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Staatsanleihen : Zeit für den Abschied

Bild: F.A.Z.

Die Zinsen sind auf einem historischen Tief. Bundesanleihen lohnen sich kaum noch. Zeit, sich mal nach was Neuem umzusehen.

          3 Min.

          Sie war in der Krise Anlegers Liebling, neben Gold und dem eigenen Kartoffelacker: die Bundesanleihe. Wenn Albträume von zusammenbrechenden Finanzmärkten die Menschen plagten, Hellas sie mal wieder nicht schlafen ließ oder die Zweifel an allen Ratschlägen des eigenen Bankberaters überhandzunehmen drohten: Solange nicht die ganze Welt zusammenbrach, so nahmen Anleger aus aller Welt an, würde Deutschland seine Staatsschulden schon bedienen. Kein Wunder, dass deutsche Schuldtitel bis heute zu den weltweit begehrtesten Geldanlagen gehören (siehe Infografik).

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Gerade ihre außerordentliche Beliebtheit aber wird der Bundesanleihe jetzt zum Verhängnis. Weil allzu viele Investoren bei ihr Schutz suchten, stiegen die Kurse im Übermaß. Im Gegenzug bringen die Anleihen dem Anleger fast keine Rendite mehr. So ist nun mal das eherne Gesetz des Rentenmarktes: Weil für Anleihen die Höhe der Zinsen (Kupons) unabhängig vom Kurs am Anfang der Laufzeit festgelegt wird, fällt die Rendite mit steigendem Kurs automatisch. Mit 2,4 Prozent Rendite erreichte die zehnjährige Bundesanleihe vergangene Woche einen traurigen Tiefststand.

          Renditen sollen noch lange niedrig bleiben

          Eine paradoxe Situation: Schließlich wächst die Wirtschaft in Deutschland wie lange nicht mehr. „Wir werden unsere Prognose von 2,5 Prozent eher noch nach oben korrigieren müssen“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Nach dem Rezessionsjahr 2009 hat Deutschland viel nachzuholen. Der Jubel kennt keine Grenzen: „Phänomenal“, „weltmeisterlich“, eine „faustdicke Überraschung“ nennen die Volkswirte dieses deutsche Rekordwachstum. Zugleich blieben aber die Zinsen auf äußerst niedrigem Niveau.

          „Die Ära strukturell niedriger Anleiherenditen ist noch lange nicht beendet“, meint Bankvolkswirt Krämer. Im Augenblick sieht es schließlich so aus, als ob die Notenbanken in den meisten Ländern die Leitzinsen niedrig lassen - von einigen Ausnahmen wie Australien oder Norwegen abgesehen. Die amerikanische Notenbank Fed hat das vergangene Woche bekräftigt: Sie will die noch schwächelnde amerikanische Wirtschaft auf keinen Fall mit hohen Zinsen belasten. Und auch die Europäische Zentralbank winkt bislang ab.

          Unternehmensanleihen bieten mehr

          Einfach Abwarten und auf bessere Zinsen hoffen ist für die Besitzer von Bundesanleihen also keine Lösung. „Für 2010 und 2011 erwarten wir keine Zinswende - weder bei den Leitzinsen, noch am Kapitalmarkt“, sagt Christian Schwab, Rentenexperte von Hauck & Aufhäuser, einer auf die vermögende Privatkundschaft spezialisierten Bank in Frankfurt. Er sieht für die Anleger klaren Handlungsbedarf, wenn zum Beispiel „eine Anleihe jetzt einen Kurs von mehr als 110 Prozent hat und in vier Jahren nur zu 100 Prozent zurückgezahlt wird“. Wer jetzt nichts macht, wird in so einem Fall verlieren. Und die Renditen werden seiner Ansicht nach „auf niedrigem Niveau in der Nähe der Tiefpunkte“ verharren: „Damit rechnen wir bis ins Jahr 2011.“

          Was sollten Anleger also tun? „Wir empfehlen die Umschichtung von Staatsanleihen in Unternehmensanleihen“, sagt Mike Rückert, der Leiter der Vermögensverwaltung der Hamburger Berenberg Bank. „Die Renditen vieler Unternehmensanleihen auch guter Bonität und mit kalkulierbarer Geschäftsentwicklung liegen 120 bis 130 Basispunkte über vier- bis fünfjährigen Bundesanleihen - das ist fast doppelt so viel Rendite ohne viel mehr Risiko.“ Unternehmensanleihen etwa von Coca-Cola (4,5 Jahre, rund 2,65 Prozent Rendite) seien heutzutage sicherer als so manche Staatsanleihe aus Südeuropa.

          Alternative Staatsanleihen

          Wer unbedingt in Anleihen investieren will, aber nicht mit den niedrigen Zinsen in Deutschland zufrieden ist, kann auch auf Staatsanleihen anderer Länder ausweichen. David Schnautz, Rentenspezialist der Commerzbank in London, nennt vor allem die niederländischen Staatsanleihen als Alternative. „Da bringen die zehnjährigen Anleihen immerhin 20 Basispunkte mehr als deutsche Staatsanleihen - ohne dass das Risiko nennenswert größer wäre.“

          Deutlich mehr Rendite erzielen immer noch südeuropäische Staatsanleihen - allerdings ist bei denen auch das Risiko größer, dass die Staaten am Ende der Laufzeit nicht alles zurückzahlen. Griechische Staatsanleihen etwa hatten zuletzt immer noch eine Rendite von mehr als zehn Prozent. Am Freitag sind sie sogar leicht gestiegen. „Die Risiken sind aber auch immer noch beträchtlich“, meint Rentenexperte Schnautz. Am sichersten von allen südeuropäischen Staatsanleihen seien noch die italienischen. Die brächten derzeit 140 Basispunkte mehr als deutsche Staatsanleihen - also etwa eine Rendite von 3,82 Prozent bei zehn Jahren Laufzeit. Eine Versteigerung am Freitag verlief allerdings eher schleppend.

          Aktien sind günstiger

          Wer vom starken Aufschwung in Deutschland unmittelbar profitieren will und keine Angst vor Kursschwankungen hat, dem bietet sich ein Wechsel in Aktien an. „Die Wachstumszahlen sprechen im Augenblick eher für ein stärkeres Engagement in Aktien“, sagt Philippe Hollinger vom Frankfurter Bankhaus Metzler. „Wir raten deshalb, in einem gemischten Portfolio Aktien gegenüber Renten überzugewichten.“ Zum Verkauf aller Anleihen raten die Metzler-Leute trotzdem nicht - aus Sicherheitsgründen: „Ein Rückfall in konjunkturelle Schwächephasen ist nie ganz auszuschließen. Wir rechnen nicht damit. Aber man muss darauf vorbereitet sein.“

          Der Dax schlingert schließlich auch etwas. Trotzdem rechnen die Experten vom Bankhaus Berenberg vor, dass viele Aktien günstiger bewertet seien als Anleihen. Für Aktien betrachten Analysten gern das sogenannte „KGV“, dass Verhältnis von Kurs und Gewinn, um zu beurteilen, ob sie teuer oder billig sind. Grob betrachtet gilt etwa 15 als normal, viel drunter ist billig, viel drüber ist teuer. „Die Bewertung von zehnjährigen Bundesanleihen entspricht derzeit einem KGV am Aktienmakt von 40“, sagt Berenberg-Experte Rückert. Das sage eigentlich alles. Schließlich finden sich allein im Dax viele günstigere Titel - von Adidas (16,6) bis Volkswagen (14,3).

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