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Zinszahlungen : Sparen mit Crédit Agricole kann den Fiskus herbeirufen

Filiale der Crédit Agricole in Nizza Bild: dapd

Die Bank erweckt ein Stück weit den Eindruck, in Deutschland zu sitzen. Doch Vorsicht: Die Steuern auf die Zinsen müssen eigenständig abgeführt werden.

          An zwei Dinge haben sich Anleger fast gewöhnt: Es gibt kaum noch Zinsen. Und wenn man Zinsen erhalten hat, ist die darauf fällige Steuer von der Bank schon zuvor automatisch an das Finanzamt überwiesen worden. Auch Dividenden und Gewinne mit Wertpapieren werden ja seit Jahren schon direkt dort besteuert, wo der Kapitalertrag anfällt: bei der Bank auf dem Konto oder im Depot.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Idee hinter dieser Abgeltungssteuer ist klar: Der Fiskus schließt Besteuerungslücken, und ohnehin steuerehrliche Anleger und Sparer sollen von Bürokratie entlastet werden. Denn sie sollen die Anlage KAP (Kapitaleinkünfte) zur Einkommensteuer nicht mehr ausfüllen müssen. Selbst wer Geld in der Schweiz oder Fonds in Luxemburg hat und als seinen Wohnort „Deutschland“ meldet, muss inzwischen steuerlich kaum mehr etwas tun. Steuerabkommen und europäischer Informationsaustausch haben dafür gesorgt, dass Schweizer Banken und Luxemburger Fondsgesellschaften ein umfassendes „Reporting“ für deutsche Steuerpflichtige anbieten.

          Doch diese scheinbar volle Transparenz sollte deutsche Sparer nicht zur totalen Sorglosigkeit verführen. Denn zumindest eine Bank aus einem anderen europäischen Land, die gerade in Deutschland mit relativ hohen Zinsen für Tages- oder Festgeld aktiv ist, überlässt es ihren deutschen Kunden, die Zinsen selbst in ihrer Steuererklärung anzugeben. Darüber informiert diese Bank, aber dennoch dürfte vielen ihrer Kunden nicht klar sein, dass sie ihre erhaltenen Zinsen noch versteuern müssen.

          Crédit Agricole erspart sich Kosten für IT-Systeme

          Der Reihe nach: Die französische Bank Crédit Agricole liegt in den Ranglisten für die höchsten Zinsen in Deutschland oft in der Spitzengruppe. Derzeit bietet sie etwa für eine Anlage über zwei Jahre hinweg 1,01 Prozent Jahreszins. Crédit Agricole erweckt mit dem Marktauftritt ein Stück weit den Eindruck, als wäre sie eine deutsche Bank mit französischer Muttergesellschaft. So findet sich auf der Internetseite www.ca-consumerfinance.de, wo man als Deutscher sein Konto eröffnen soll, eine Service-Telefonnummer mit Vorwahl Bingen (Rheinhessen). Die Internet-Seite endet mit „.de“, und sämtliche Briefwechsel erfolgen über „CA Einlagenservice in 55387 Bingen, Postfach 1765“.

          Von dort kommt auch die Aufforderung an die Kunden, ihr Festgeld auf ein Konto der Commerzbank einzuzahlen. Doch wer glaubt, sein Geld bleibe in Deutschland und werde hier mit Zinszahlung wie üblich an der Quelle besteuert, irrt. Das Festgeld fließt von der Commerzbank zur CA Consumer Finance S.A., also zu einer französischen Aktiengesellschaft (S.A. für Société Anonyme). Das heißt: Um Geld deutscher Sparer einzusammeln, nutzt Crédit Agricole weder wie andere Auslandsbanken die Internetseite Weltsparen.de, noch braucht sie eine Filiale für Privatkunden in Deutschland oder gar eine Tochtergesellschaft. Der Konkurrent Renault Bank dagegen ist mit einer Niederlassung in Deutschland vertreten, und führt die Steuer auf Zinsen für seine Kunden automatisch an den deutschen Fiskus ab.

          Crédit Agricole erspart sich nicht unerhebliche Kosten für IT-Systeme, die deutsche Banken stemmen mussten – etwa um den Zinssteuerabschlag vornehmen zu können. Auch der Einzug der Kirchensteuer ist aufwendig, schließlich müssen die Banken die Daten zur Religionszugehörigkeit pflegen. Die deutsche Bankenaufsicht ficht diese Ungleichbehandlung zwischen deutschen und ausländischen Banken auf dem deutschen Markt nicht an. Die Aufsicht wäre nur dann interessiert, wenn die Finanzstabilität gefährdet wäre. Das ist nicht der Fall. Auch verschweigt Crédit Agricole nicht die Steuerpflicht des Anlegers. Allerdings findet sich die Information eher „im Kleingedruckten“. Auf der Internet-Seite steht unter neunzehn Fragen „zu Ihrem Festgeld“ auch eine ausführliche Antwort auf die Frage, ob man seine Kapitalerträge versteuern muss.

          Steuerbehörden der EU-Staaten müssen sich informieren

          Gleichwohl dürfte es etliche Sparer geben, die sich allenfalls darüber wundern, dass ihnen von Crédit Agricole der volle Zinsertrag ohne Steuerabzug überwiesen wird. Wer sich dann schlicht freut und es unterlässt, nachträglich den Zinsertrag in seiner Steuererklärung zu deklarieren, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit unbequeme Nachfragen von seinem Finanzamt gestellt bekommen. Denn innerhalb der EU müssen alle Banken inzwischen die nationalen Steuerbehörden über Zinszahlungen informieren.

          Zwischen den EU-Staaten wiederum ist vereinbart, dass die Steuerbehörden sich gegenseitig informieren. Falls also Crédit Agricole eine Zinszahlung vornimmt, muss die Bank das der französischen Steuerbehörde melden. Und der französische Fiskus leitet, so zumindest die Vorgabe, die Informationen über alle deutschen Einleger und deren Kapitalerträge an das deutsche Bundeszentralamt für Steuern weiter.

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