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Gebühr statt Gutschrift : Viele Sparer erwarten Negativzinsen für Privatanleger

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main Bild: dpa

Verlangen die Banken bald Negativzinsen auf private Ersparnisse? Vor allem ältere Anleger halten dies für möglich.

          Beinahe zwei von drei Sparern in Deutschland halten es für möglich, dass künftig auch private Sparer für ihre Geldanlagen Zinsen an die Bank zahlen müssen. Das geht aus einer Umfrage hervor, die am Mittwoch von Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, veröffentlicht worden ist.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Insgesamt 63 Prozent der Befragten rechnen damit, dass sie „eventuell“ (28 Prozent), „wahrscheinlich“ (26 Prozent) oder „ganz sicher“ (9 Prozent) in Zukunft bei der Bank für ihre eigenen Geldanlagen auch noch Zinsen zahlen müssen. Vor allem ältere Sparer machen sich darüber Sorgen. In der Gruppe zwischen 50 und 59 Jahren war die Zahl der skeptischen Antworten besonders hoch, hier rechnen 66 Prozent mit möglichen Strafzinsen.

          Raiffeisenbank fordert Negativzinsen

          Pikante Parallele: Ausgerechnet eine Raiffeisenbank, also ein Institut aus der gleichen genossenschaftlichen Gruppe wie der Auftraggeber der Umfrage, hatte vor drei Wochen als möglicher Tabubrecher auf diesem Gebiet bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt.

          Die Raiffeisenbank aus Gmund am malerischen Tegernsee in Oberbayern, die offenkundig eine ganze Reihe von Millionären zu ihren Kunden zählt, hatte im Juni 139 Privatkunden angeschrieben, die mehr als 100000 Euro bei der Bank kurzfristig angelegt hatten. Sie sollten das Geld entweder in Anlageprodukte stecken, die für sie (und die Bank natürlich) lukrativer sind – oder aber die Zinsen in Höhe von 0,4 Prozent selbst tragen, die Banken ihrerseits seit März dieses Jahres an die Europäische Zentralbank (EZB) für ihre überschüssigen Einlagen zahlen müssen.

          Seither nehmen die Spekulationen kein Ende, ob Gmund tatsächlich ein ungewöhnlicher Einzelfall ist – oder ob nicht doch jetzt nach und nach weitere Banken folgen werden. In einer Frankfurter Privatbank hieß es am Mittwoch, nicht mal in Bayern sei die Raiffeisenbank Gmund die einzige Genossenschaftsbank, die einen solchen Schritt zumindest in den Blick genommen habe.

          Der bayerischen Genossenschaftsverband hatte die Tegernsee-Bank hingegen als absolute Ausnahme dargestellt. Man habe Verständnis für das Verbandsmitglied Gmund, wisse allerdings von keiner Bank, die ähnliche Pläne verfolge. Immerhin wird die Tatsache, dass die Kunden in Gmund schon im Juni angeschrieben wurden, das Ganze aber erst im August öffentlich wurde, in Bankkreisen als Beleg gedeutet, dass solche Schritte mit kleinen Kundensegmenten probiert, aber nicht an die große Glocke gehängt würden.

          Höhere Gebühren als Ausgleich

          Die Grundprobleme sind in vielen Banken ähnlich: Es gibt einen Überhang an Einlagen. Den Banken wird mehr Geld überlassen, als sie sinnvoll anlegen können. Wenn sie selbst Beträge bei der EZB parken, zahlen sie dafür 0,4 Prozent Zinsen. Besonders problematisch sind deshalb für sie sehr große Beträge, die kurzfristig bei ihnen geparkt werden, die also gerade die kleinen Institute, die das nicht irgendwie aus unterschiedlichen Posten ausgleichen können, nicht einfach längerfristig anlegen können.

          Im Massensegment der kleinen Einlagen von Privatkunden findet man zumindest bislang noch kaum Negativzinsen. Wohl aus zwei Gründen. Zum einen, weil hier für die Bank die Gefahr größer ist als bei institutionellen Kunden, dass die Leute ihr Geld bar abheben. Und zum anderen gibt es in Deutschland relativ viel Wettbewerb um Privatkunden, an denen die Banken deshalb interessiert sind, weil sie ihnen andere, für sie lukrativere Bankprodukte verkaufen wollen.

          Deshalb sind viele Banken dazu übergegangen, von Privatkunden höhere Gebühren für Leistungen rund ums Girokonto zu nehmen, von der Commerzbank bis zur Postbank wurden entweder die Voraussetzungen für das kostenlose Konto verschärft oder Gebühren für bestimmte Leistungen eingeführt.

          Abschottung gegen Einlagen

          Damit haben die Banken zwar etwas ausgeglichen, dass sie von Privatkunden schwerer negative Zinsen verlangen können. Was aber nicht gelöst ist, sind die Schwierigkeiten mit relativ großen Einlagen, die kurzfristig geparkt werden. Hier gibt es offenbar eine Art negativen Wettbewerb; eine Bank nach der anderen schottet sich mit Negativzinsen von einem bestimmten Einlagenbetrag an dagegen ab, dass die vagabundierenden Großeinlagen nun alle bei ihr landen – möglichst, ohne zu viele attraktive Kunden zu vergraulen.

          Als die Skatbank im thüringischen Altenburg vor knapp zwei Jahren einen solchen Schritt wagte, galt das noch als skurrile Ausnahme. Dabei bewegte auch den Bankchef dort schon die Frage, wie man es als kleine Bank schafft, nicht zu viele große kurzfristige Einlagen anzuziehen und dann gleichsam im Geld zu ertrinken.

          Viele der größeren Banken haben solche abschreckenden Zinsen, für die sich die Formulierung „Strafzinsen“ eingebürgert hat, zunächst auf Unternehmenskunden beschränkt. Die Commerzbank hat sie seit langem, „Guthabengebühren“ heißen sie dort. Auch einige ostdeutsche Sparkassen sind offenbar zu dieser Praxis übergegangen, wie es am Dienstag hieß.

          Guthabengebühren auch im Ausland

          Auch viele Schweizer Banken haben Guthabengebühren für solche Großeinlagen, von der Credit Suisse bis zur Migros Bank. Die Summe, von der an solche Zinsen genommen werden, schrumpft aber offenbar tendenziell, und neben Unternehmenskunden kommen auch Privatkunden mit großen Einlagen in den Blick mancher Banken. Die Privatbank Lombard Odier hat eine Gebühr von 0,75 Prozent für nicht in Wertpapiere investierte Einlagen ab 100000 Franken auch für Privatanleger eingeführt. Die Alternative Bank in der Schweiz verlangt auch von Privatkunden auf dem sogenannten Alltagskonto einen negativen Zins in Höhe von 0,75 Prozent ab 100000 Franken Guthaben, für Einlagen unter dieser Grenze werden 0,125 Prozent fällig.

          Das deutsche Pendant zu dieser Bank, die GLS Bank in Bochum, führt stattdessen zum Jahreswechsel einen sogenannten „GLS Beitrag“ ein – pauschal 60 Euro pro Jahr und Kunde, mit einer Befreiung für Kinder und Ermäßigungen für junge Leute.

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