https://www.faz.net/-gv6-8zbzy

Wall Street : Warum amerikanische Anleger auf Bankaktien abfahren

Bankaktien liegen bei Anlegern an der Wall Street gerade voll im Trend. Bild: AP

Apple und Amazon sind nicht mehr die Lieblinge der amerikanischen Anleger. Die schätzen wieder Bankaktien. Eine regelrechte Aufholjagd hat begonnen.

          Die erfolgsverwöhnten Börsianer an der Wall Street sind kurz vor dem Ende des zweiten Quartals zum zweiten Mal in diesem Monat ziemlich nervös geworden. Das gilt vor allem für Aktionäre von großen Technologiewerten wie Apple oder Amazon, die zuletzt die wichtigsten Triebfedern des amerikanischen Aktienmarkts waren. Der Composite-Index der Technologiebörse Nasdaq gab in dieser Woche bis Donnerstag fast 2 Prozent nach. Gegen den allgemein negativen Trend legten Bankentitel indes um mehr als 4 Prozent zu, die von der Aussicht auf höhere Dividenden und stärkere Zinserträge profitierten. In den Vereinigten Staaten kommen aber auch noch die Prüfungen der Notenbank Fed hinzu, wonach die 34 größten amerikanischen Banken ausreichend mit Eigenkapital ausgestattet sind, um schwere Krisen überstehen zu können.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Es handelt sich um eine leichte Rotation“, sagt Omar Aguilar, Leiter der Aktienanlage beim Wertpapierhaus Charles Schwab. Finanztitel gehörten zuletzt zu den Nachzüglern an der Börse. Gleichwohl rechnet die Mehrheit der Aktienstrategen mit weiteren, leichten Kursgewinnen für Aktien bis zum Ende des Jahres. Nach einer Umfrage des Wirtschaftssenders CNBC favorisieren drei Fünftel der befragten Strategen Bankaktien. Die Hälfte der Fachleute rechnet indes mit einer anhaltenden Führungsrolle der Technologiewerte.

          Banken-Stoxx-Index seit Januar stark gestiegen

          Technologieaktien gelten bei Anlegern als vergleichsweise hoch bewertet, was immer auch das Potential von Rückschlägen vergrößert. Fondsmanager hatten die Wette auf den Nasdaq Composite in einer anderen Umfrage kürzlich als „Massenspekulation“ bezeichnet. Trotz der Rückschläge am Donnerstag liegt der Nasdaq Composite in diesem Jahr aber immer noch mit 14 Prozent im Plus. Zum Vergleich: Der breiter gefasste Aktienindex S&P 500 ist in diesem Jahr nur um 8 Prozent gestiegen. Technologiewerte spielen eine große Rolle für den allgemeinen Trend des Aktienmarktes, weil sie gemessen am Börsenwert fast ein Viertel des S&P 500 ausmachen. Dahinter folgen die Gesundheitsaktien und Finanztitel, auf die jeweils knapp ein Siebtel der gesamten Marktkapitalisierung entfällt.

          In den vergangenen Tagen hatten vor allem Bankaktien, deren Kurse nach einem furiosen Jahresauftakt wieder zurückgefallen waren, eine Aufholjagd gestartet. Der KBW Nasdaq Bank Index, ein vielbeachtetes Branchenbarometer war am Donnerstag gegen den allgemein negativen Trend um mehr als 1 Prozent gestiegen und liegt im Vergleich zum Jahresanfang um knapp 4 Prozent im Plus. In Europa haben die Bankaktien noch deutlicher gewonnen. Der Banken-Stoxx-Index ist seit Jahresanfang um fast 12 Prozent gestiegen.

          In dieser Woche hat der Index um fast 3 Prozent zugelegt, nachdem am Wochenende entschieden worden war, dass zwei italienische Regionalbanken vom Staat doch gerettet werden dürfen. Damit sinkt für Bankaktionäre das Verlustrisiko in einer Schieflage. Zudem hatte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, nach Ansicht der Märkte eine erste verbale Weichenstellung vorgenommen, um die Anleger auf eine Ende der Anleihekäufe vorzubereiten. Das bestätigt das gute Konjunkturumfeld in Europa, was für die Banken zusammen mit der Aussicht auf wieder steigende Zinsen höhere Erträge erwarten lässt.

