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Umfrage : EZB steht vor einer Leitzinserhöhung auf 1,5 Prozent

Bild: F.A.Z.

Die Mehrheit der Volkswirte geht davon aus, dass die EZB den Leitzins erhöhen wird. Das geht aus einer Umfrage der Agentur Reuters hervor. Die Marktteilnehmer hören genau hin, welche Signalwörter Jean-Claude Trichet in den Mund nimmt.

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          Die Europäische Zentralbank (EZB) steht am Donnerstag mit großer Wahrscheinlichkeit vor der zweiten Leitzinserhöhung dieses Jahres. Nach einer Umfrage der Agentur Reuters unter 68 Volkswirten wird der EZB-Rat auf seiner Sitzung mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent den Leitzins von derzeit 1,25 auf dann 1,50 Prozent anheben. Nur wenige Ökonomen erwarten keine Leitzinserhöhung. Die schwedische Reichsbank erhöhte am Dienstag zum siebten Mal in Folge den Zins; er steht nun bei 2 Prozent.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte noch in der vergangenen Woche abermals betont, dass die Zentralbank die Inflationsentwicklung „sehr wachsam“ verfolge. Dies gilt als Signalwort für eine bevorstehende Erhöhung des Hauptrefinanzierungssatzes, zu dem sich Banken bei der EZB Geld leihen können. Im Juni lag die Inflationsrate wie im Vormonat im Durchschnitt des Euroraums bei 2,7 Prozent, bedingt vor allem durch teures Öl und Rohstoffe.

          Genau hinhören, ob Trichet Signalwörter in den Mund nimmt

          Die amerikanische Notenbank Federal Reserve hingegen will ihren Leitzins von praktisch null Prozent nach eigenen Aussagen noch für längere Zeit beibehalten. Die in Basel sitzende Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hatte in der vergangenen Woche eindringlich davor gewarnt, die seit der Krise extrem expansive Geldpolitik zu spät zu straffen. Sie liegt damit auf einer Linie mit der EZB, die von den größeren Notenbanken der Welt im April als erste den Zins erhöhte. Die europäische Wirtschaft wächst im Durchschnitt recht kräftig – in der größten Volkswirtschaft Deutschland sogar deutlich oberhalb ihrer Potentialrate.

          „Spannend wird sein, ob die EZB auf der Pressekonferenz am Donnerstag Ansatzpunkte für ihr weiteres Vorgehen gibt“, sagt Jörg Lüschow, ein Analyst der West LB. Die Marktteilnehmer werden genau hinhören, ob Trichet bestimmte Signalwörter in den Mund nimmt: Spricht er davon, die Zentralbank müsse die Inflationsentwicklung „sehr genau“ oder „genau“ beobachten. „Ersteres hieße, dass sie den nächsten Zinsschritt schon im September ins Auge fasst, die zweite Formulierung besagt, dass es frühestens im Oktober zu einer weiteren Zinserhöhung kommt“, sagt Lüschow.

          Die Finanzmärkte erhoffen sich von der EZB-Pressekonferenz auch Informationen über die Haltung der Zentralbank zum vieldiskutierten französischen Vorschlag für eine Beteiligung privater Anleger an Hilfen zur Griechenland-Rettung. Die Ratingagentur S&P hatte angekündigt, sie werde eine Beteiligung, die unter Zwang geschehe, wahrscheinlich als „selektiven Zahlungsausfall“ (selective default, SD) werten. Bislang hatte die EZB-Spitze um Trichet und den Chefvolkswirt Jürgen Stark betont, dass sie bei einer Herabstufung griechischer Anleihen auf die Note „D“ oder „SD“ diese nicht mehr als Sicherheiten akzeptieren würde.

          „Er wird sich eher bedeckt halten“

          Damit könnten sich griechische Banken, die viele Anleihen ihres Staates halten, keine Liquidität mehr bei der Zentralbank beschaffen. „Die EZB hat nun Gelegenheit, sich zu dem französischen Vorschlag zu äußern. Wir sind gespannt, ob sie bei ihrem kategorischen Widerstand gegen einen Selective Default bleibt oder ob sie grünes Licht gibt“, sagt Elga Bartsch von der Investmentbank Morgan Stanley. Andere Analysten sind skeptisch, ob sich der EZB-Präsident schon am Donnerstag klar äußert. „Er wird sich eher bedeckt halten“, sagt Commerzbank-Volkswirt Christian Schubert: „Die Details des französischen Plans sind noch gar nicht alle bekannt.“ Die EZB wollte sich am Dienstag nicht zu einem britischen Pressebericht äußern, wonach sie griechische Anleihen so lange akzeptiere, wie nicht alle Ratingagenturen diese auf „Ausfall“ gestellt hätten.

          Bis Ende des Jahres rechnen fast alle Analysten mit einer weiteren Anhebung des Leitzinses durch die EZB auf 1,75 Prozent. Die Mehrheit erwartet, dass der Leitzins in einem Jahr 2,25 Prozent betragen könnte; eine Minderheit prognostiziert für Mitte 2012 einen Leitzins von 2,5 Prozent. Dadurch wird die Kreditvergabe der Banken verteuert. Angesichts der durch das starke deutsche Wachstum recht hohen mittelfristigen Konjunkturdynamik halten Volkswirte die EZB-Geldpolitik immer noch für expansiv. „Wir werden genau darauf achten, ob Trichet die Geldpolitik weiterhin als ,sehr akkomodierend‘ oder nur als ,akkomodierend‘ bezeichnet“, sagt Bartsch. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, wie viele Zinsschritte die EZB mittelfristig noch plane.

          Die Zentralbanker haben betont, dass sie den Anstieg der Teuerung wegen des Ölpreises als vorübergehend werten. Allerdings steigt auch die „Kernrate“ der Inflation, die ohne Energie und Nahrungsmittel berechnet wird. Nach der Projektion der Notenbank-Ökonomen wird die durchschnittliche Inflation im Euroraum im kommendem Jahr bei 1,7 Prozent liegen, die Konsensmeinung der Volkswirte liegt bei 1,9 Prozent.

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