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Staatsanleihen-Ratings : Nur jedes sechste Land ist ein erstklassiger Schuldner

Argentinien 2001: Spektakulärer Staatsbankrott Bild: AP

Die Bonitätsnoten von Staaten haben in der Griechenlandkrise unvermutete Aufmerksamkeit erfahren. Allgemein gilt: Die wenigsten Staaten sind Top-Schuldner. Bei rund vier von zehn Ländern gilt das Urteil Ramsch.

          135 Staaten der Erde haben eine Bonitätsnote von einer oder mehreren Rating-Agenturen inne. Die beiden größten Agenturen Moody's und S&P bewerten jeweils mehr als 80 Prozent dieser Staatengruppe, die nächstgrößere, Fitch, etwa drei Viertel.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Verteilung zwischen investmentwürdigen und spekulativen Staaten ist nicht bei allen Agenturen gleich. Dennoch hat derzeit mehr als jeder zweite Schuldner ein Investment-Grad-Rating. In der Tendenz fallen dabei die Noten von Moody's ein wenig besser aus. Nicht nur vergibt die Agentur 17mal die Bestnote „Aaa“, während dies bei S&P und Fitch nur 15mal der Fall ist. Moody's vergibt auch deutlich öfter die Bewertung „Aa“.

          Wirklich schlechte Ratings sind selten

          Wirklich schlechte Ratings sind dagegen bei allen Agenturen eher selten. Nur 6 bis 8 Prozent der Ratings lauten auf „B-“ oder schlechter. Das liegt aber auch im System begründet. Erstens leisten sich finanzschwache Staaten selten ein Rating, weil sie ohnehin wenig Chancen haben, ihren Finanzbedarf auf den internationalen Kapitalmärkten zu decken.

          Zweitens werden Ratings bei Zahlungsausfällen häufig zurückgezogen, so dass die schwächsten Schuldner bisweilen von den Listen verschwinden. Das war beispielsweise im Fall der Seychellen so: Ein Jahr nach dem Zahlungsausfall des Urlaubsparadieses im August 2008 änderte S&P den Status auf „Not rated“.

          Zahlungsausfälle sind zuletzt seltener geworden

          Zahlungsausfälle von Staaten sind historisch gesehen ein häufiges Phänomen. Europa erlebte im 19. Jahrhundert 28 Staatsbankrotte, Nordamerika 12. In Südamerika waren in diesem Zeitraum alle Länder mehrfach pleite. Insofern verging damals kaum ein Jahr ohne Staatsbankrott.

          Die Geschichte der mit einem Rating versehene Länder sieht zunächst besser aus. Die Agentur Moody's verzeichnete zwischen 1983 und 1998 keinen Zahlungsausfall. Allerdings liegt dies zum einen an der Breite der Datenbasis. Moody's beurteilte zum Ende der Achtziger lediglich die Kreditwürdigkeit von 29 Staaten, 1997 waren es 68. Zum anderen hatten die von Moody's beurteilten Emittenten in den achtziger Jahren noch alle ein Investment-Grade-Rating inne. Auch 1990 betrug der Anteil der spekulativen Emittenten nur 10 Prozent. Erst Ende der Neunziger stieg dieser auf das aktuelle Niveau von mehr als einem Drittel.

          Seit 1998 hat Moody's nun insgesamt 19 Zahlungsausfälle von Staaten gezählt. Das sind mehr als drei innerhalb von zwei Jahren. Nicht in jedem Fall hatten die Staaten ein Rating der Agentur und nicht in jedem Fall entstanden den Investoren Verluste, wie etwa die verzögerten Zinszahlungen Perus im Jahr 2000. Zudem hat sich die Situation in den vergangenen Jahren entspannt. Neun der 19 Zahlungsausfälle entfallen auf die neunziger Jahre, in den vergangenen vier Jahren ereigneten sich nur drei. Dabei war es im Falle Ecuadors ein Mangel an Zahlungsbereitschaft, nicht an - fähigkeit.

          Dabei waren die Verluste der Investoren höchst unterschiedlich. Nach Berechnungen von Moody's etwa kostete der Zusammenbruch der Finanzen Argentiniens im Jahr 2001 die Anleger letztlich durchschnittlich 70 Prozent des investierten Geldes. Im Falle Moldawiens (2002) und der Dominikanischen Republik (2005) waren es lediglich 5 Prozent. Vergleicht man die Verluste berechnet auf Basis des Anleihenpreises 30 Tage nach dem Ausfall oder vor der Umschuldung mit dem diskontierten Zeitwert der Mittelzuflüsse so waren die Verluste im zweiten Fall meistens geringer.

          Jüngere Entwicklung uneinheitlich

          Die Ratings entwickelten sich in den vergangenen 12 Monaten unterschiedlich. So hat Moody's 14mal die Bonitätsnote eines Staates herauf- und nur siebenmal herabgesetzt. S&P dagegen 15mal das Rating gesenkt und nur zehnmal angehoben. R&I vergab bei 11 sogenannten „Downgrades“ sogar nur ein einziges Upgrade.

          Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich Moody's bei den Furore machenden Herabstufungen der schwachen Euro-Länder deutlich zurückgehalten hat. In den vergangenen 12 Monaten senkten sie nur zweimal die Note Griechenlands. S&P vergaben dagegen in der Eurozone sechs, Fitch vier und R&I fünf Downgrades.

          Ratings entscheiden mit über die Staatsfinanzierung

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