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Staatsanleihen : Italien setzt so viele Anleihen ab wie noch nie

Italiens Wahrzeichen: Das Kolosseum in Rom Bild: dapd

Die italienische Zehnjahres-Rendite fällt erstmals seit fünfzehn Monaten deutlich unter fünf Prozent. Und das Land muss künftig weniger Anleihen verkaufen als geplant.

          Die neuen italienischen Staatstitel heißen zwar in der Mediensprache „Patriotenbonds“, doch haben sie gerade ganz ohne Patriotismus, sondern mit günstigem Rückenwind der Marktentwicklung einen nicht vorhersehbaren Erfolg erzielt. Von den Titeln namens „BTP Italia“ wurde im vergangenen März ein Volumen von 7,3 Milliarden Euro abgesetzt, im Juni gerade mal 1,7 Milliarden Euro, und für die neue viertägige Auktion im Oktober lagen die Schätzungen zwischen 1 und 5 Milliarden Euro. In der Endabrechnung können Italiens Schuldenverwalter nun aber einen Rekordabsatz von 18 Milliarden Euro vorweisen, der wiederum die Märkte bis hin zum deutschen Aktienmarkt beflügelt.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Andreas Hürkamp, Aktienstrategie der Commerzbank, hat beobachtet, dass die italienische Rendite für Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit seit Sommer 2011 stark auf den Deutschen Aktienindex Dax eingewirkt hat. Im Juli 2011 stieg Italiens Rendite erstmals auf mehr als 5 Prozent - ein negativer Höhepunkt in der europäischen Staatsschuldenkrise. Seither geht ein Anstieg von Italiens Rendite oft mit einem Fall des Dax einher und umgekehrt (siehe Grafik). In dieser Woche nun fiel die italienische Rendite deutlich unter 5 Prozent. „Ich denke, für eine weitere Dax-Hausse ist es eine notwendige Bedingung, dass die zehnjährige italienische Anleiherendite nachhaltig unter 5 Prozent verharrt“, sagt Hürkamp und fügt hinzu: „Dies wäre ein sehr wichtiges Signal, dass die Euro-Schuldenkrise nun tatsächlich für den Dax als negativer Faktor nach und nach an Kraft verliert.“

          Der Erfolg der „BTP Italia“ lässt nun auch die Strategie des italienischen Schatzamtes für den Rest des Jahres in einem günstigen Licht erscheinen. Wegen der Rezession in dem Land müssen Italiens Schuldenverwalter unter Führung von Maria Cannata in diesem Jahr 20 Milliarden Euro mehr Staatstitel absetzen als ursprünglich geplant. Wegen des unerwarteten Erfolges der aktuellen Versteigerung werden zwar keine Auktionstermine abgesagt, aber die Emissionsvolumina begrenzt. Zudem wird erwartet, dass keine dreimonatigen Titel mehr angeboten werden sowie nur wenige sechsmonatige oder einjährige Papiere. Damit dürfte sich die etwas gefallene durchschnittliche Laufzeit der italienischen Staatsschulden wieder an den früheren Wert von sieben Jahren annähern. Für das Jahr 2013 sagt Maria Cannata voraus, dass das Absatzvolumen gegenüber den 460 Milliarden Euro im Jahr 2012 sinken werde.

          Begünstigt wurde der erfolgreiche Anleiheverkauf von der spezifischen Konstruktion der neuen Anleihen, die von Kleinanlegern direkt im Internet geordert werden können. Schon drei Tage vor Beginn der Auktion, am 12. Oktober, war als jährlicher Mindestzins der Wert von 2,55 Prozent festgelegt worden. Wer die Titel bis zur Endfälligkeit hält, bekommt einen Zinsbonus von 0,4 Prozent. Zudem sind die Titel inflationsindexiert und dabei nicht - wie üblich - an die Preissteigerung des Euroraums insgesamt, sondern an die etwas höhere Inflation in Italien gebunden. Als dann während der Angebotsfrist vom 15. bis zum 18. Oktober die Marktzinsen deutlich fielen, ragte der vorher bestimmte Festpreis für die neuen „BTP Italia“ als besonders attraktives Angebot unter den italienischen Staatstiteln heraus.

          Patriotisch sei daher am Angebot und an der gestiegenen Nachfrage für die Titel nichts gewesen, sagt Isabella Bufacchi vom Wirtschaftsblatt „Il Sole 24 Ore“. Im Gegenteil ist nun die Quote der ausländischen und institutionellen Käufer dieser Titel stark gestiegen. An der neuen Auktion der „BTP Italia“ sollen nur zu 40 Prozent Kleinanleger teilgenommen haben.

          In Nordeuropa wird die Beteiligung der italienischen Privatleute als großer Erfolg wahrgenommen. „Italien gelingt es besser als anderen Länder, seine Bürger zur Finanzierung des Staates heranzuziehen. Es ist sehr positiv, dass die Privatleute auch in diesen schwierigen Zeiten dermaßen hinter dem Staat stehen“, sagte Jan von Gerich, Chefanlagestratege der Bank Nordea in Finnland, und verweist darauf, dass die italienischen Haushalte in Summe „sehr reich“ seien. So haben die privaten Haushalte Nettovermögen von mehr als 550 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung (BIP), der Staat Schulden in Höhe von 120 Prozent des BIP.

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