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Unternehmensanleihen : Delphi-Insolvenz macht GM-Anleihen zu Schrecken ohne Ende

  • Aktualisiert am

Ernstes Problem: GM-Chef Wagoner Bild: picture-alliance / dpa

Der Konkurs des Automobilzulieferers Delphi ist auch für General Motors bedrohlich. Anleiheinhaber sollten dringend Verkäufe in Erwägung ziehen.

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          Für Anleger, die im Vertrauen auf die Größe und die Tradition des amerikanischen Autobauers General Motors in dessen Anleihen investiert haben, ist das Jahr 2005 ein ausgesprochen schlechtes Jahr gewesen. Und es sieht so aus, als ob es ein Schrecken ohne Ende werden könnte.

          Die jüngste Katastrophe kam in Gestalt der lang befürchteten Insolvenz des Automobilzulieferers Delphi, die dieser am Samstag anmeldete. Am späten Montag abend stuften daraufhin die Rating-Agenturen General Motors-Anleihen herab. Standard & Poor's änderten das Rating von General Motors (GM) auf BB- und prüfen eine weitere Herabstufung. Moody's beließ die Einstufung vorläufig unverändert auf Ba2, setzte die Titel aber auf die Beobachtungsliste für eine Herabstufung. Fitch hat aufgrund der ungewissen Auswirkungen der Delphi-Insolvenz auf das Finanzprofil das Rating zunächst unverändert belassen.

          Delphis Insolvenz als Menetekel

          Die Schicksale von Delphi und General Motors sind eng miteinander verknüpft. Zum einen wird Delphis Schicksal als symptomatisch für die amerikanische Automobilbranche angesehen. Lange Jahr konnten die „Großen Drei“, Chrysler, Ford und General Motors auf dem Heimatmarkt nach Gutdünken schalten und walten und die Preise diktieren. In dieser Zeit verdienten sie gut und davon bekamen auch die Beschäftigten einen Gutteil ab, in Form hoher Löhne, vorzüglicher Sozialleistungen und weitreichender Garantien.

          Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Die amerikanischen Autobauer sehen sich einem hochkompetitiven Markt gegenüber und sind nur bedingt in der Lage, sich gegen die ausländische Konkurrenz zu wehren. Doch die Wende konnten und wollten sie zunächst nicht sehen und sie tun sich immer noch schwer, diese zu vollziehen. Das liegt nicht zuletzt an der Gewerkschaft UAW, die sich am Schluß weigerte, Gehaltskürzungen von 64 Prozent auf zehn Dollar die Stunde zuzustimmen.

          Der seit wenigen Monaten amtierende Delphi-Chef und Insolvenz-Fachmann Steve Miller ist sich sicher: „Wenn GM 2007 ein Tarifabkommen abschließt, das so aussieht wie heute, werden sie unweigerlich in die Insolvenz müssen.“ Ohne Zugeständnisse bei Löhnen und Sozialleistungen sei dies unvermeidlich.

          „Ricks Problem ist ernster“

          Zum zweiten sind Delphi und General Motors historisch miteinander verwoben. Delphi wurde 1999 aus dem Konzern herausgelöst und in die Selbständigkeit entlassen. Das mag zunächst wie eine gefühlsmäßige Angelegenheit aussehen, doch Garantien und Ansprüche lassen für GM daraus eine handfeste Gefährdung werden. GM hätte Delphis Insolvenz gern verhindert - konnte aber nicht helfen.

          Zum Beispiel sah sich der Automobilkonzern außerstande, wie geplant 4.000 Delphi-Arbeiter wieder einzustellen, die aufgrund von Produktionskürzungen bei GM beim Zulieferer nicht mehr gebraucht wurden und die dieser dann weiter bezahlen mußte. Auch finanzielle Unterstützung konnte der Automobilkonzern nicht gewähren - da er ja selbst vor dem Abgrund steht.

          Und aus der Delphi-Insolvenz könnten GM existenzgefährdende Lasten entstehen. Zum einen ist Delphi weiterhin der wichtigste Zulieferer. Kommt es dort zu Produktionsausfällen, könnten sie sich bei GM auf der Kostenseite niederschlagen. Verheerend könnten sich auch 11 Milliarden Dollar an Pensionslasten auswirken, für die GM bei der Ausgliederung von Delphi seinerzeit eine Garantie gegeben hat.

          Analyst Ron Tadross von der Banc of America schätzt die möglichen zusätzlichen Pensionskosten auf sechs Dollar je Aktie. Dies würde seiner Ansicht nach das Konkursrisiko bei GM von zehn auf 30 Prozent erhöhen. Delphi-Chef Miller faßte gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg die Sachlage wie folgt zusammen: „ Mein Problem ist dringender, Ricks (d.i. GM-Chef Rick Wagoner) Problem ist ernster.“

          Spekulation auf GMAC erscheint gewagt

          Unter den gegebenen Umständen ist der DZ Bank zuzustimmen, wenn diese Investitionen in die Bonität von GM als unattraktiv und „für risikoaverse oder risikoneutrale Investoren nicht geeignet“ einstuft. Mit Einschränkungen gilt dies auch für die Anleihen der Finanztochter GMAC, deren Rating von beiden großen Agenturen derzeit mit BB bzw. Ba1 und damit besser als das des Mutterkonzerns angegeben wird.

          Standard & Poor's-Analyst Scott Sprinzen begründet das damit, daß die Wahrscheinlichkeit gestiegen sei, daß GM „strategische Optionen für GMAC verfolgen werde“ - im Klartext, daß der Autokonzern die Finanzdienstleistungssparte zum Teil oder ganz verkaufen muß. Das sahen auch die Anleger so. Als Reaktion weitete sich die Renditedifferenz zwischen den Anleihen von GM und GMAC deutlich aus.

          Das beruht aber wohl nur zum Teil darauf, daß sich die Chancen für GMAC-Anleihen verbessert haben. Denn so schreibt die DZ Bank: „Mit Blick auf die Bonität der Mutter GM wäre eine größere Unabhängigkeit der Tochter aus unserer Sicht negativ zu werten. Wir würden erwarten, daß sich in diesem Fall die Rating-Talfahrt von GM noch beschleunigt.“

          Dagegen schwebt auch über den Anleihen von GMAC eine gehörige Portion Unsicherheit, bis hin zu der Möglichkeit, daß der angeschlagene Mutterkonzern schon heute Vorgriffe auf die Kassen von GMAC getätigt hat. Mit Blick auf das Jahr 2007 ist von langlaufenden Anleihen beider Unternehmen abzuraten. Im Gegenteil: Den Hoffnungen auf eine Kurserholung steht das reale und nicht unwahrscheinliche Risiko eines Totalverlusts gegenüber. Insofern scheinen Anleger besser beraten zu sein, selbst für ein Ende mit Schrecken zu sorgen und sich dem Schrecken ohne Ende nicht weiter auszusetzen.

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