder können Ausländer auch kaum investieren. Ein solches Beispiel ist Uganda, das seinen kurzfristigen Leitzins im bisherigen Jahresverlauf vier Mal auf zuletzt 17 Prozent erhöht hat. Die Bank von Uganda hat das Ziel, die Inflationsrate (ohne Energie und Nahrungsmittel) bei 5 Prozent zu stabilisieren. Im November betrug die Inflationsrate 6,7 Prozent. Ein noch extremeres Exempel ist Ghana: Dort liegt die Inflationsrate bei 17 Prozent im Vergleich zu einer Zielrate von 8 Prozent.

          Ein für deutsche Anleger interessanteres Beispiel ist Brasilien, das zu den größten Enttäuschungen an den internationalen Kapitalmärkten zählt. Der kurzfristige Leitzins liegt mittlerweile bei 14,25 Prozent, und zehnjährige Staatsanleihen in der Heimatwährung Real rentieren gar mit 15,90 Prozent. Solche Papiere, die sich in vielen Schwellenländerfonds befinden dürften, bieten rein optisch eine mehr als ansprechende Rendite. Aber aus der Sicht des deutschen Anlegers gilt es zu bedenken, dass der Real am Devisenmarkt seit Jahresanfang gegenüber dem ansonsten auch nicht sehr starken Euro rund 30 Prozent seines Wertes verloren hat. Daher kaufen manche Anleger lieber brasilianische Staatsanleihen, die auf Dollar lauten. Hier rentieren Zehnjährige mit 6,60 Prozent.

          Brasilien gilt als Fall eines vielversprechenden Schwellenlandes, in dem in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht vieles schiefgegangen ist. Der tiefe Fall der Rohstoffpreise trägt zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten erheblich bei. Die Inflationsrate lag im November bei 10,48 Prozent. Die Notenbank verfolgt aber ein Inflationsziel von 4,5 Prozent. Die Kombination aus sehr hohem Zins und gleichzeitigem Verfall des Außenwertes einer Währung dient als ein Indiz für eine schwere Krise.

          Schwellenländer wehren sich gegen Kapitalabflüsse

          Es ist kein Zufall, dass sich unter den Ländern mit hohen Leitzinsen überwiegend Schwellen- und Entwicklungsländer verbergen. In den Industrienationen sind die Inflationsraten in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gefallen. Im Verein mit einem meist schwachen Wirtschaftswachstum ergibt sich ein Umfeld, in dem sich die Leitzinsen auf oder nahe historischen Tiefstständen befinden. Mehrere Notenbanken aus Industrienationen haben das Jahr 2015 sogar genutzt, um ihre Leitzinsen noch weiter zu senken. Dies gilt für die Europäische Zentralbank ebenso wie für die Notenbanken in Schweden, Norwegen, Kanada, Australien und Neuseeland.

          In vielen Schwellen- und Entwicklungsländern liegen die Inflationsraten im Schnitt noch höher als in den Industrienationen, und trotz stark sinkender Rohstoffpreise steigen in manchen dieser Länder die Inflationsraten weiter. Außerdem haben viele Schwellen- und Entwicklungsländer wenig entwickelte Kapitalmärkte. Abrupte, starke Kapitalabflüsse aus den Schwellenländern, wie sie in den vergangenen Jahren mehrfach beobachtet wurden, können die Stabilität der Finanzsysteme in diesen Ländern bedrohen. Dies ist ein Grund, warum sich manche Schwellen- und Entwicklungsländer mit hohen Zinsen gegen Kapitalabflüsse zur Wehr setzen wollen.

          Fed beeinflusst auch Schwellenländer

          In den traditionellen Kapitalmarktausblicken der Banken in der Vorweihnachtszeit wurden die Aussichten der Schwellenländer im kommenden Jahr überwiegend vorsichtig beurteilt. So erwartet die Commerzbank 2016 eine Stabilisierung der Rohstoffe, als deren Folge die Wirtschaft in Ländern wie Brasilien und Russland nicht mehr so schnell fallen sollte wie im laufenden Jahr. Andererseits werden nach der Einschätzung der Commerzbank Schwellenländer, die Rohstoffe vor allem importieren, konjunkturellen Rückenwind verlieren.

          Auch für die Schwellenländer ist die Politik der Fed sehr wichtig: Höhere Zinsen in den Vereinigten Staaten könnten die Attraktivität Amerikas als Anlageziel weiter steigern und dafür sorgen, dass ein baldiger Rückfluss von Geldern in Schwellenländer so schnell nicht zustande kommt. An den Märkten setzt sich die Ansicht durch, dass Schwellenländer nicht als Ländergruppe, sondern individuell betrachtet werden müssten. Dabei sehen die Länder mit den höchsten Zinsen nicht unbedingt am vielversprechendsten aus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.