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Technische Analyse : Trendwenden vollziehen sich nicht, wenn sie jeder erwartet

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Wer auch immer in den vergangenen Monaten die Zinswende ausgerufen hat, dürfte inzwischen frustriert sein, daß sie nicht eintraf. Möglicherweise kommt sie genau dann, wenn niemand damit rechnet, so Wieland Staud von Staud Research.

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          Ein wenig steif sitzt er da auf einer Bank an einer Bushaltestelle. Auf seinem Schoß liegt eine Schachtel Pralinen. Viele Menschen nehmen im Laufe der Zeit an seiner Seite Platz. Nach und nach erzählt ihnen Tom Hanks alias Forrest Gump seine völlig unglaubliche, uramerikanische Lebensgeschichte. Irgendwann hören wir ihn sagen: "Life is like a box of chocolate. You never know you gonna get." Jeder mit ein wenig Lebenserfahrung wird ihm da zustimmen müssen. Selten genug geschieht genau das, was wir uns erhofft, erträumt oder für die Zukunft abgeleitet haben. Manchmal macht es schon Mühe, auch nur Grundzügen dessen zu ahnen, was der nächste Tag bringen wird.

          Ein besonderes Lied davon kann die Zunft der Zinsauguren singen. Seit Jahr und Tag lautete ihr nahezu einstimmig gemurmeltes Mantra, daß die Zinsen steigen werden, und seit Jahr und Tag geschah genau das nicht. Versprochen waren Bittermandeln, und herausgekommen sind Sahnetrüffel. In einem sauberen Abwärtstrend eilten die Zinsen sogar von einem neuen historischen Tief zum nächsten und unterschritten zuletzt mit 2,99 Prozent für die zehnjährigen Laufzeiten sogar die magische Grenze von 3 Prozent.

          Zinswende, sobald sie keiner mehr erwartet

          Doch seit ein paar Monaten scheint ein Wandel eingesetzt zu haben. Es ist auffällig, wie viele Häuser und Analysten sich heute ein weiter fallendes oder zumindest für lange Zeit auf tiefem Niveau verharrendes Zinsniveau vorstellen können. Man ist mürbe geworden. Und just in diesem Augenblick scheinen die Zinsmärkte wieder eine neue Überraschung parat zu haben. Vertraut man den ersten frühen Indikationen der Technischen Analyse, dann besteht jetzt erstmals die ernstzunehmende Möglichkeit, daß bereits Anfang Oktober eine wenigstens mittelfristig angelegte Zinswende stattgefunden hat.

          Bild: Bloomberg

          Es sind vor allem zwei nicht zu verachtende analytische Momente, die aufhorchen lassen. Zum einen die Stimmung der Marktteilnehmer. Während diese sich in allen vorangegangenen Konsolidierungsphasen zuvor stets zu verschlechtern pflegte, hat sie sich in der jüngsten verbessert. Das erstgenannte Verhalten ist klar trendbestätigend, das andere muß zwar nicht unbedingt, kann aber auf jeden Fall als der Vorbote einer Wende interpretiert werden. Trendmärkte können vor allem deswegen oftmals so sagenhaft lang andauern, weil keiner an sie glaubt. So wird denn jede noch so kleine Konsolidierung als der Beginn der erwarteten langfristigen Umkehr interpretiert. Deshalb verschlechtert sich die Stimmung manchmal binnen Tagen radikal, und genau deswegen bleibt die Wende aus. Trendwenden vollziehen sich nicht dann, wenn sie jedermann erwartet. Um so verheerender wird es dann, wenn die Lernkurve der Investoren zu steigen beginnt. Je länger der Trend andauert, um so mehr Marktteilnehmer erkennen, daß Kursrückgänge zum Kaufen und nicht etwa zum Verkaufen genutzt werden müssen. Damit hält Optimismus und Zuversicht Einzug in den Markt, und deshalb wird die Wende wahrscheinlicher. Exakt in diesem Zustand befinden sich die technischen Stimmungsindikatoren für die deutschen Anleihen. Ein Weiteres kommt hinzu: Zum ersten Mal seit Jahren gingen den Kursrückgängen der Rentenkurse und dem parallelen Anstieg der Renditen Divergenzen wesentlicher Oszillatoren (nicht im Bild) voraus. Die letzten Tiefs der zehnjährigen Rex-Renditen wurden beispielsweise vom MACD (Moving Average Convergence Divergence) ebenso wie die letzten Hochs des Bund-Futures nicht mehr nachvollzogen. Ein klarer Hinweis darauf, daß die Dynamik des Trends geringer und damit die Gefahr einer Wende größer geworden ist.

          Mittelfristige Zinswende deutet sich zumindest in Ansätzen an

          Sollte es den Renditen der zehnjährigen Bundesanleihen jetzt auch noch gelingen, die ausgeprägten Widerstandszonen zwischen 3,40 und 3,45 Prozent zu überwinden, dann kann man davon ausgehen, daß mit einiger Sicherheit wenigstens eine mittelfristige Zinswende stattgefunden hat. Die nächsten Monate werden dann im Zeichen im Zweifel sogar deutlich steigender Renditen stehen. Ein ideales mittelfristiges Kursziel stellen dann Niveaus knapp über 4,00 Prozent dar. Zwischengelagerte Konsolidierungen, dann im Aufwärtstrend, sind im Bereich der jeweiligen Widerstandszonen um 3,65 und 3,85 Prozent einzuplanen.

          Solange der Dax noch Aktien wie die der Allianz beherbergt, muß einem Anleger nicht bange sein. Denn die ist in einer vorzüglichen technischen Verfassung. Während der Dax im Oktober bislang kräftig Federn lassen mußte, überwanden die Münchener mit Kursen über 112,30 Euro das bisherige Nach-Crash-Hoch vom Januar 2004 und erzielten danach ein neues Jahreshoch nach dem anderen. Im schlechtesten Fall steuert die Aktie des Versicherungskonzerns jetzt Kurse um 130 Euro an, im besten Falle können es im Laufe des kommenden Jahres sogar Kurse über 170 Euro werden.

          Auch wenn man sich angesichts der Entwicklung an Wall Street mit dieser Prognose mit Sicherheit schon einmal deutlich wohler gefühlt hat: Der Dax bleibt langfristig auf Kurs, und 6230 Punkte sind das Ziel. Auch wenn es, was wahrscheinlich ist, kurzfristig noch einmal kräftig rumpeln wird: das gilt, solange er nicht unter 4620 Punkte zurückfällt. Dieses Maß wird hier für den Fall genannt, daß alles anders kommt als erwartet. Denn dann wäre es an uns einzugestehen, daß wir nicht gewußt haben, was in der Pralinenschachtel vom Oktober 2005 wirklich drin war.

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