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Gute Anzeichen : Wann steigen die Renditen der Staatsanleihen?

Europäische Zentralbank Bild: Maximilian von Lachner

Das Wachstum ist nachhaltig, die Inflation könnte langsam zunehmen und auch die Tonlage in der Geldpolitik ändert sich. All das prägt die Kurse an den Anleihemärkten.

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          Als sich nach der Wahl Donald Trumps der Trend zu langsam steigenden Anleiherenditen in der Welt verstärkte, sprachen viele Anlagefachleute von der „Reflation“. Gemeint war eine erwartete Zunahme der Inflation, zum Teil gespeist durch die Annahme, Trump werde durch eine Kombination von Steuersenkungen und wachsenden Ausgaben für Infrastruktur die Staatsverschuldung laufen lassen und damit für ein Konjunkturfeuerwerk sorgen, das in einer gut laufenden Wirtschaft für mehr Inflation sorgen sollte.

          Unumstritten war das Szenario einer „Reflation“ nie, und gerade in den vergangenen Wochen wurden die Zweifel immer größer, auch wenn in vielen Ländern die Inflationsraten leicht zulegen. Einerseits lassen in Washington finanzpolitische Entscheidungen, die zu einer deutlichen Vergrößerung der Neuverschuldung führen, auf sich warten. Und in Europa wird der jüngste Anstieg der Inflationsrate als ein wesentlich von Energiepreisen und damit vermutlich vorübergehendes Phänomen wahrgenommen. Daraufhin fiel in den ersten Wochen des Jahres die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen von 2,60 auf zwischenzeitlich 2,33 Prozent, während die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen von 0,48 auf 0,18 Punkt nachgab.

          „Die Inflationsindikatoren schalten auf Rot“

          Doch der Wind hat sich zuletzt wieder gedreht. Rund um den Globus sind die Renditen für langlaufende Anleihen wieder etwas gestiegen; in den Vereinigten Staaten haben sie mit 2,61 Prozent für Zehnjährige ihren höchsten Stand seit September 2014 erreicht. Wie häufig in der Vergangenheit gingen steigende amerikanische Renditen mit einem fallenden Goldpreis einher. Eine Unze (31 Gramm) Gold kostete am Freitag vorübergehend etwas weniger als 1200 Dollar. Ob damit ein nachhaltiger Trend entstanden ist, lässt sich noch nicht sagen, da der Markt für Anleihen mit langer Laufzeit und der Markt für Gold zu Übertreibungen neigen. Gründe für weiter steigende Renditen existieren allerdings.

          Ein Argument liegt in einem zunehmenden Konjunkturoptimismus, auch wenn, wie die Ökonomen der Commerzbank zu bedenken geben, die Stimmungsindikatoren besser ausfallen als die tatsächliche Wirtschaftsentwicklung. Immerhin stützen die am Freitag veröffentlichten Daten zum Arbeitsmarkt das Bild einer robusten Konjunktur in den Vereinigten Staaten.

          „Die Inflationsindikatoren schalten auf Rot“, schreibt das Frankfurter Bankhaus Metzler in einem Wochenendkommentar. Die mit Leitzinserhöhungen lange Zeit zögernde Notenbank Fed hat zuletzt erkennen lassen, dass sie für das laufende Jahr mit drei Erhöhungen des kurzfristigen Leitzinses rechnet, und am Markt ist die Auffassung verbreitet, dass die erste Erhöhung in der kommenden Woche stattfinden wird.

          Baldige Abkehr der Zentralbank von ihrer aktuellen Geldpolitik

          Ein leichter Anstieg der Renditen für Staatsanleihen mit langer Laufzeit ist auch in Europa unverkennbar. Wie in den Vereinigten Staaten wird er durch mehrheitlich positiv ausfallende Konjunkturdaten sowie eine zunehmende Inflationsrate gespeist. Hinzu kommt, dass vor allem Kommentatoren aus dem angelsächsischen Raum eine leichte Änderung der Tonlage im Frankfurter Ostend aufgefallen ist.

          So hat zwar EZB-Mario Draghi auf seiner Pressekonferenz keine baldige Abkehr der Zentralbank von ihrer aktuellen Geldpolitik angekündigt. Aber mehrere Äußerungen Draghis – darunter die Feststellung, dass die Deflationsgefahren überwunden seien – signalisierten nach Ansicht mancher Teilnehmer an den Finanzmärkten „den Beginn einer neuen Phase der Geldpolitik“, wie das britische Analysehaus Oxford Economics schrieb. Die Experten der amerikanischen Fondsgesellschaft sind der Ansicht, dass Draghi während seiner einführenden Äußerungen in der Pressekonferenz überzeugender für eine weiterhin lockere Geldpolitik plädiert habe als in der anschließenden Frage-und-Antwort-Runde. Schon während der Pressekonferenz hatte der Euro gegenüber dem Dollar leicht aufgewertet; gleichzeitig hatten die Renditen für lang laufende Staatsanleihen zu steigen begonnen.

          Differenz zwischen kurz- und langlaufenden Renditen

          Ein auffallendes Eigenleben führen seit einiger Zeit die Renditen für kurzlaufende Wertpapiere des Bundes. Die Renditen für zweijährige Anleihen haben sich zwar in den vergangenen Tagen ein wenig von ihrem historischen Tiefstand erholt. Aber mit minus 0,87 Prozent ist die Rendite immer noch absolut sehr niedrig; überdies hat sich in den vergangenen Jahren die Renditeentwicklung zwischen zweijährigen deutschen und amerikanischen Staatspapiere vollständig entkoppelt.

          Kurzlaufende Staatspapiere werden stärker von der Geldpolitik beeinflusst als Staatsanleihen mit langer Laufzeit. Insofern ist die sich weitende deutsch-amerikanische Renditedifferenz überwiegend das Ergebnis einer unterschiedlichen geldpolitischen Ausrichtung in den Vereinigten Staaten und in der Eurozone.

          Zudem hat die Deutsche Bundesbank in den vergangenen Wochen ihr Verhalten als Aufkäuferin deutscher Staatspapiere verändert. War sie noch im Dezember 2016 stark in Käufen von Papieren mit langen Laufzeiten engagiert, nutzt sie nunmehr die neuen Regeln der EZB, um auch kurzlaufende Staatspapiere mit deutlich negativer Rendite zu erwerben. Dies drückt die Rendite zweijähriger Papiere und nimmt Druck von der Rendite zehnjähriger Anleihen; folgerichtig ist, durchaus im Interesse der Geschäftsbanken, die Differenz zwischen kurz- und langlaufenden Renditen größer geworden. Aber das gilt nicht nur für deutsche Kurzläufer: Auch die Rendite zweijähriger Papiere aus den Niederlanden betrug am Freitag minus 0,87 Prozent.

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