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Staatsanleihen : Investmentgrade vom Aussterben bedroht

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Bild: FAZ.NET

Staatsanleihen der Industrie- und vieler aufstrebender Schwellenländer signalisieren mit Ratings im Investmentgrade-Bereich eine sichere Anlage. Doch in den kommenden Jahrzehnten könnte sich das fundamental ändern.

          Die Weltbevölkerung altert. Das ist sicherlich keine allzu neue Erkenntnis. Indes wird bei der Diskussion dieser Tatsache die Perspektive oft verengt. Zum einen beschränkt sie sich auf die westlichen Industrieländer und zeichnet das Horrorszenario eines vergreisten Westeuropas einerseits und junger dynamischer Schwellenländer einerseits.

          Doch das Alterungsproblem beschränkt sich nicht auf Westeuropa. Weltweit wird nach Schätzungen der Vereinten Nationen die Altersabhängigkeitsquote als Relation zwischen den über 60jährigen und dem Teil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von 19 Prozent im Jahr 2005 bis 2050 auf 45 Prozent steigen. Chinas Altersabhängigkeitsquote wird sich in diesem Zeitraum vervierfachen und die Lateinamerikas verdreifachen. Selbst in Saudi-Arabien wird sich der Anteil der Älteren vervierfachen.

          In 40 Jahren nur noch spekulative Staatsanleihen?

          Zum andern fällt der Blick dabei oft nur auf die Auswirkungen auf den Wohlstand der Älteren. Indes tut sich an dieser Stelle eine gewaltige Finanzierungslast für diejenigen Staaten auf, die zwischen den sechziger und achtziger Jahren ihre Alterssicherungssysteme stark ausgebaut hatten.

          Das aber wird gewaltige Auswirkungen auf den Markt für Staatsanleihen haben. Die Rating-Agentur Standard & Poor's hat die Entwicklungen modelliert und die Ergebnisse in einem „Global Graying Report“ zusammengefasst.

          Quintessenz der S&P-Studie: Bleibt die Fiskalpolitik auf Autopilot, laufen die Staatsanleihen geradewegs ins Desaster. Schon 2015 würde mit Japan die erste der betrachteten 32 Nationen mit Investment-Grade-Rating in von der heutigen Bewertung mit „AA-“ in den spekulativen Bereich abrutschen. Danach würde sich der Trend beschleunigen und außer Kanada, Dänemark und Österreich hätte im Jahr 2040 keine der betroffenen Nationen mehr ein Rating im Investment-Grade-Bereich (siehe Infografiken).

          Alterslasten treiben Staatsausgabenquoten bis über 70 Prozent

          Schuld daran wären vor allem die steigenden Alterslasten im Bereich der Renten und der Krankheits- und Pflegekosten, während die niedrigeren Kosten der Arbeitslosigkeit dies kaum ausglichen. Dadurch stiegen auch die Zinslasten wieder deutlich an. Die durchschnittliche Staatsausgabenquote würde im Jahr 2030 die 50-Prozent-Marke überschreiten und im Jahr 2050 rund 56 Prozent erreichen.

          Besonders krass würde sich die Situation in Osteuropa entwickeln. In Slowenien, Ungarn und Tschechien lägen die Staatsausgabenquoten bei mehr als 70 Prozent und in Griechenland sogar bei 78 Prozent.

          Die durchschnittliche Defizitquote würde fast 14 Prozent erreichen. Japan wäre mit 530 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldet, die genannten südosteuropäischen Länder mit über 400 Prozent. In den Vereinigten Staaten würden die Medicare-Ausgaben die Verschuldung auf 350 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nach oben treiben.

          Verschlimmern könnte sich das Szenario dann sogar noch, wenn man davon ausgeht, dass Anleger angesichts der verschlechterten Ratings eine höhere reale Verzinsung der Anleihen verlangen würden.

          Haushaltsausgleich könnte Entwicklung verbessern

          Wenn die Staaten die Altersausgaben dagegen einfrieren, verschlechtern sich die durchschnittliche Haushaltssituation und die Ratings nur graduell. Indes würden Japan, Ungarn, Tschechien und Polen dennoch ihre Investment-Grade-Ratings verlieren, weil sie derzeit die schwächsten Staatsbudgets aufweisen.

          Der Haushaltsausgleich stellt damit die zweite Herausforderung für die Staaten da. In vielen Fällen, etwa in Italien oder Japan, aber auch in Deutschland, könnte mit einer Konsolidierung sogar mehr gewonnen werden als mit einer Reform der Alterssicherung, während etwa in den Benelux-Staaten dadurch fast nichts zu gewinnen wäre (siehe Infografiken).

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