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Staatsanleihen : Niedrige Zinsen locken Exoten

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Angolas Probleme sind groß: Ob mehr Auslandsschulden eine Lösung sind? Bild: AFP

Die Zinsen in den Industrieländern sind niedrig. Damit wird für Staaten, die knapp bei Kasse sind, die Auflage von Anleihen attraktiv. Doch hohen Zinsen stehen längerfristig große Risiken gegenüber.

          Der Anleihemarkt hat eine eingebaute Sicherung gegen allzu große Blasen. Denn je höher die Kurse steigen und damit die Renditen fallen, desto unattraktiver werden nicht nur die am Markt befindlichen Papiere. Niedrige Zinsen locken zudem immer mehr und immer schwächere Emittenten an den Primärmarkt, bis die Flut des Angebots zu den teuren Konditionen die Nachfrage übersteigt. Dann müssen die Emittenten wieder mehr bieten, die Renditen am Primärmarkt steigen und setzen auch die Kurse am Sekundärmarkt unter Druck.

          Das ist zumindest eine Theorie, wobei in der Praxis andere Faktoren diesen Zusammenhang bisweilen überdecken. Dass sich der Anleihemarkt derzeit in der Gipfelregion des Booms befindet, steht angesichts der niedrigen Renditen und der hohen Nachfrage für attraktiv gepreiste Emissionen, wie etwa der des Einzelhändlers Otto in der Vorwoche außer Frage.

          Sinkende Zinsen und Aufschläge

          Das lockt auch neue Gesichter. Insgesamt ist das Emissionsvolumen von Schwellenländeranleihen in diesem Jahr um 70 Prozent geklettert und hat mit 554 Milliarden Dollar das Rekordhoch des Jahres 2007 von 367 Milliarden Dollar weit übertroffen. Die Renditen liegen mit durchschnittlich 6,49 Prozent nur knapp über dem historischen Tief von 6,34 Prozent, das ebenfalls im Jahr 2007 erreicht worden war. In den vergangenen zwölf Monaten sind sie so stark gefallen wie noch nie seit Beginn der Datenerhebungen 1998.

          Zum einen sind die Zinsen in den Vereinigten Staaten deutlich gesunken, wo die Renditen der fünfjährigen Staatsanleihen, die häufig als Benchmark für Schwellenländeranleihen verwendet werden, von 5,23 Prozent im Jahr 2006 auf 2,19 Prozent gesunken sind.

          Zudem sind die Renditeaufschläge der Schwellenländerbonds gegenüber amerikanischen Staatsanleihen im Oktober auf ein 14-Monatstief von 2,89 Prozentpunkten gefallen und ist seitdem nur leicht gestiegen. Ein Jahr zuvor hatten diese noch bei 8,65 Prozentpunkten ein Rekordhoch markiert. Gleichzeitig treffen Schwellenländeranleihen auf eine sehr hohe Nachfrage, die die Renditen weiter drückt.

          Angola - Emission auch ohne Rating

          Auf der Suche nach höheren Renditen haben Investoren bei der 7 Milliarden Dollar schweren Anleiheemission von Katar in dieser Woche Orders für 28 Milliarden Dollar platziert. Die fünfjährigen Papiere bieten eine Rendite von 3,67 Prozent, die damit nur 1,85 Prozentpunkte über der von vergleichbaren amerikanischen Staatsanleihen liegt. Bei der Emission im April lag er noch bei 3,4 Prozentpunkten.

          Auch Angola will die günstigen Finanzierungskonditionen ausnutzen und über eine Emission 4 Milliarden Dollar beschaffen. Mit dem Erlös sollen Bauprojekte finanziert werden. Der starke Rückgang des Ölpreises hat dem Land, bei dem Erlöse aus dem Ölgeschäft 80 Prozent der staatlichen Einnahmen ausmachen, ein Haushaltsdefizit eingebracht. Das südwestafrikanische Land will die Anleihen auch ohne ein Rating von Moody's Investors Service, Standard & Poor's oder Fitch Ratings vermarkten.

          Ohne Bonitätsnote müsse Angola allerdings höhere Renditen als andere Emittenten südlich der Sahara bieten, erwartet Gutierrez. Ghana beispielsweise hat 2007 eine Anleihe mit Fälligkeit 2017 aufgelegt, die eine Rendite von 8,63 Prozent bietet. Das Land wird von Standard & Poor's mit „B+“, der vierthöchsten Stufe der „Junk„-Kategorie bewertet.

          Neues von wackligen Schuldnern

          Weißrussland, das in diesem Jahr 3,5 Milliarden Dollar an Notkrediten des Internationalen Währungsfonds erhielt, hat für kommendes Jahr ebenfalls Dollarbonds angekündigt. Moody's beurteilt die Bonität des osteuropäischen Landes mit „B1“, vier Stufen unter der Güteklasse Investmentgrade.

          Ihre erste internationale Bondemission planen auch die Cayman Islands. Sie wollen sich 312 Millionen Dollar über eine zehnjährige Emission beschaffen. Vietnam hat bisher erst einmal, nämlich 2005, eine Anleihe begeben; jetzt soll wieder eine Fremdwährungsanleihe folgen. Als Volumen wird eine Milliarde Dollar angepeilt. Der Iran plant, bis Dezember ein Papier über eine Milliarde Euro auf den Markt zu bringen.

          Russland und Kasachstan haben in diesem Monat Pläne für die ersten Anleihen seit mindestens einem Jahrzehnt angekündigt. Mit dem Erlös sollen Löcher im Haushalt gestopft werden. Das hat besonders Kasachstan nötig, dessen Bankensystem im Zuge der Finanzkrise jede Stabilität verlor.

          Risiken sind nicht zu unterschätzen

          Bereits im Oktober hat Sri Lanka, das erst im Mai einen 26 Jahre währenden Bürgerkrieg hinter sich gelassen hat, 500 Millionen Dollar einer 2015 fälligen Anleihe plaziert. Die Rendite lag 5,06 Prozentpunkte über amerikanischen Schatzanweisungen, mittlerweile ist sie um 80 Basispunkte gefallen.

          Wie schnell aber aus den lockenden Renditechancen vor allem bei unbekannten Emittenten ein Trauerspiel werden kann, zeigt das Beispiel der Seychellen. Diese hatten im Oktober 2006 den ersten Schritt auf den Anleihenmarkt getan. Doch zwei Jahre später mussten sie die Zahlungen einstellen. Auch Ecuador hat die Zahlungen seinerzeit eingestellt - nicht zum ersten Mal. Argentinien gilt als Dauer-Wackelkandidat und wenn dieser fällt, so wird es stets auch für den kleinen Nachbarn Uruguay bedrohlich. Und in der Karibik ist jede Hurrikan-Saison dazu angetan, auch die Inhaber von Anleihen aus Jamaika, Grenada und Belize ins Schwitzen zu bringen.

          Aber nicht jeder Ankündigung folgen auch Taten. So sind die Absichten Weißrusslands nichts Neues und auf Sambias 2006 angekündigte Fremdwährungsanleihen warten die internationalen Anleger bis heute.

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