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Staatsanleihen : Argentiniens Anleihen im Rausch des Wachstums

  • Aktualisiert am

Argentinien hat mehr zu bieten als Rindvieh Bild: AP

So lange ist die Argentinien-Krise noch gar nicht her, schon scheint sie vergessen. Zumindest verzeichen argentinische Anleihen rasante Kurszuwächse. Besonders BIP-Kupons ermöglichen die Spekulation auf die wieder florierende Wirtschaft des Landes.

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          Die Kurse argentinischer Finanztitel gehen steil nach oben. Dabei ist es gerade eineinhalb Jahre her, daß Argentinien mit der Zwangsumschuldung von mehr als 100 Milliarden Dollar Zins- und Anleiheschulden die größte Staatspleite aller Zeiten abgewickelt hat. Auf mehr als zwei Drittel ihrer Forderungen mußten die Anleger im Frühjahr 2005 verzichten, um wenigstens einen Teil ihrer Forderungen zurückzubekommen.

          Argentiniens Umschuldung ist zudem nicht vollständig abgeschlossen, denn immer noch steht das Land bei jenen privaten Gläubigern, die das Umschuldungsangebot von Anfang 2005 nicht akzeptiert hatten, mit mehr als 20 Milliarden Dollar im Rückstand. Auch gegenüber einigen Regierungen, die informell im Pariser Club zusammengeschlossen sind, stehen unbezahlte Schulden von mehr als 6 Milliarden Dollar offen.

          Renditen auf Rekordtief

          Trotzdem zählen argentinische Anleihen wieder zu den Favoriten der Anleger. Die Risikoaufschläge in den Renditen argentinischer Staatsanleihen im Vergleich zu sicheren Anlagen sanken in der vergangenen Woche auf ein Rekordtief. Argentinien-Anleihen werfen nur noch 2,8 Prozentpunkte mehr ab als amerikanische Staatspapiere. Der Kurs der aus der Umschuldung von 2005 hervorgegangenen Euroanleihe mit Fälligkeit im Jahr 2038 ist seit dem Zwischentief vom Juni um fast 37 Prozent gestiegen.

          Seit Einstellung des Schuldendienstes und der Maxi-Abwertung des argentinischen Peso 2002 erholt sich die argentinische Wirtschaft in atemberaubenden Tempo. Nach drei Jahren mit jeweils 9 Prozent Wirtschaftswachstum werden die Prognosen für die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auch für 2006 und 2007 laufend nach oben korrigiert. JP Morgan erwartet 8,5 Prozent Wachstum in diesem Jahr und immer noch kräftige 7,5 Prozent im kommenden.

          Die seit langem prognostizierte Konjunkturabschwächung würde damit milder ausfallen, als vielfach erwartet worden war. Die Bank UBS wagt schon eine Prognose für 2008: 4,8 Prozent wird Argentiniens Wirtschaft dann noch angeblich wachsen. Einen so langen Aufschwung hat Argentinien seit vielen Jahrzehnten nicht erlebt. Zwar könnten Energieengpässe einen Wachstumsknick verursachen, doch mit einem Einbruch der Konjunktur rechnet vorerst niemand.

          Begehrte BIP-Kupons

          Am besten entwickelten sich darum die an das BIP-Wachstum gekoppelten Kupons, die bei der Umschuldung 2005 ausgegeben worden waren, um die Gläubiger wenigstens teilweise für die hohen Kapitalverluste zu entschädigen. Diese ungewöhnlichen Papiere gewähren ihren Besitzern eine jährliche Auszahlung, deren Höhe davon abhängt, ob und in welchem Ausmaß das BIP-Wachstum in konstanten Preisen bestimmte Mindestwerte überschreitet. Je höher das Wachstum, desto höher wird die Auszahlung.

          Fällt das BIP oder sein Zuwachs in einem Jahr unter den Mindestwert, erhalten die Anleger nichts. Seit knapp einem Jahr werden diese anfangs mit den Umschuldungsanleihen verbundenen Papiere separat gehandelt. Seitdem ist der Kurs des auf Euro lautenden BIP-Kupons um fast 150 Prozent gestiegen.

          Zusammengenommen sind die bei der Umschuldung ausgegebenen Anleihen und die BIP-Kupons in Euro heute rund 56 Prozent des ursprünglichen Nominalwertes der alten Anleihen wert. Zur Zeit der Umschuldung hatten Experten den neu ausgegebenen Anleihen bestenfalls einen Wert von 30 Prozent des ursprünglichen Nominalwertes beigemessen.

          Wer wagte, konnte gewinnen

          Entsprechend niedrig waren seinerzeit die Marktkurse der Altanleihen. Wer es kurz vor der Umschuldung 2005 gewagt haben sollte, notleidende argentinische Papiere zu erwerben und dann zum Tausch gegen die neuen Anleihen einzureichen, kann sich heute über aufgelaufene Kursgewinne von 80 bis 90 Prozent freuen.

          Altgläubiger, die nicht getauscht haben, werden dagegen noch lange auf ihr Geld warten müssen. Pfändungsversuche haben bisher nur wenig Erfolg gebracht. Argentiniens Regierung verzichtet auf internationale Anleiheemissionen, um sich nicht der Gefahr von Pfändungen auszusetzen. Die Provinz Buenos Aires dagegen hat kürzlich eine Globalanleihe über 475 Millionen Dollar plaziert. Solche Provinzanleihen, die der Pfändungsdrohung gegen den Bundesstaat nicht ausgesetzt seien, öffneten dem Land „ein Fenster zum internationalen Kapitalmarkt“, meint Walter Molano von BCP Securities. Diese Papiere seien „sehr attraktiv“.

          Von den unbezahlten Altschulden abgesehen, steht Argentinien heute finanziell solide da. Seit der Umschuldung und der Abwertung weisen sowohl die Staatskasse als auch die Handelsbilanz hohe Überschüsse aus. Die kräftig steigenden Exporte von Soja und anderen Rohstoffen bringen reichlich Devisen. Der Staat zwackt über hohe Exportsteuern einen Großteil der Gewinne für sich ab. Gleichzeitig entsprechen die jährlichen Zinszahlungen des argentinischen Staates seit der Umschuldung nur noch 2 Prozent des BIP. In anderen Ländern Lateinamerikas ist die Zinsbelastung mehr als doppelt so hoch. Das Nachbarland Brasilien muß sogar fast das Vierfache an Zinslast tragen.

          In Lateinamerika favorisieren Anleihekäufer denn auch derzeit die Papiere von Argentinien, während das Interesse an Brasilien und Mexiko abnimmt, beobachtet die Bank Santander Investment. Bei Aktien erscheint Argentinien dagegen vergleichsweise wenig attraktiv. Das mag an der Enge des Aktienmarktes liegen. Wer auf eine gute Konjunktur in Argentinien setzen will, dem bieten die BIP-Kupons eine Alternative. Schließlich sind die BIP-Papiere in gewisser Weise ähnlich wie Aktien der „Argentinien AG“.

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