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Staatsanleihen : Spekulieren auf Europas Rettungsschirm

Bild: F.A.Z.

Irland, Portugal, Spanien: Anleihen aus den Krisenländern bringen hohe Zinsen. Anleger, die das hohe Renditeniveau lockt, spekulieren auf die Rettung durch die Politik und müssen das richtige Wertpapier finden.

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          Es könnte eine zweite Welle der Euro-Krise werden, wenn eine neue Panik entsteht: Vergangene Woche sind die Sorgen um die verschuldeten Länder Europas weiter gewachsen - und prompt stiegen die Zinsen, die die Geldgeber für Kredite an diese Länder verlangen. Dann meldete Irland, dass seine große Pleitebank noch rund 30 Milliarden Euro brauchen wird - die Steuereinnahmen eines Jahres. Spanien bekam von der Ratingagentur Moody's eine schlechtere Bonitätsnote, dem stärker verschuldeten Portugal steht ein Generalstreik bevor - und Griechenland hat schon längst ein Hilfspaket bekommen, das vermutlich in zwei Jahren aufgebraucht sein wird.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Staatsanleihen dieser Länder haben also durchaus ein Risiko - aber die Renditen sind hoch. Eine Irland-Anleihe, die in zehn Jahren fällig wird, bringt 10,8 Prozent. Da fragt sich mancher Anleger, ob er jetzt Staatsanleihen dieser Länder kaufen soll. Banken empfehlen das ihren Privatkunden nicht, schon allein weil sie bei einer Pleite dieser Staaten für ihre Empfehlung vielleicht haften müssten. „Es bleibt ein hohes spekulatives Risiko“, sagt beispielsweise der Anleihen-Analyst Michael Rottmann von der Bank Unicredit. „Ich glaube, man fährt mit einer Mischung von Unternehmensanleihen besser.“ Das gelte - in geringerem Maß - selbst für Spanien, das stabilste der vier Krisenländer.

          Meistens noch investitionswürdig

          Dabei sind die Ratingagenturen noch ganz optimistisch. Sie haben zwar alle Krisenländer in den vergangenen Monaten heruntergestuft, aber bis auf Griechenland gelten alle Staatsanleihen noch als investitionswürdig. Selbst Irland, dessen Staatsschulden demnächst auf mehr als die komplette jährliche Wirtschaftsleistung steigen, gilt in den Augen der Ratingagentur Moody's noch als investitionswürdig, weil es mit niedrigen Steuern international konkurrenzfähig sei und die Wirtschaft dort bald nicht mehr weiter schrumpfe. Commerzbank-Volkswirt Peter Dixon verweist darauf, dass Irland jetzt bis Mitte 2011 ohne neue Kredite auskommt.

          Bild: F.A.Z.

          Zwar vertrauen den Ratingagenturen viele Anleger nicht mehr, aber im Fall der Euro-Krisenstaaten kommt ein zweiter Ausfallschutz dazu: der Rettungsschirm der Europäischen Union, der mit mehr Geld ausgestattet ist als die kompletten Staatsschulden von Irland, Portugal und Griechenland zusammen. Die Idee der Politiker: Anleihenkäufer sollen sich darauf verlassen können, dass sie ihr Geld auf jeden Fall zurückbekommen, und schon bei vergleichsweise niedrigen Zinsen kaufen. Doch der Rettungsschirm gilt nur für Staaten, die tatsächlich sparen, und nur wenn sie das Geld bis Mitte 2013 anfordern - darum bringen die Anleihen, die in dieser Zeit fällig werden, deutlich weniger Rendite.

          Gezerre um die Dauer des Schirms

          Jetzt schon streitet die Europäische Union darum, ob der Rettungsschirm länger gespannt bleiben soll. Die Deutschen haben Angst davor, dass die Euro-Zone zur Transferunion wird, wenn die reichen Länder die armen auf Dauer stützen. Umgekehrt halten es einige Anleihenkäufer für unwahrscheinlich, dass die Europäische Union am Ende tatsächlich einen ihrer Mitgliedstaaten pleitegehen lässt. Selbst dass der Stabilitätspakt verschärft wird, wie es die EU-Kommission vergangene Woche vorgeschlagen hat, gilt in Brüssel als unwahrscheinlich.

          Wie es am Ende kommt, ist schwer vorherzusagen. Spekulationen auf die Politik sind notorisch unsicher. Doch wer damit rechnet, dass die Krisenstaaten am Ende gerettet werden, der darf die aktuellen Renditen bereits für hoch halten. Und freut sich über einen weiteren Vorteil der Anleihen: Falls die Panik noch steigt und die Kurse der Anleihen noch einmal sinken, bleibt dem Anleger trotzdem seine persönlich versprochene Rendite. Er kann sich zwar ärgern, dass er später noch mehr bekommen hätte. Aber die einmal ausgerechnete Rendite bekommt er bis zum Ende der Laufzeit sicher - falls der Staat nicht pleitegeht.

          Anleger müssen sich für den Pleitefall wappnen - und sich entscheiden: Wollen sie im Pleitefall dafür sorgen, dass sie möglichst sicher ihr eingesetztes Geld zurückbekommen? Oder wollen sie möglichst viel bekommen, ohne Rücksicht auf den Kaufpreis?

          Wer sicher seinen Kaufpreis zurückbekommen möchte, der sollte eine Anleihe mit möglichst niedrigem Kurs wählen. Dann ist die Chance größer, dass er trotz einer Staatspleite sein Geld zurückbekommt, wenn die Schuldner dabei zum Beispiel nur auf 20 Prozent des Geldes verzichten müssen. Alternativ können Anleger eine Anleihe wählen, deren Kurs höher liegt, die aber schon während der Laufzeit mehr Geld bringt.

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