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Umschuldung : Griechenland kann Gläubiger zur Teilnahme zwingen

Schwere Zeiten für die Griechen. Bild: dapd

Nicht nur Banken und Versicherer könnten für die griechische Pleite bezahlen müssen. Denn die Konditionen von 90 Prozent der Staatsanleihen können schnell geändert werden.

          Anlegern, die sich an der griechischen Umschuldung mit dem vereinbarten Forderungsverzicht von 50 Prozent nicht beteiligen wollen, droht ein böses Erwachen. Denn 90 Prozent der ausstehenden Staatsanleihen sind nach griechischem Recht aufgelegt worden. Dies bedeutet, dass das griechische Parlament jederzeit die Bedingungen bezüglich Zins- und Tilgungsleistungen ändern kann. Die Verhandlungen zwischen der Regierung Griechenlands und den institutionellen Investoren, also Banken und Versicherern, würden bald abgeschlossen, hatte die griechische Regierung zuletzt mehrmals verlauten lassen.

          Abschreibungsbedarf 50 bis 75 Prozent

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch eine Sprecherin des Bundesfinanzministeriums bekräftigte am Montag, dass man ein rasches Ende der Gespräche erwarte. Zu einem Bericht der Nachrichten-Website Euro2day.gr aus Griechenland, wonach die Bundesregierung einen Vorschlag prüfe, der auf einen Abschreibungsbedarf der privaten Gläubiger von 75 Prozent hinausliefe, äußerte sie sich nicht.

          Am Wochenende hatten amerikanische Medien berichtet, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) einen Schuldenschnitt von 50 Prozent nicht mehr für ausreichend halte, um die griechischen Staatsschulden auf ein nachhaltiges Niveau zu drücken.

          Staatsanleihen und Zinsstrukturkurven

          Die Eckpunkte für den Schuldentausch stehen schon fest: Die privaten Gläubiger, die griechische Staatsanleihen über gut 200 Milliarden Euro halten, verzichten auf 50 Prozent ihrer Forderungen. Für 15 Prozent erhalten sie eine Barzahlung und für 35 Prozent neue Anleihen mit einer Laufzeit von 20 bis 30 Jahren und einem Kupon von 5 Prozent. Jedoch müssen sie diese neuen Schuldtitel, die nach englischem Recht aufgelegt werden und damit für die Gläubiger eine höhere Qualität aufweisen, auf den Barwert abzinsen. Hieraus ergibt sich für die Banken und Versicherer ein zusätzlicher Abschreibungsbedarf, der den Verlust von 50 Prozent auf 65 bis 75 Prozent steigen lässt.

          Besser fahren unter Zwang

          Fraglich bleibt, ob für Banken und Versicherer die Annahme des freiwilligen Forderungsverzichts noch attraktiv ist. Zumal jene Investoren, die sich über Kreditausfallderivate (CDS) abgesichert haben, bei einem Zahlungsausfall Griechenlands sogar besser abschneiden könnten. Denn dann würden die über die CDS-Kontrakte vereinbarten Versicherungszahlungen ausgelöst.

          Gegenwärtig sind die CDS-Kontrakte aber wertlos, weil der Schuldentausch freiwillig ist. Es stellt sich auch die Frage, ob es für kleinere Investoren wie Hedgefonds oder Privatanleger sinnvoller ist, sich nicht zu beteiligen. Damit wäre die Hoffnung verbunden, dass Griechenland die alten Anleihen weiter tilgt.

          Immerhin entfallen nach Berechnungen der amerikanischen Investmentbank JP Morgan 80 Milliarden Euro der griechischen Staatsanleihen auf diese Investorengruppe. Die großen Investoren, die im Groben den Banken und Versicherern entsprechen, die derzeit, vertreten durch den internationalen Finanzverband IIF, mit Griechenland verhandeln, halten laut JP Morgan dagegen 120 Milliarden Euro. Allerdings widerspricht dies Angaben des IIF, demzufolge in dem für die Verhandlungen eingerichteten Gläubigerausschuss 70 bis 80 Prozent der Investoren vertreten sind. Dies entspricht Anleihen zwischen 140 und 160 Milliarden Euro.

          Fortsetzung der Zahlungen unwahrscheinlich

          Dass die unwilligen Investoren weiter mit Zins- und Tilgungsleistungen auf ihre alten Anleihen rechnen können, ist unwahrscheinlich. Dem dürften weder die griechische Regierung noch der IIF zustimmen. Theoretisch könnte das griechische Parlament kurz nach Bekanntgabe der Einigung die Bedingungen der alten, nach griechischem Recht aufgelegten Titel ändern.

          Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass die exorbitante Rendite so mancher griechischen Staatsanleihe nur auf dem Papier Bestand hat.

          Medienberichten zufolge erwägt die griechische Regierung die Einführung von "collective action clauses". Diese Umschuldungsklauseln ermöglichen eine Restrukturierung auch gegen den Willen einer Gläubigerminderheit. Doch dies könnte Klagen von Hedgefonds nach sich ziehen, die eine solche Änderung als Zahlungsausfall und damit als Kreditereignis gemäß der CDS-Kontrakte werten.

          Je geringer der Glaube, desto besser die Wirklichkeit

          In einem in der vergangenen Woche veröffentlichten Aufsatz sehen der auf Finanzrecht spezialisierte Juraprofessor Mitu Gulati und der Volkswirt Jeromin Zettelmeyer (Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung) zwei Bedingungen, die Privatanleger und Hedgefonds von der Teilnahme an dem Schuldentausch überzeugen können.

          Zum einen müsse das Risiko einer mittelfristig zweiten Umschuldung Griechenlands ausreichend hoch sein. Zum anderen müssten die Anleger davon ausgehen, dass diese Restrukturierung nicht mehr freiwillig sein werde. Die Autoren weisen auf das Paradox hin, dass die Teilnahme an dem nun verhandelten Schuldenschnitt umso höher sei, je weniger die Anleger von dessen Wirksamkeit überzeugt seien.

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