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Unternehmensanleihen : Gildemeister unter Druck

  • Aktualisiert am

Gildemeister-Chef Rüdiger Kupitza steht unter Druck Bild: dpa

Eine Großrazzia beim Werkzeugmaschinenbauer Gildemeister bringt am Mittwoch Aktien- und Anleihenkurse unter Druck. Es steht zu befürchten, dass diese sich bis zu einer Aufklärung der Vorwürfe nicht nachhaltig erholen können.

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          Der Höhepunkt einer Entwicklung ist nicht nur etwas Gutes. Denn danach geht es bekanntlich abwärts. Als der Bielefelder Werkzeugmaschinenbauer Gildemeister Anfang Dezember überraschend den Dienstleister Techem als Mitglied des Auswahlindex MDax ablöste, konnten sich die Aktionäre noch über gut 75 Prozent Gewinn mit der Aktie im laufenden Jahr freuen, lag das Allzeithoch doch nur knapp sechs Wochen zurück und war das angesichts des schwachen Marktes doch eine gute Bilanz.

          Anfang November hatte das Unternehmen die Umsatz- und Ergebnisprognose für 2007 abermals nach oben korrigiert und stellte ein Gewinnwachstum von mehr als 60 Prozent in Aussicht. „Damit erreichen wir die angestrebte Umsatzrendite vor Steuern von fünf Prozent“, jubelte Vorstandschef Rüdiger Kapitza damals.

          245 Basispunkte an einem Tag

          Die Anleihe hatte zwar ihre besten Tage schon hinter sich. Ihre Rendite lag bei 7,68 Prozent und damit mehr als 100 Basispunkte höher als noch am Jahresanfang und mehr als 200 Basispunkte höher als zum Kurshoch im Dezember 2005.

          Mittlerweile scheinen alle Träume von Gewinn und Rendite Makulatur zu sein. Die Sorgen sind groß und dementsprechend der Abgabedruck. Der Aktienkurs liegt um mehr als die Hälfte unter dem Allzeithoch. Allein heute beträgt das Minus knapp 20 Prozent. Die Rendite der Anleihe schnellte um nicht weniger als 245 Basispunkte auf 10,71 Prozent nach oben.

          Denn Gildemeister-Chef Rüdiger Kapitza ist ins Visier des Staatsanwaltschaft geraten. Die Behörde ermittle wegen des Verdachts der Untreue, Bestechlichkeit, Bestechung und Steuerhinterziehung gegen den Vorstandschef und zwei Österreicher, so der Bielefelder Oberstaatsanwalt Klaus Pollmann. In einer Großrazzia auf der Grundlage von 19 Durchsuchungsbeschlüssen hätten sich die Fahnder am Dienstag Büros und Privaträume vorgenommen und Unterlagen sichergestellt.

          Schwere Vorwürfe gegen den Vorstandschef

          Insgesamt habe es Razzien an elf Orten in Deutschland und Österreich gegeben. Details wollte der Oberstaatsanwalt nicht nennen, verwies aber darauf, dass ein Anfangsverdacht die Grundvoraussetzung sei, um ein Verfahren einzuleiten. Nach Unternehmensangaben richten sich die Ermittlungen auch gegen noch unbekannte Personen im Zusammenhang mit Provisionszahlungen ins Ausland.

          Laut eines Berichts der „Neuen Westfälischen“ (Mittwoch) gehen die Ermittler unter anderem dem Verdacht nach, Kapitza könnte sich bei Transaktionen mit einem österreichischen Geschäftspartner zulasten von Gildemeister persönlich bereichert haben.

          „Wir gehen davon aus, dass die Vorwürfe sich als unbegründet erweisen“, sagte Unternehmenssprecherin Tanja Figge. Der Vorstand erwarte, dass die Vorwürfe aufklärbar seien.

