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Staatsanleihen : Belize und andere Wackelkandidaten

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Zwar ist der bevorstehende Zahlungsausfall nicht unbedingt der Vorbote einer weltweiten Verschuldungskrise, doch macht er deutlich, daß solche Moratorien eben durchaus öfter an der Tagesordnung sind als gemeinhin angenommen.

2005 mußte der karibische Inselstaat Grenada ein Moratorium anmelden. Zuerst wurde Grenada im Jahr 2004 durch den Hurrikan „Ivan“ verwüstet, der 90 Prozent der Häuser beschädigte, so daß 30 Prozent abbruchreif waren. Im Juli tobte dann ein weiterer Hurrikan über die Insel, was das Land nicht verkraftete, das noch nicht einmal die Schäden des Vorjahres beseitigt hatte.

Die mit 9,375 Prozent verzinste und 2012 fällige Anleihe des Landes (Isin USP48863AA55) hat in den vergangenen zwölf Monaten über ein Drittel ihres Wertes verloren und rentiert derzeit nominell mit 25,15 Prozent. Allerdings sind vorläufig keine Zahlungen zu erwarten. Auch die Austauschanleihe, die mit einem Stufenkupon ausgestattet wird und 2025 fällig wird, rentiert derzeit mit 11,42 Prozent, nachdem ihr Kurs von 60 auf 48 Prozent gefallen ist.

Krieg könnte Libanon in Zahlungsverzug bringen

Aktuell Wackelkandidaten in dem Sinne, wie es bei Belize der Fall ist, gibt es aktuell zwar keine weiteren, doch gibt es allemal die üblichen Verdächtigen. Dazu gehören mit Sicherheit libanesische Anleihen. Diese haben naturgemäß in den vergangenen Tagen stark an Wert verloren. Die mit 7,25 Prozent verzinste Euro-Anleihe (Isin XS0192976834) stürzte im Juli von rund 103 auf 95,1 Prozent und rentiert nunmehr mit 7,43 Prozent. Mit „B-“ liegt ihr Rating nur zwei Stufen über dem Belizes, der Ausblick ist negativ und dürfte wohl gesenkt werden.

Der Libanon versuchte Anfang des Jahres immer noch, sich von den Folgen des verheerenden, jahrzehntelangen Bürgerkriegs zu erholen. Wie sich die Kriegsschäden im derzeitigen Konflikt auswirken werden, weiß noch niemand. Die Staatsverschuldung lag zuletzt bei rund 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und noch ist nicht klar, ob die verwüsteten öffentlichen Finanzen „weich“ saniert werden können.

Das Verheerende am derzeitigen Konflikt ist, daß das stärkere Wachstum, das das Land seit 2004 wieder verzeichnete unter anderem auf dem Tourismus beruhte - und dieser dürfte für längere Zeit Schaden nehmen. Selbst wenn der Konflikt rasch beendet sein sollte - die Widerstandsfähigkeit der libanesischen Wirtschaft und damit die Zahlungsfähigkeit des Staates dürften erst einmal deutlich geschwächt werden.

Jamaika wankt, aber es fällt nicht

Immer ein Kandidat für einen Zahlungsausfall ist auch Jamaika, dessen Anleihen von S & P mit „B“ bewertet werden, eine Stufe besser als die des Libanon. Indes stehen hier die Zeichen gemeinhin auf Besserung, auch wenn die einstigen ehrgeizigen Ziele wohl nicht erreicht werden. So wurde für 2005/06 ein ausgeglichener Staatsaushalt angestrebt, doch wird das Defizit im laufenden Jahr wohl nur von 5,2 auf 1,5 Prozent des BIP sinken.

Schuld daran sind ein schwaches Wachstum im vergangenen Jahr, aber auch großzügige Ma0nahmen der Regierung. So wurden die Renten für 87.000 Bürger im März um 66 Prozent erhöht, was das Land in den kommenden vier Jahren 153 Millionen Dollar kosten wird. Auch Jamaika war von den Stürmen der vergangene beiden Jahren betroffen, doch mittlerweile hat sich die Bananenindustrie erholt. In diesem Jahr wird ein Rekordwachstum von 3,7 Prozent prognostiziert.

Die drei Euro-Anleihen des Landes (Isin: DE000A0ACPU0, DE000A0DAKG8 und DE000A0DED93) laufen noch zweieinhalb bis etwas über acht Jahre und rentieren zwischen 6,34 und 8,09 Prozent bei Kupons von 10,5 und elf Prozent. Sie konnten sich in der Vergangenheit gut halten und seit Juli wieder erholen. Indes dürften Stürme auch diesem Land schwer zusetzen, wobei es allein aufgrund seiner Größe mit 2,7 Millionen Einwohnern erheblich mehr Substanz aufweist. Aber ein „too big to fail“ gibt es auch bei Staaten nicht.

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