          Buffett wird größter Einzelaktionär bei Bank of America

          Für die amerikanischen Banken ist das gute Abschneiden im jährlichen Stresstest der Notenbank besonders wichtig, weil sie nun ihre Dividenden deutlich erhöhen und eigene Aktien zurückkaufen. Diese Maßnahmen stützen in der Regel Aktienkurse. Die Bank of America, das zweitgrößte amerikanische Kreditinstitut, will ihre Dividende jetzt um 60 Prozent auf 48 Cent je Aktie erhöhen. Für die Bank of America hat die Dividendenerhöhung den Nebeneffekt, dass der berühmte Investor Warren Buffett zu ihrem größten Einzelaktionär wird. Buffett hält über seine Anlagegesellschaft Berkshire Hathaway derzeit stimmrechtslose Vorzugsaktien der Bank of America, die 300 Millionen Dollar im Jahr an Dividenden bringen. Buffett kündigte am Freitag an, diese Aktien in Stammaktien umzutauschen, indem er seine Optionen ausübt. Er kann für 5 Milliarden Dollar Aktien kaufen, die an der Börse derzeit 17 Milliarden Dollar wert sind. Dadurch realisiert er einen Gewinn von mehr als 12 Milliarden Dollar.

          Berkshire Hathaway ist auch der größte Einzelaktionär von Wells Fargo, der Nummer drei der Branche. Bankaktien werden auch von der Aussicht auf eine lockere Regulierung unter der neuen Regierung Trump gestützt. In den vergangenen Monaten war dieser Impuls aber wiederholt geschwächt worden, weil der seit Januar amtierende Präsident Donald Trump angesichts anhaltenden Widerstands in seiner eigenen Partei Schwierigkeiten hat, Gesetzesinitiativen durchzusetzen.

          So verschob die republikanische Führung des Senats in dieser Woche eine Abstimmung über eine Gesundheitsreform – die der Abschaffung des als Obamacare bekannten Affordable Care Act gleichkäme. Die im S&P 500 abgebildeten Gesundheitsaktien haben mit einem Plus von 15 Prozent seit Jahresanfang ebenfalls eine Führungsrolle an der Börse übernommen. Besonders stark entwickelten sich zuletzt Biotechnologieaktien, die gemessen an einschlägigen Branchenindexfonds im Juni um rund 10 Prozent geklettert sind.

          „Angesichts der Unsicherheit wegen der Abschaffung des Affordable Care Act sowie der Debatte um die Medikamentenpreise ist die starke Entwicklung des Gesundheitssektors überraschend“, kommentierte Terry Sandven, der die Aktienstrategie bei der Vermögensverwaltung der U.S. Bank verantwortet. Im Wahlkampf war Trump gegen hohe Medikamentenpreise ins Feld gezogen. In einem jüngsten Entwurf für ein Dekret zu dem Thema scheint Trump nach Medienberichten allerdings wesentlich sanfter vorzugehen und eine lockerere Regulierung als besten Weg für niedrigere Medikamentenpreise zu sehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Pläne der Senderführung beim HR sind ein Misstrauensvotum gegen die eigenen Mitarbeiter.

          Kurs des Hessischen Rundfunks : Weniger Kultur wagen?

          Beim Hessischen Rundfunk soll das Radio-Kulturprogramm hr2 nach dem Willen der Senderführung verschwinden. Die Argumentation für diesen Schritt ist typisch. Sie zeugt von Verachtung – für die Kultur, die Mitarbeiter und die Beitragszahler.

          Muttermilch-Spenden : Ein Milliliter Lebenskraft

          Fridolin und Jonathan sind viel zu früh geboren. Auf der Intensivstation kämpfen sich die Frühchen in diese Welt – auch dank gespendeter Muttermilch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.