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Staatsschulden : Argentinien und der Pariser Club wollen verhandeln

  • -Aktualisiert am

Staatschefin Christina Kirchner Bild: AFP

Neun Jahre nach dem Staatsbankrott soll Argentinien die noch ausstehenden Fälligkeiten begleichen. Verhandelt wird überraschenderweise ohne Einbeziehung des Internationalen Währungsfonds. Währenddessen steigen die Kurse weiter.

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          Die Hausse argentinischer Aktien und Anleihen erhält neue Nahrung: Neun Jahre nach dem Staatsbankrott Ende 2001 will Argentinien Verhandlungen mit dem Pariser Club über den Ausgleich seiner Schuldenrückstände aufnehmen. „Diese Ankündigung sollte positiv für den Markt sein“, sagte Carola Sandy von Credit Suisse. „Wir dürften einen Anstieg der Kurse erleben.“

          Argentinien schuldet den im Pariser Club zusammengeschlossenen Gläubigerländern insgesamt rund 6,7 Milliarden Dollar, die seit dem Jahr 2002 nicht mehr bedient wurden. Deutschland ist mit rund 30 Prozent der Forderungen der größte Gläubiger. Staatspräsidentin Cristina Kirchner sagte jetzt, der Pariser Club habe die Forderung Argentiniens akzeptiert, die Verhandlungen ohne eine Einbeziehung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu führen.

          „Zahlungsaufschub“ statt „Umschuldung“

          Genau an diesem Punkt waren zuvor alle Gespräche gescheitert. Die Statuten des Pariser Clubs fordern ein Abkommen mit dem IWF als Voraussetzung für eine Umschuldung. Argentinien verweigert dagegen jegliche Beaufsichtigung durch den Währungsfonds, den die Regierung für die früheren Krisen Argentiniens verantwortlich macht. Im Jahr 2006 hatte Argentinien fast 10 Milliarden Dollar Schulden an den IWF vorzeitig zurückgezahlt, um sich fortan jegliche Einmischung des Fonds zu verbitten. Anfang September des Jahres 2008 hatte Staatschefin Kirchner angekündigt, auch die Schulden gegenüber dem Pariser Club auf einen Schlag zu begleichen. Nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise durch die Insolvenz der amerikanischen Bank Lehman Brothers zwei Wochen später hatte Argentinien jedoch einen Rückzieher gemacht.

          Ein Kompromiss über den Modus der Verhandlungen mit dem Pariser Club wurde offenbar vergangene Woche am Rande des G-20-Gipfels in Seoul gefunden. Als Mitglied dieser Gruppe führender Industrie- und Schwellenländer hat Argentinien den anderen G-20-Mitgliedern dieselben Wirtschafts- und Finanzdaten vorgelegt, wie sie üblicherweise auch der IWF anfordert. Zudem wird Argentinien die Schulden wohl in einer relativ kurzen Frist abzahlen müssen. Die Rede ist von ein bis höchstens drei Jahren. Offiziell soll denn auch nicht über eine „Umschuldung“, sondern lediglich über einen „Zahlungsaufschub“ gesprochen werden.

          Kompromiss ohne IWF kommt überraschend

          Als Präzendenzfall könnte eine Vereinbarung mit Indonesien dienen. Das asiatische Land hatte Ende des Jahres 2004 nach dem Tsunami von den Staaten des Pariser Clubs einen Aufschub von zweieinhalb Jahren für die Bezahlung einer Schuld von 2,7 Milliarden Dollar erhalten. Fachleute der Deutschen Bank finden es „ziemlich überraschend“, dass der Pariser Club einen anderen Buchprüfer als den IWF akzeptiere. „Dies unterminiert die ureigentliche Rolle des Währungsfonds.“ Für Argentiniens Finanzmärkte sei die Entwicklung jedoch positiv, schreibt die Bank.

          Im Juni hatte Argentinien bereits eine zweite Umschuldungsrunde mit seinen privaten Anleihegläubigern abgeschlossen. Damit sind fast 93 Prozent der 2002 notleidend gewordenen Anleiheschulden von mehr als 100 Milliarden Dollar inzwischen umgeschuldet. Argentinische Aktien und Anleihen haben in den vergangenen Monaten hohe Kursgewinne erzielt.

          Rückkehr auf internationalen Finanzmarkt

          Der Merval-Aktienindex der Börse von Buenos Aires liegt auf Dollarbasis seit Jahresbeginn um 35 Prozent im Plus. Die aus der Umschuldung hervorgegangene Euro-Anleihe mit Fälligkeit im Jahr 2038 verzeichnet seit Mai einen Kursgewinn von 42 Prozent. Noch größere Gewinne brachten die an das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts gebundenen BIP-Kupons, deren Kurse sich seit Mai mehr als verdoppelt haben. Argentiniens Wirtschaft, die von hohen Erlösen aus dem Agrarexport profitiert, wird im Jahr 2010 um 8,5 Prozent wachsen, schätzt die Bank J.P. Morgan.

          Von den Umschuldungspapieren abgesehen hat Argentinien seit dem Staatsbankrott 2002 keine neuen Anleihen mehr auf dem globalen Markt plaziert. Die Regierung lehnte es ab, hohe Renditen von zuletzt noch 8 bis 9 Prozent auf Dollar-Basis zu akzeptieren, und zog es vor, fällig werdende Zahlungen aus den Reserven der Zentralbank zu leisten. „Eine Einigung mit dem Pariser Club wäre für Argentinien ein wichtiger Schritt zur Rückkehr auf die internationalen Finanzmärkte“, sagt Heinz Mewes von der auf Lateinamerika spezialisierten Finanzberatungsfirma Latam-Consult. Ein Abkommen würde für Argentinien insbesondere den Weg zu neuen staatlichen Krediten und Bürgschaften der Club-Mitgliedsländer frei machen. So gibt es bei der deutschen Ausfuhrkreditversicherung Hermes keine Versicherung für Exportkredite an staatliche Kunden aus Argentinien, solange Rückstände gegenüber dem Pariser Club bestehen. Darum musste Argentinien sogar neue Stromkraftwerke in bar bezahlen.

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