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Wall Street : Greenspan als Bruce Willis der Börse?

  • Aktualisiert am

Schmusekurs mit der Börse Bild:

Ungewöhnlich lange hat Fed-Chef Alan Greenspan geschwiegen. Am Dienstag deutete er erstmals sein Eingreifen an - falls die Wirtschaft zu stark abkühlen sollte.

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          Lange hatte der Präsident der amerikanischen Notenbank Fed nichts mehr allzu Weltbewegendes von sich hören lassen. Aber am Dienstag war es wieder einmal soweit. Gelohnt hat sich das Warten auf jeden Fall: Der Zinsstratege signalisierte mit bemerkenswerter Deutlichkeit, dass die Fed zur Abwehr bereit sei, falls die US-Konjunktur auf eine harte Landung zusteuern sollte.

          Die Aktienmärkte sahen das als Hinweis darauf, dass die Notenbank bei ihrer nächsten Sitzung am 19. Dezember von ihrer restriktiven Haltung abrücken würde. Bei manchen Marktteilnehmern dürfte sogar das Thema Zinssenkungsphantasie wieder aufgekommen sein, denn sie reagierten geradezu euphorisch. Mit dem größten Tagesgewinn aller Zeiten stiegen die Technologiewerte des Nasdaq Composite Index am Dienstag, und zwar um mehr als zehn Prozent. Und auch die Blue Chips des Dow Jones legten kräftig zu.

          Zinssenkungsphantasie verfrüht

          Manche Beobachter sehen Greenspans Äußerungen jedoch eher kritisch. So fragt beispielsweise Paul Donovan von UBS Warburg, wenn auch eher ironisch: „Sieht sich Greenspan etwa als Bruce Willis der Börse, der den kursgeschädigten Anlegern zu Hilfe eilt und Geschenke verteilt?“ Ernsthaft betrachtet geht Donovan davon aus, dass die Notenbank zumindest keine Anhebung der Zinsen mehr plant. Und bei einer weiteren Eintrübung der Wirtschaftslage im ersten Quartal des kommenden Jahres sogar zu Zinssenkungen übergehen könnte. Den Äußerungen sei zumindest zu entnehmen, dass die US-Volkswirtschaft auf einen nachhaltigen Wachstumspfad eingeschwenkt sei, aber auf keinen Fall darunter.

          Etwas skeptischer sieht das Frank Schröder von der HSBC Trinkaus & Burkhardt. „Es stimmt mich etwas nachdenklich, dass Greenspan so schnell reagiert hat und schon wieder 'Gas geben' will“. Das deute darauf hin, dass die Gefahr einer harten Landung für die US-Wirtschaft größer sei, als die Inflationsgefahr. Von daher sei Greenspans Rede als Mahnung an die Banken zu verstehen, bei der Kreditvergabe nicht allzu restriktiv zu sein. Gleichzeitig sieht Schröder darin eine Ermunterung der Konsumenten, nicht allzu pessimistisch zu werden. Beides zusammen könne einen „Teufelskreis“ einleiten, der die Konjunktur in einen Abwärtsstrudel ziehen würde. „Die weitere Entwicklung wird von den kommenden Konjunkturzahlen abhängen. Bestätigen die einen schnellen Rückgang der wirtschaftlichen Leistung, dürfte sich die Euphorie der Börse zunächst nur als Strohfeuer erweisen“, so Schröder.

          Anstieg der Kurse wohl kaum von Dauer

          Andreas Höfert von der UBS Warburg glaubt zwar nicht ungedingt an ein Strohfeuer, kann aber auch keine großen Avancen für die Kurse ausmachen. „Die Zinsbewegungen sind für die nächste Zeit gelaufen, die Äußerungen von Greenspan sind vor allem zur Beruhigung gedacht“, sagt er. Schließlich müssten die Märkte die Korrektur erst einmal verdauen.

          Ähnlich sehen es die Ökonomen der Hypovereinsbank. Die signifikanten Kursgewinne sind nach ihrer Meinung in erster Linie auf das Zurückkaufen von spekulativen Handelspositionen zurückzuführen. Es sei durchaus möglich, dass in dieser Hinsicht noch weitere Käufe kommen und zu einer „kleinen Jahresendrally“ führen könnten. Allerdings sei der Spielraum nach oben begrenzt. Denn entscheidend seien vor allem die Fundamentaldaten. Also die Frage, ob sich die Konjunktur tatsächlich stark abschwächt und wie die Unternehmensergebnisse des vierten Quartals ausfallen. Insgesamt werde sich die Situation allerdings beruhigen.

          Insgesamt raten die Experten momentan noch zur Vorsicht. Denn die vielen „Rekorde“ - ob bei Kursgewinnen oder Kursverlusten - im zu ende gehenden Jahr deuteten auf eine große Unsicherheit hin. Die müsse sich erst einmal wieder verflüchtigen. Mit einer wirklich freundlciheren Stimmung an der Börse rechnen sie erst dann wieder, wenn die Konjunktur tatsächlich nur langsam an Fahrt verliert und die Unternehmsgewinne wieder die - dann allerdings reduzierten - Erwartungen der Anleger erfüllen.

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