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Wirtschaftliche Stagnation : Die Japanisierung der Anleiherenditen schreitet voran

„Willkommen in der Japanisierung“: Lange dauernden Phase wirtschaftlicher Stagnation Bild: dpa

Trotz guter amerikanischer Arbeitsmarktdaten steigen die Renditen nicht. Auch gute Konjunkturdaten können den Trend nicht aufhalten. Die Stimmung bei Finanzexperten bleibt pessimistisch.

          Die Teilnehmer an den Aktienmärkten haben die am vergangenen Freitag veröffentlichten Daten zum amerikanischen Arbeitsmarkt als ein Zeichen wirtschaftlicher Dynamik gesehen. Am Freitagnachmittag wie auch am Montag trugen diese Zahlen zu einem Aufschwung am Aktienmarkt bei, der in Deutschland die Marke von 10.000 Punkten im Dax wieder etwas näher rücken und die Sorgen über den Zustand der italienischen Banken etwas in den Hintergrund rücken lässt.

          Ganz anders der Anleihemarkt: Auf die Nachricht eines unerwartet dynamischen Wirtschaftswachstums reagiert der Anleihemarkt normalerweise mit sinkenden Kursen und steigenden Renditen, weil höhere Zinsen in der Zukunft erwartet werden. Nach der Veröffentlichung der amerikanischen Arbeitsmarktdaten stieg die Rendite zwar vorübergehend ein wenig, aber sie hielt sich nicht deutlich über ihrem historischen Tiefstand von 1,3180 Prozent. Wenn nicht einmal mehr gute Konjunkturdaten den Trend sinkender Renditen aufhalten können – was bleibt dann noch?

          „Willkommen in der Japanisierung“, heißt es in Tokioter Finanzhäusern mit Blick auf den amerikanischen Anleihemarkt. In Japan befinden sich die Anleiherenditen, die Inflationsrate und die Rate des wirtschaftlichen Wachstums seit vielen Jahren in der Nähe von null Prozent. „Eine Rendite von einem Prozent für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen ist unausweichlich“, sagt Hideo Shimomura von Mitsubishi UFJ Kokusai. „Das Wachstum der Weltwirtschaft wird zurückgehen. Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen werden fallen. Die Fed wird ihren Leitzins nicht erhöhen können“, fasst Hideaki Kruiki von Sumitomo Mitsui Trust seine Einschätzung zusammen.

          Staatsanleihe

          Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen sind immerhin noch positiv. Für Anleihen im Gesamtwert von rund 9 Billionen Euro gilt dies schon nicht mehr. Anleihen mit negativen Renditen über rund 6 Billionen Euro befinden sich in Japan. Und sollte die Japanisierung weiter fortschreiten, dürfte der Betrag von 3 Billionen Euro, der sich für europäische Anleihen mit negativer Rendite ergibt, noch größer werden. Nicht nur in der Eurozone finden sich solche Papiere, sondern auch in der Schweiz (dem Land mit den niedrigsten Renditen in der Welt) und in mehreren nordeuropäischen Ländern.

          Die fallende Rendite.

          Der Trend zu immer weiter fallenden Renditen führt nur scheinbar paradoxerweise dazu, dass Staatsanleihen in den vergangenen Monaten eine erfolgreiche Anlageklasse waren. Während nicht wenige Großanleger den „Tod der Anleihe“ verkünden, machen andere Anleger mit diesen Papieren Profit, weil die immer weiter sinkenden Renditen mit Kursgewinnen einhergehen.

          Keine Trendumkehr zu erwarten

          Mohamed El-Erian, Berater des Allianz-Konzerns, weist auf ein Problem der aktuellen Lage für die Streuung von Vermögen hin. Wenn Aktienkurse und Anleihekurse in dieselbe Richtung gehen, gelingt durch eine Aufteilung von Vermögen auf Aktien und Anleihen keine Streuung von Risiken. Das ist so lange nicht schwierig, wie dieser Zustand nicht lange andauert. Sollte sich dieser Trend aber verstetigen, müsste womöglich auf andere Möglichkeiten der Risikostreuung ausgewichen werden.

          Aber ist es denn plausibel, dass die Renditen der Anleihen immer weiter sinken, auch wenn sie sich schon auf negativem Terrain befinden? Manfred Schlumberger von Berenberg erwartet auf kurze Sicht keine Trendumkehr: „Die britische Notenbank kündigte bereits eine weitere Leitzinssenkung an, und von der Notenbank Fed erwarten wir in diesem Jahr nur noch maximal eine Zinserhöhung. Die Aussicht auf steigende Zinsen am Rentenmarkt, die Aktienanleger zum Ausstieg animieren könnte, schwindet weiter.“ In den vergangenen Monaten gab es viele prominente Marktteilnehmer wie Bill Gross von Janus Capital, die mit steigenden Renditen am amerikanischen Anleihemarkt rechnen. Irgendwann werden sie recht behalten, aber dieser Tag kann noch sehr fern sein.

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