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Staatsanleihen : Grusel am Anleihenmarkt

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Für Anleihegläubiger ist der Schrecken realer. Bild: dpa

Halloween ist Grusel mit Spaß. Für Anleger ist der Nervenkitzel real. Besonders am Anleihenmarkt läuft derzeit ein Horrorstreifen, findet Fondsmanager Anthony Doyle.

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          Wenn sich Anthony Doyle, Investment Director im Anleihen-Team der britischen Fondsgesellschaft M&G gruseln will, braucht er weder Clowns noch andere Halloween-Kostüme auf den Straßen. Er denkt einfach nur an die Anleihenmärkte: Hohe Schulden, niedrige Inflation, nachlassendes Wirtschaftswachstum und negativen Anleiherendite – für Doyle ein beängstigendes Gebräu.

          „Besonders furchteinflößend ist die nach wie vor ultralockere Geldpolitik der Notenbanken, und das acht Jahre nach der Finanzkrise“, gruselt er sich. Die Anleihemärkte ähnelten momentan einer Freakshow und ließen befürchten, dass die nächste globale Rezession nicht mehr weit sei: „Wer sich die aktuellen Entwicklungen ansieht, muss keine Gruselfilme schauen.“

          Wie Clowns zu Gruselclowns geworden sind, seien beispielsweise Staatsanleihen vom sanften Ruhekissen zum angsteinflößenden Szenario geworden. Es ist wie in einem Horrorstreifen. Man glaubt genau zu wissen, dass etwas Schreckliches passieren wird, und zwar gleich, doch nicht, jetzt, nein, doch nicht, gleich! Denn Anfang des Jahres hatten vielen schon erwartet dass die Herrlichkeit von Schuldtiteln westlicher Regierungen vorbei sein werde. Tatsächlich haben diese in diesem Jahr außerordentliche Kurssteigerungen erzielt.

          Die Anleiherenditen sinken damit immer weiter: Zehnjährige britische Staatsanleihen rentieren aktuell mit 0,5 Prozent, zu Jahresbeginn waren es noch knapp zwei Prozent. Die zehnjährige Bundesanleihe wird mit einer negativen Rendite von 0,13 Prozent gehandelt, zu Jahresbeginn brachte sie immer hin noch 0,16 Prozent.

          „Inzwischen sind Staatsanleihen im Wert von fast 10 Billionen Dollar mit einer negativen Rendite im Umlauf“, so Doyle. Und die umfangreichen Kaufprogramme der Notenbanken drückten die Laufzeitprämien, die Investoren für die Anlage in langfristigen Titeln erwarten, noch weiter unter Null. Dabei seien gerade Papiere mit langer Amortisationsdauer (Duration) besonders gefragt, die negativ auf Zinsänderungen reagieren.

          „Neben den Zentralbanken kaufen auch Pensionsfonds und Versicherungen zunehmend Anleihen und üben so noch mehr Druck auf die Renditen aus“, erklärt der M&G-Experte. Letztlich erschütterten negative Zinsen, gekoppelt mit wenig Wachstum und strenger Regulierung, aber auch die Geschäftsmodelle vieler Unternehmen und Banken. Der Druck auf das Finanzsystem steige, doch es sei völlig unklar, wie die Verzerrungen wieder abgebaut werden könnten.

          „Die Duration globaler Anleiheportfolios liegt fast bei sieben Jahren – wenn Inflation und Leitzinsen wieder ansteigen, könnten die Anleger hohe Verluste erleiden.“ Da der Ölpreis wieder deutlich gestiegen sei und Handelsbarrieren in Mode kämen, sei ein inflationärer Schock möglicherweise näher als viele derzeit glaubten.

          Dafür gibt es erste Anzeichen. In Deutschland hat sich die Inflationsrate von Mai bis Oktober auf 0,8 Prozent verachtfacht, in Großbritannien hat sie sich zuletzt auf 1 Prozent verdreifacht. Auch in en Vereinigten Staaten betrug sie im Mai noch ein Prozent, zuletzt waren es 1,6 Prozent.

          Und auch die Schwellenländer machen Anthony Doyle nervös, allen voran China. Das übermäßige Kreditwachstum könnte das gesamte Bankensystem des Landes unter starken Druck setzen, zumal sich das Wirtschaftswachstum Chinas weiter abschwächt. Ein Platzen dieser Blase würde auch westliche Anleger nicht kalt lassen‘“, fürchtet Doyle.

          Indes versuchen sich die Anleger zu beruhigen. Zum einen damit, dass die Anleiherenditen seit dem Sommer schon gestiegen sind. Die Renditen der deutschen und amerikanischen zehnjährigen Staatsanleihen immerhin um gut einen halben Prozentpunkt, der britischen sogar um 0,7 Prozentpunkte. Doch das ist eine zweifelhafte Ermutigung, sollte es den Beginn des Horrors steigender Renditen und damit von anhaltenden Kursverlusten markieren. Zum anderen sie das Niveau der Inflation ja immer noch lächerlich gering und darüber hinaus den wieder steigenden Ölpreisen geschuldet. Das sei mithin ein isoliertes Phänomen.

          Doch just in den Beruhigungsversuchen liegt die Gefahr. Es ist wie in dem Gruselfilm, in dem der Nebendarsteller ständig beteuert, es drohe keine Gefahr und dem Zuschauer längst klar ist, dass dieser keine zwei Minuten mehr zu leben hat.

          Es mag kein harter Indikator sein. Aber immer mehr verfestigt sich der Eindruck, dass sowohl viele Finanzmarktteilnehmer als auch Verbraucher davon ausgehen, dass Zinsen der Vergangenheit angehören. Die Erfahrung aber lehrt, dass dies oft genug den Wendepunkt markiert. Wenn niemand mehr mit etwas rechnet, ist auch niemand mehr wachsam – siehe Horrorstreifen – und genau dann schlägt die Gefahr am unerbittlichsten zu. Auch Doyle fürchtet dies: „Der gefährlichste Satz der Finanzwelt lautet: ‚Dieses Mal ist alles anders.‘“

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