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Steigende Renditen : Die Zinswende ist da

Keine Panik: Auch in Italien - hier eine Steinfigur vor dem Finanzministerium - steigen zwar die Anleiherenditen, aber nicht die Preise für Kreditausfallderivate. Bild: F.A.Z.

Rund um den Globus steigen die Renditen für Anleihen kräftig. Doch niedrige Prämien für Kreditrisiken und ein stabiler Euro zeigen: Panik herrscht nicht.

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          Selbst sehr erfahrene Marktteilnehmer haben Schwierigkeiten, sich an einen vergleichbar starken Anstieg der Anleiherenditen innerhalb weniger Wochen zu erinnern. Die Wucht, mit der die Kurse rund um den Erdball fallen, hinterlässt ratlose Händler, die über die Ursachen eines plötzlichen Einbruchs („Flash Crash“) sinnieren, und nervöse Fondsmanager, die statt auf Kursgewinnen nun auf stattlichen Kursverlusten sitzen. Gerade in Europa schien als Folge der Käufe der Europäischen Zentralbank die Wette auf weiter sinkende Renditen als nahezu risikolos. Nun, nachdem sich der Trend unversehens gedreht hat, suchen Anlagestrategen händeringend nach Erklärungen.

          Neben den Anleihekursen fielen am Dienstag in Europa auch die Aktienkurse deutlich. Händler vertraten die Ansicht, die Kursrückgänge seien das Ergebnis einer Furcht vor einem griechischen Staatsbankrott. Diese Furcht wurde von manchen Marktteilnehmern auch als Ursache für die Kursverluste am Anleihemarkt genannt.

          Renditesteigerung ist Zeichen von Normalisierung

          Zwei wichtige Indikatoren sprechen jedoch gegen die Annahme, an den Märkten herrsche große Sorge vor den Folgen einer Verschärfung der griechischen Krise. Der erste Indikator ist der Wechselkurs des Euros. Die Gemeinschaftswährung gewann am Dienstag gegenüber dem Dollar nahezu ein Prozent. Mit einem Kurs von annähernd 1,13 Dollar nähert sich der Euro wieder einer Bewertung, die von vielen Ökonomen in Banken und Fondsgesellschaften in einem Vergleich der gesamtwirtschaftlichen Lage als angemessen bezeichnet wird. Im Falle wachsender Furcht um die Situation im Euroraum würde der Euro nach früheren Erfahrungen gegenüber dem Dollar nicht aufwerten, sondern abwerten.

          Der zweite Indikator, der gegen Furcht oder gar Panik an den Märkten spricht, ist die Bewertung von Kreditausfallderivaten (CDS) auf Staatsanleihen. In den vergangenen Jahren sind die Preise für solche CDS in Krisen sehr stark gestiegen. Ein solcher Anstieg ist derzeit weder für Länder im Kern des Euroraums (Deutschland) noch in der Peripherie (Italien) zu sehen. Da die Zentralbanken am Markt für Kreditausfallderivate nicht tätig sind, gilt dieser Markt als weniger verzerrt als der Markt für Staatsanleihen.

          Mittlerweile verbreitet sich die Überzeugung, dass der Renditeanstieg nicht selbst als schwer erklärbare Übertreibung, sondern als Normalisierung nach zuvor viel zu niedrigen Renditen anzusehen ist. Übertriebene Erwartungen in das Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank hätten die Bewertungen von Anleihen auf extreme Niveaus befördert, heißt es bei der Investmentbank Goldman Sachs. Daher sei es zu einer Verkaufswelle bei europäischen Anleihen gekommen, die anschließend Märkte in anderen Regionen ergriffen habe. Nach Ansicht von Goldman Sachs sind Anleihen mit sehr langen Laufzeiten derzeit keine attraktive Anlage.

          Kurseinbruch am Anleihemarkt wird nicht erwartet

          Bei JP Morgan Asset Management werden verschiedene Gründe für den Renditeanstieg angeführt. Neben einer verbesserten Konjunktur in der Eurozone, einer daraus folgenden Neubewertung der Inflationsrisiken sowie einem Mangel an Käufern von Staatsanleihen bei einer Rendite von null hätten pessimistische Ausblicke einiger namhafter Marktteilnehmer eine Rolle gespielt.

          Die große französische Fondsgesellschaft Amundi betont, dass dem Anstieg der Renditen in der Eurozone ein Anstieg der Inflationserwartungen an den Finanzmärkten vorausgegangen sei: „Der Inflationsswap für fünf Jahre – den Mario Draghi als geeignete Messlatte für Inflationserwartungen betrachtet – ist in den vergangenen Wochen sichtbar gestiegen. In den vergangenen 18 Monaten war dieser Indikator eng mit dem Ölpreis korreliert.“ Auch jetzt noch seien die Bewertungen für Anleihen nach traditionellen Kriterien zu hoch, heißt es. Gleichwohl erwarten die Experten von Amundi keinen regelrechten Kurseinbruch am Anleihemarkt. Denn anders als am Aktienmarkt stünden am Anleihemarkt die Zentralbanken zum Eingreifen bereit. Sie würden Verwerfungen am Anleihemarkt verhindern.

          Inflation kommt wieder

          Auf die Europäische Zentralbank als korrigierende Kraft am europäischen Markt baut der größte dänische Pensionsfonds PFA. „Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage der Zentralbanken die Kurse stabilisieren wird“, sagte Henrik Henriksen, der Chef-Anlagestratege des Fonds. Allerdings räumt auch Henriksen ein: „ Die Inflation kommt wieder. Höhere Energiepreise werden die Inflationsrate für den Rest des Jahres beeinflussen, und das richtet die Aufmerksamkeit der Marktteilnehmer stärker in Richtung Inflation.“

          Den korrigierenden Einfluss der Zentralbank am Anleihemarkt erwartet Henriksen für den Sommer. Auch nach Ansicht der Commerzbank ist es noch zu früh, auf eine Trendwende zu setzen. Wegen des reichen Angebots neuer Anleihen in der nahen Zukunft könnte der Markt die gegenwärtigen Tiefstkurse noch einmal testen: „Es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um mutig zu sein.“

          Wenn auch der Renditeanstieg als Folge höherer Inflationserwartungen im Grundsatz nachvollziehbar erscheint, hat das Tempo und die Wucht viele Marktteilnehmer überrascht. Eine wichtige Ursache dürfte der Rückgang der Umsätze im Anleihehandel sein. Hierzu trägt der Rückzug vieler Banken aus der traditionellen Rolle des Marktmachers bei, da diese Funktion angesichts neuer Regulierungen nicht mehr attraktiv erscheint. Aber auch die Käufe von Zentralbanken tragen zu Verwerfungen im Handel mit Anleihen bei.

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