          Die Sprecherin bekräftigte zudem die Prognosen für 2007: 1,5 Milliarden Euro will der Hersteller von Dreh- und Fräsmaschinen umgesetzt haben und das bisher beste Geschäftsjahr in 137 Jahren verzeichnen. Überschuss und Vorsteuerergebnis sollen um mehr als 60 Prozent gestiegen sein, nachdem man in den ersten neun Monaten bei einem Umsatz von 1,07 Milliarden Euro einen Überschuss von 27,2 Millionen Euro und damit mehr als im gesamten Vorjahr erzielt hatte.

          Sorge um die Sanierungsstory

          Die Heftigkeit der Reaktion mag daher überraschen. Doch ist der Wiederaufstieg des Unternehmens, mit dem es seit dem Vordringen japanischer Wettbewerber am Weltmarkt in den siebziger Jahren tendenziell bergab ging, fest mit dem Namen Kapitza verbunden. Noch in den achtziger und neunziger Jahren hatte die West LB Millionen in das Unternehmen gesteckt, ohne es nachhaltig sanieren zu können.

          Das begann sich erst zu ändern, als Kapitza im Sommer 1996 das Ruder übernahm, der im Betrieb praktisch aufgewachsen und nach Studium und einigen Jahre bei der schweizerischen Maschinenbaugruppe Oerlikon zurückgekehrt war.

          Die Lasten der Vergangenheit drückten dennoch lange Zeit. So scheiterte ein Zusammenschluss mit dem Werkzeugmaschinenbau des Thyssen-Krupp-Konzerns im Jahr 2004 daran, dass die Essener das hochverschuldete und seinerzeit ertragsschwache Unternehmen hätten konsolidieren müssen.

          Zum Stichtag 30. September aber betrug die Eigenkapitalquote des Unternehmens immerhin schon 28,4 Prozent - ein großer Fortschritt gegenüber 14 Prozent im Jahr 1993. Auch die Nettofinanzverschuldung lag zum 31.12.2006 nur noch rund 90 Prozent über dem operativen Ergebnis - ein recht guter Wert.

          Unsicherheit und Misstrauen

          Mit Ratings von „Ba“ und „B“ liegt die Bonitätsnote der Agenturen indes nur im mittleren spekulativen Bereich. Vor allem Befürchtungen hinsichtlich der Zyklizität des Geschäfts sind es, die den Rating-Analysten Vorsicht geboten sein lässt. Immerhin verbuchte das Unternehmen in den Jahren 2002 und 2003 höhere Verluste als in den beiden folgenden Jahren an Gewinn erzielt wurde.

          Die Sorge, die die Anleger umtreibt ist die Befürchtung, dass der glänzende Aufstieg des Unternehmens einer kreativen Buchführung und Korruption zu verdanken sein könnte. Dafür gibt es derzeit keinen Beleg. Selbst wenn der als auch für einen Manager als sehr selbstbewusst geltenden Unternehmenschef in die eigene Tasche gewirtschaftet haben sollte, so muss das nicht gleichbedeutend mit Bilanzfälschungen sein.

          Indes sind die Sorgen angesichts der Finanzkrise, des Abschreibungsbedarfs bei Banken und deren mitunter mehr als unglückliche Kommunikation (vgl. Hypo Real Estate: Schlag für den Aktienkurs) groß und so überraschen die Gewinnmitnahmen nicht.

          Angesichts des schlechten Klima für Unternehmensanleihen, vor allem aus dem spekulativen Segment, ist nicht davon auszugehen, dass sich der Anleihenkurs bis zur restlosen Klärung der Vorwürfe nachhaltig wird erholen können. Sicher werden in den kommenden Tagen einige risikofreudige Schnäppchenjäger zuschlagen, für eine dauerhafte Stützung wird das nicht ausreichen.

          Der Aktienkurs ist dagegen durch die Unterstützung bei 15 Euro durchgebrochen. Das macht weitere Abgaben und Kurse unter zehn Euro wahrscheinlich - wenn nicht die Vorwürfe schnell aus der Welt geschafft werden.

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