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Abstruse Bewertungen : Wenn Banken solider bewertet werden als Washington

Amerikas Schatzamt hat am Kapitalmarkt bisweilen das Nachsehen. Bild: AFP

An den Finanzmärkten sind immer häufiger abstruse Bewertungen zu beobachten: So können sich Banken teilweise günstiger finanzieren als das amerikanische Schatzamt.

          Sobald an den internationalen Finanzmärkten Turbulenzen auftauchen, flüchten verängstigte Anleger in amerikanische Staatsanleihen. Denn die Vereinigten Staaten gelten als sicherer Hafen, und der amerikanische Markt für Staatsanleihen ist so liquide, dass sogar in den schwersten Stunden der jüngsten Finanzkrise an ihm stets ein Handel möglich war. Gleichwohl ist seit Monaten ein merkwürdiges Phänomen zu beobachten.

          Ausweislich der gezahlten Preise kommen große Banken in bestimmten Märkten günstiger an Geld als der amerikanische Staat. Mit anderen Worten: Wären diese Preise nicht verzerrt, hielten die Geldgeber große Banken für solider als den amerikanischen Staat. Tatsächlich aber dürfte es sich um eine Marktverzerrung handeln, die allerdings nun doch schon einige Zeit andauert. Erkennbar ist dies an einem Indikator für Finanzmarktprofis, der in der Fachsprache „US Swap Spreads“ heißt.

          Zu viel Angebot

          Mit dem englischen Begriff „Swaps“ werden Tauschgeschäfte an Finanzmärkten beschrieben, zum Beispiel der Tausch von variablen in feste künftige Zinszahlungen. Solche Geschäfte können zu Absicherungszwecken wie zu Spekulationszwecken getätigt werden. Sie finden nicht an offiziellen Börsen, sondern im außerbörslichen Handel mit Banken als traditioneller Gegenpartei statt. Bei einem „US Swap Spread“ werden die Renditen, die bei einem Swapgeschäft mit festem Zins am Markt von Banken verlangt werden, mit der Rendite amerikanischer Staatsanleihen identischer Laufzeit verglichen.

          Eigentlich müsste der „US Swap Spread“ stets positiv sein, weil Banken weniger kreditwürdig sind als der amerikanische Staat und ein Investor daher von einer Bank eine höhere Rendite verlangen müsste als von Washington. Doch schon seit Monaten ist zu beobachten, dass der „US Swap Spread“ negativ ist.

          „Diese ungewöhnliche Situation ist vor allem technisch getrieben“, bemerkt Jochen Felsenheimer von der deutschen Fondsgesellschaft Xaia. Zum einen gibt es Hinweise darauf, dass die Renditen der Staatsanleihen durch ein außergewöhnlich großes Angebot seit einigen Monaten etwas überhöht sein mögen. Felsenheimer erwähnt unter anderem zahlreiche Neuemissionen des amerikanischen Staates.

          Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) verweist in ihrem neuen Quartalsbericht auf die durch Regulierungen bedingte geringere Fähigkeit der Banken, größere Handelsbestände neuer Staatsanleihen zu halten. Gleichzeitig kann eine sehr starke Nachfrage nach Swaps dafür gesorgt haben, dass deren Renditen nach unten verzerrt worden sind. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich nennt unter anderem einen starken Absicherungsbedarf von Unternehmen und langfristig orientierten Großanlegern.

          Normalerweise würden an effizienten Finanzmärkten Händler für einen Abbau unnatürlicher Bewertungen sorgen. Aber neue Regulierungen, die für solche Geschäfte eine höhere Unterlegung mit Eigenkapital verlangen, erschweren diesen Handel. Daher sind diese Verzerrungen schon seit längerer Zeit beobachtbar. Aber man sollte nicht darauf vertrauen, dass diese Situation ewig Bestand hat. Angesichts der Größe des Swap-Markts werde eine Normalisierung mit erheblichen Preisrisiken einhergehen, sagt Felsenheimer voraus.

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