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Staatsanleihen : Ein besseres Jahr für Gilts?

  • Aktualisiert am

Zinsangst: Die Immobilienpreise auf der Insel steigen weiter stark Bild: ddp

Britische Staatsanleihen haben kein gutes Jahr hinter sich gebracht. Derzeit drücken Befürchtungen über weitere Zinsanhebungen der Bank of England die Kurse tiefer. Doch Optimisten sehen bereits wieder Chancen.

          3 Min.

          Die Bank of England erhöhte im vergangenen Jahr zweimal die Zinsen. Dies brachte die britischen Staatsanleihen, deren Entwicklung schon zuvor. Derzeit stehen die „Gilts“ in allen Laufzeiten so tief wie schon lange nicht mehr.

          Vor allem am kurzen Ende herrscht Druck. Seit längerer Zeit schon ist die britische Zinsstrukturkurve invertiert. Das eigentlich sollte nach herkömmlicher Lesart ein Vorbote einer Rezession sein, die Anleihen wieder attraktiver machen könnte, doch davon ist nicht viel zu sehen.

          Immobilienmarkt und Dienstleistungen weiter stark

          Tatsächlich rechnen die Märkte mit einer weiteren Zinserhöhung der Bank of England schon im März, die Investmentbank JP Morgan sogar mittlerweile schon im Februar. Hintergrund sind starke Daten aus der Dienstleistungsbranche und ein unvermindert anhaltender Immobilienboom auf der Insel, gefüttert nicht zuletzt durch eine hohe Liquidität, der die Notenbanken nur schwer Herr werden (Märkte könnten 2007 verschlechterten Bonitäten trotzen).

          Die Dienstleistungsindustrie erlebte im November ihr schnellstes Wachstum seit zehn Jahren. der vom Chartered Institute of Purchasing & Supply und der Royal Bank of Scotland erhobene Index stieg auf 60,6 Punkte, derweil Ökonomen auf eine leichte Beruhigung setzten. Ein Wert über 50 zeigt eine Expansion an. Zudem wuchs im November die Zahl der Beschäftigten um 154.000, stärker als erwartet.

          Und auch der Immobilienmarkt will nicht schwächer werden. Mit 129.000 neu bewilligten Hypothekenkrediten im November stieg dieser Wert auf den höchsten Stand seit drei Jahren und auch der Preisauftrieb hat bislang angehalten. Um zehn Prozent kletterten die Hauspreise im Jahr 2006, um 4,2 Prozent allein im vierten Quartal.

          Preisauftrieb bei Immobilien über allen Erwartungen

          Das übertraf alle Erwartungen. HBOS, größter Immobilienfinanzierer des Landes, hatte Ende 2005 einen Preisanstieg für das Jahr 2006 von lediglich drei Prozent prognostiziert. Zwar ergab eine Studie des Instituts, dass die Preise im Dezember entgegen aller Prognosen um ein Prozent fielen, doch laut Chefökonom Martin Ellis, sei es „noch zu früh, um daraus zu schließen, dass es sich um eine Beruhigung des Häusermarktes handele“.

          Der Immobilienboom hat wie in den Vereinigten Staaten auch im Vereinigten Königreich auch einen Konsumboom mit sich gebracht, der der Wirtschaft im dritten Quartal zu einem Wachstum von 2,9 Prozent verhalf, obgleich die Entwicklung im verarbeitenden Gewerbe eher schwach ist.

          Indes scheint ein Verschlechterung der Daten nur eine Frage der Zeit zu sein. Ellis etwa ist der Überzeugung, dass die höheren Zinsen, geringeres Gewinnwachstum und der Druck auf die Finanzen der privaten Haushalte die Nachfrage nach Immobilien dämpfen werde.

          Abschwächung des Wachstums erwartet

          Darauf rechnet auch Charles Benn, Chefökonom der Bank England. Die Nachfrage werde aufgrund der Rekordverschuldung der Haushalte schwächer werden. Immerhin haben diese mittlerweile Schulden im Volumen von 1,3 Billionen Pfund angehäuft. Die Zahl der Verbraucherkonkurse stieg in England und Wales im dritten Quartal auf einen neuen Rekordwert und soll bis März noch weiter stiegen.

          Auch der Index des Verbrauchervertrauens ist im Dezember von minus sieben auf minus acht Punkte gefallen, wohingegen Ökonomen mit einer Erholung auf minus sechs Punkte gerechnet hatten.

          Darum ist jetzt auch schon wieder Zeit für Optimisten. Cyril Beuzit, Chef der Zinsstrategie.-Abteilung der Bank BNP Paribas, etwa erwartet keine Zinsanhebung mehr, sondern im Gegenteil nach einer mehrmonatigen Zinspause erste Zinssenkungen.

          Auch eine positive Wendung ist möglich

          Denn die Bank glaubt, dass angesichts eines langsameren Wirtschaftswachstums die Inflationsrate bis Juni aus zwei Prozent fallen wird. Die preistreibenden Komponenten Nahrungsmittel und Versorgungsdienstleistungen würden sich 2007 als dämpfend erweisen. So werde sich ein Anstieg von 30 Prozent im Jahr 2006, wie es bei letzteren der fall war, im Jahr 2007 kaum wiederholen.

          Für den Anstieg der Nahrungsmittelpreise sein Zweitrundeneffekte der steigenden Energiepreise und die Trockenheit im Sommer verantwortlich gewesen. Nur eine weitere Trockenheit könnte hier eine Entspannung verhindern.

          Behält die Bank recht, so könnten Gilts im Jahr 2007 wieder interessant werden. Das könnte sich vor allem am kurzen Ende positiv auswirken, an dem die Renditen stärker gestiegen sind. Für eine Rally am langen Ende sind die Chancen geringer. Goldman Sachs sehen Gilts zwar als noch günstiger gepreist an denn amerikanische und Euro-Staatsanleihen, aber halten japanische Werte noch für deutlich günstiger.

          Es sei denn die Stimmung hinsichtlich der Lage der Weltwirtschaft bleibe positiv. Denn Gilts reagierten grundsätzlich sensibler auf Stimmungsänderungen. Britische Anleihen sind insofern wirklich etwas für Optimisten, die die Inflations- und Wachstumsgefahren für weniger bedeutsam erhalten. Pessimisten fahren 2007 wohl anderswo besser.

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