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Technische Analyse : Die Zinsen steigen wieder

  • -Aktualisiert am

Die Geldpolitik der amerikanischen Notenbank Fed bewegt die Aktienkurse, aber auch die Anleihemärkte. Bild: Bloomberg

Zinsentwicklungen zu hinterfragen, lohnt sich nicht. Sie sind wie sie sind. Da ist ein Blick auf den Bund-Terminkontrakt aufschlussreicher. Hier zeigen sich klassische Signale einer Trendwende.

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          Eigentlich ist alles ganz einfach: Wenn eine Notenbank verkündet, dass sie ihre Geldpolitik künftig restriktiver gestalten will, dann werden die Zinsen in der entsprechenden Volkswirtschaft steigen. Und wenn eine Notenbank verkündet, dass sie eine Ausweitung ihrer expansiven Geldpolitik plant, dann werden die Zinsen in dem entsprechenden Wirtschaftsraum fallen. Schließlich gelten auch auf dem Markt für Geld früher oder später die gleichen Regeln wie auf jedem nicht oder nur bedingt regulierten Markt dieser Welt: Je mehr von einem Gut vorhanden ist, desto günstiger wird es bei gleichbleibender Nachfrage sein, und je weniger vorhanden ist, desto höher wird sein Preis sein.

          Diese Einschätzung ist mit Sicherheit fundiert und nachvollziehbar. Sie hat aktuell bloß einen Schönheitsfehler: Seit Frau Yellen beziehungsweise ihre Vertreter und Herr Draghi ihre jeweiligen Botschaften unters Volk gebracht haben, sind die Zinsen nicht nur in den Vereinigten Staaten gestiegen – sondern auch bei uns. Stimmt da irgendetwas nicht? Eine Frage, auf die ich eine Antwort schuldig bleiben möchte. Es gibt zu viele mögliche, vor allem von den Erwartungen der Investoren bestimmte Mechanismen, die dieses Marktverhalten erklären könnten.

          Technische Analyse verspricht Einsichten

          Darüber hinaus lehrt die Erfahrung, dass die Dinge an den Märkten so sind wie sie sind und es keinen allzu großen Sinn macht, ihre Entwicklungen zu hinterfragen oder auf Sinnhaftigkeit zu prüfen. Schließlich finden alle Investoren und Marktteilnehmer grundsätzlich genau die Bedingungen vor, die ihnen die Märkte präsentieren, und nicht etwa diejenigen, die theoretisch begründet wären.

          Aber gerade solche Entwicklungen sprechen meines Erachtens unbedingt für die Anwendung der technischen Analyse. Sie fragt nicht nach den Gründen, warum sich ein Kurs so oder anders entwickelt (hat), sondern beobachtet allein die entstehenden Kursmuster und zieht allein daraus ihre Konsequenzen. Jedwede Auseinandersetzung mit den jeweils aktuellen fundamentalen Rahmenbedingungen unterbleibt konsequent. Genau dieses Moment macht den Charme der technischen Analyse aus. Sie reduziert und konzentriert alles auf die letztlich alles entscheidende Frage: Werden die Kurse steigen – oder fallen? Damit werden aber auch gern benutzte und oft gehörte Ausflüchte wie „Meine Argumente stimmen. Nur der Markt liegt daneben“ hinfällig. Rein pragmatisch betrachtet ist es letztlich doch völlig egal, warum die Kurse steigen oder fallen und ob die jeweiligen Argumente und Begründungen dazu passen oder nicht. Viel wichtiger ist doch, dass sie sich in die „richtige“, die antizipierte Richtung bewegen.

          Interessante „Future“-Entwicklung

          Die beiden abgebildeten Charts zeigen den Bund-Terminkontrakt („Future“). Er entwickelt sich parallel zu den Kursen langlaufender Anleihen des Bundes und ist damit das Spiegelbild der Renditen: Fallen die Renditen, steigt der Future und fällt der Future, steigen die Renditen. Spannend ist nun, dass der Terminkontrakt sich zwar seit langer Zeit in einem ungebrochenen langfristigen Aufwärtstrend befindet und die Renditen damit im Abwärtstrend. Aber vor zwei Wochen begann eine technisch-analytisch bemerkenswerte Entwicklung.

          Zunächst bildete sich in dem abgebildeten Kerzenchart auf Wochenbasis ein Muster mit dem sehr sprechenden Namen „Gravestone Doji“: Der Bund-Future beschloss die Woche vom 26. bis zum 30. Oktober ungefähr auf dem Niveau, auf dem er sie am Montagmorgen begonnen hatte. Er musste damit seine im Wochenverlauf erzielten Gewinne wieder preisgeben. Dies war der erste gute Hinweis darauf, dass sich der Sinkflug der Renditen der vergangenen Monate so nicht fortsetzen dürfte. Zum Schluss der ersten Novemberwoche erweiterte sich dieses Signal durch das Abrutschen des Bund-Futures zu einem „Evening Star“.

          Steigende deutsche Rendite ist wahrscheinlich

          Wenn von Abendsternen und Grabsteinen die Rede ist, kann man sich relativ leicht vorstellen, dass sie Vorboten von Veränderungen der weniger wünschenswerten Sorte sind. Solche Signale sind deshalb klassische Trendwendesignale. Wobei dieses Mal alles ganz anders sein könnte: Steigende Renditen könnten von dem aktuell extrem niedrigen Niveau aus mehr Gutes als Schlechtes bedeuten.

          Sei dem wie es sei: Die Wahrscheinlichkeit, dass die nächsten Monate per Saldo von nachgebenden Kursen des Bund-Futures und damit von steigenden langfristigen deutschen Renditen geprägt sein werden, ist deshalb derzeit relativ hoch. Ich rechne mit Kursen für den Bund-Future von 151 Punkten in den nächsten Monaten und parallel dazu mit einem Anstieg der zehnjährigen deutschen Renditen auf knapp ein Prozent. Was sich nicht nach besonders viel anhört, hat analytisch erhebliche Bedeutung: Dieser zu erwartende Renditeanstieg wäre so ziemlich das letzte noch mögliche Signal dafür, dass Renditen um die null Prozent wirklich hinter uns liegen und die nächsten Jahre von einem – moderaten – Anstieg der Renditen beziehungsweise Zinsen geprägt sein werden. Und vielleicht passen Argumente und Kurse dann wieder zusammen.

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