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Risikoprämien : Italienische Anleiherendite steigt kräftig

Unsichere Zeiten für Matteo Renzi: Die Risikoprämien für italienische Staatsanleihen steigen an. Bild: Reuters

Mit der politischen Unsicherheit kehren nun auch die Risikoprämien an den Kapitalmarkt zurück. Das hat vor allem Auswirkungen auf die italienischen Staatsanleihen Die Europäische Zentralbank verhält sich dabei verdächtig ruhig.

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          Lang ist die Liste der Überzeugungen, die seit einiger Zeit in der Finanzwelt von Anlagestrategen und Ökonomen verbreitet werden: Die Anleiherenditen können nicht steigen, weil die Zentralbanken den Deckel darauf halten. Die Renditen von Schuldnern unterschiedlicher Bonität können sich nicht mehr unterscheiden, weil die Zentralbanken die Risikoprämien abgeschafft haben. Die Renditen können nicht steigen, weil dann die Vereinigten Staaten und Europa in die Rezession stürzen. Die Renditen können nicht steigen, weil dann die Länder in der Europeripherie umfallen. Die Renditen können nicht steigen, weil das schlecht für die Banken ist.

          Und nun das: Die Anleiherenditen steigen – eigentlich schon seit dem Sommer, aber seit dem Gewinn der amerikanischen Präsidentenwahl durch Donald Trump in deutlich sichtbarer Weise, ohne dass sich die Geldpolitik verändert hätte. Das ist der Grund, warum der Renditeanstieg vor allem Anleihen mit langen Laufzeiten erfasst, während sich die stärker von der Geldpolitik abhängigen Renditen der Kurzläufer weniger verändern.

          Es handelt sich um ein globales Phänomen, das sich auch zu Wochenbeginn fortsetzte. Und die Banken leiden keineswegs; die Kurse von Bankaktien sind in den vergangenen Tagen sogar gestiegen. Auch die Risikoprämien bei Staatsanleihen sind wieder da. Am deutlichsten sind sie in überdurchschnittlich starken Renditeaufschlägen für Papiere aus Schwellenländern zu erkennen, die unter Einschränkungen des internationalen Handels leiden könnten.

          Rückkehr der Risikoprämien in der Eurozone

          Aber auch in der Eurozone kehren die Risikoprämien zurück, denn die Renditen legen in der Peripherie stärker zu als in Deutschland. Am stärksten steigen sie in Italien, wo die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen zu Wochenanfang mit 2,20 Prozent ihren höchsten Stand seit Juli 2015 erreichten. Eine Rendite von 2,20 Prozent sieht rein optisch nicht hoch aus, aber es gilt zu bedenken, dass sie im September nur 1,04 Prozent betrug. So hoch wie jetzt war der Renditeabstand zwischen italienischen und deutschen Zehnjährigen zuletzt vor rund zweieinhalb Jahren.

          Interessant ist, wie die Europäische Zentralbank (EZB) auf den Renditeanstieg reagiert: Bislang versucht sie nicht erkennbar, ihn zu bremsen. Eine Rede von Vizepräsident Vitor Constâncio am Montag auf der Euro Finance Week in Frankfurt erweckte sogar ein wenig den gegenteiligen Eindruck. Dort stellte Constâncio als Ergebnis des Anstiegs der Renditen für Anleihen mit langer Laufzeit den vorteilhaften Einfluss einer wachsenden Spanne zwischen langfristigen und kurzfristigen Zinsen für die Geschäfte der Banken heraus. Er dürfte der wichtigste Grund für die Hausse der Bankaktien sein. Auf die Bedeutung steigender Anleiherenditen für die Verschuldung der Euroländer ging Constâncio nicht ein.

          Hinzu kommt, dass vor allem in der angelsächsischen Finanzwelt Überlegungen kursieren, wonach die EZB ihr bis März laufendes Anleihekaufprogramm zwar verlängern dürfte, aber gleichzeitig eine Reduzierung der Anleihekäufe in Aussicht stellen könnte. Wollte die Notenbank doch noch versuchen, den laufenden Renditeanstieg zu bremsen, müsste wohl Präsident Mario Draghi ein deutliches Signal senden. Draghi spricht am kommenden Freitag auf dem European Banking Congress in Frankfurt.

          Interesse von Großanlegern wächst

          Die steigende Risikoprämie für italienische Staatsanleihen ist nach Ansicht von Marktteilnehmern vor allem politisch bedingt und erklärt sich mit einem Erstarken des politischen Populismus nach einer eventuellen Niederlage für Premierminister Matteo Renzi in der Volksabstimmung über eine Verfassungsänderung Anfang Dezember. Aus Finanzkreisen ist zu hören, dass das Interesse von Großanlegern aus der englischsprachigen Welt an Gesprächen mit der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung seit einigen Wochen wächst.

          Mit Blick auf die mit der Abstimmung in Italien verbundenen Unsicherheiten hat die Ratingagentur Fitch ihren Ausblick für den Schuldner gesenkt. Ein negativer Ausblick ist häufig, wenn auch nicht immer, ein Indiz für eine Herabstufung der Bonitätsnote in den kommenden Monaten. „Die Politik bewegt Europas Rentenmärkte, und Italien dürfte dort mindestens bis zur Abstimmung Anfang Dezember unter scharfer Beobachtung stehen“, schreibt Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank.

          Risiken vom Sieg der Anti-EU-Populisten

          „Die Risiken, dass Anti-EU-Populisten Wahlen in der Europäischen Union gewinnen können, sind signifikant“, urteilt Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei Berenberg: „Während wir ziemlich zuversichtlich bleiben, dass Marine Le Pen nicht die Präsidentenwahlen in Frankreich gewinnen wird, ist das italienische Risiko nicht gering.“ Mit den Anleiherenditen steigen auch die Preise für Kreditausfallderivate (CDS) auf italienische Staatsanleihen, auch wenn der Zuwachs etwa im Vergleich zur Eurokrise vor wenigen Jahren bisher nicht extrem ist. Auf der Basis von CDS-Preisen bewertet der Markt den Schuldner Italien etwa gleichrangig mit Schwellenländern wie Saudi-Arabien, Ungarn oder Malaysia. Für eine Industrienation ist der CDS-Preis hoch.

          Unterdessen hat die italienische Leistungsbilanz seit der heißen Phase der Eurokrise gedreht. Anstelle eines Defizits weist die Leistungsbilanz nunmehr einen Überschuss auf. Das heißt, dass Italien netto Kapital exportiert und nicht mehr, wie vor ein paar Jahren, importiert. Daher dürfte die Fähigkeit der italienischen Wirtschaft, das Haushaltsdefizit aus eigener Kraft zu finanzieren, heute größer sein als vor wenigen Jahren.

          Das Drehen der italienischen Leistungsbilanz in den vergangenen Jahren erinnert an die frühen neunziger Jahre. Damals verwandelte sich das Defizit in einen Überschuss, nachdem die Lira im Europäischen Währungssystem um 22 Prozent gegenüber der D-Mark abgewertet hatte. Nunmehr hat sich die Leistungsbilanz deutlich verbessert, obgleich sich Italien mit Deutschland in einer Währungsunion befindet.

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