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Anleihehandel : Die Angst vor den verstopften Fluchtwegen

Handelsraum von BNP Paribas in Brüssel: Viele Bildschirme bestimmen den Arbeitsplatz. Bild: Reuters

Der Anleihehandel trocknet nach Ansicht der Investoren aus. Der Vermögensverwalter der Munich Re macht dafür die Käufe der EZB verantwortlich. Doch die Aufseher wiegeln ab.

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          Die großen Anleger wie Banken, Versicherer oder Vermögensverwalter klagen schon seit langem. Die Möglichkeiten, schnell und günstig Anleihen zu handeln, sind deutlich gesunken. Denn die Handelsvolumina sind geschrumpft. Allerdings teilt das Gremium der internationalen Wertpapieraufseher (Iosco) diese Ansicht nicht. Am Donnerstag stellte Susanne Bergsträsser, Abteilungsleiterin bei der deutschen Finanzaufsicht Bafin für Wertpapierprospekte, in Frankfurt eine Iosco-Studie vor, wonach es keine Anzeichen gebe, dass die Liquidität am Markt für Unternehmensanleihen deutlich zurückgegangen sei.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf einer Konferenz der Wertpapierhandelsorganisation International Capital Markets Association (ICMA) räumte sie aber ein, dass der Markt für Unternehmensanleihen stark vom Handel unter Banken und anderen Marktteilnehmern, dem sogenannten Freiverkehr, geprägt sei. Dieser sei wenig transparent. Die internationalen Wertpapieraufseher bezeichnen den Wertpapierhandel als liquide, wenn die Marktteilnehmer einen Titel jederzeit sehr schnell und ohne deutliche Preisschwankungen kaufen oder verkaufen können.

          Für Philipp Waldstein, Geschäftsführer des Munich-Re-Vermögensverwalters Meag, kann davon nicht die Rede sein. Für ihn ist die Europäische Zentralbank (EZB) der Sündenbock. Sie kauft im Monat 80 Milliarden Euro an Anleihen. Seit Juni ist sie auch am Markt für Unternehmensanleihen tätig, wo der Abbau der Handelsbestände in den Banken die Marktliquidität schon davor merklich ausgedünnt hat. Der größte Teil der EZB-Käufe entfällt auf Staatsanleihen.

          Das Kaufprogramm, mit dem die Wirtschaft im Euroraum angekurbelt werden soll, endet im März 2017 und hätte dann ein Volumen von 1,7 Billionen Euro. Doch an den Märkten wird mit einer Verlängerung des Programms gerechnet. Befürchtungen vieler Investoren und Investmentbanker, dass die EZB demnächst auch Bankanleihen kaufen könnte, trat nun EZB-Direktor Benoît Cœuré entgegen. Es wäre auch mit den Aufgaben der EZB in der Bankenaufsicht schwer vereinbar, denn dann würde die Notenbank endgültig in einen Interessenkonflikt geraten. Für viele Marktteilnehmer befindet sie sich schon darin.

          „Die EZB verschärft mit ihren Anleihekäufen das Liquiditätsproblem“, sagt Waldstein im Gespräch mit dieser Zeitung. Für die Meag, die ein Vermögen von 265 Milliarden Euro verwaltet, ist ein liquider Handel am Anleihemarkt wichtig, denn darauf entfallen fast 80 Prozent der Kapitalanlagen. „Es gibt an den Märkten immer weniger Anleihen zu kaufen“, kritisiert der für Portfoliomanagement, Wertpapiere, Geld und Devisen verantwortliche Geschäftsführer. Er verweist auch auf die strengeren Kapitalvorgaben für Banken, die ihre Handelsbestände deshalb deutlich reduziert haben. „Doch mit der EZB ist es schlimmer geworden“, betont Waldstein.

          Großes Risiko für Finanzmärkte

          Er sieht darin ein großes Risiko für die Finanzmärkte. Denn die geringere Liquidität könne zu höheren Kursschwankungen an den Märkten führen, wie es zum Beispiel im vergangenen Jahr bei der Kurskorrektur an den chinesischen Börsen zu beobachten war. „Ich frage mich, was geschehen wird, wenn eine tatsächliche Krise auftreten wird und nicht nur eine vermeintliche. Wie hoch werden dann die Kursschwankungen in den ausgedünnten Märkten sein?“ Für Waldstein ist die Welt nicht sicherer geworden. Dabei verweist er auf ein schwaches Wachstum in Europa, Risiken in Italien oder am chinesischen Immobilienmarkt. Schließlich seien die Folgen des britischen Votums zum Austritt aus der EU noch immer nicht absehbar.

          Wenn aufgrund von Schocks viele Investoren ihre Anleihebestände verkaufen wollen, kann der ausgedünnte Handel dazu führen, dass die Preise sehr schnell deutlich nach unten fallen. Das liegt daran, dass zu viele Investoren gleichzeitig verkaufen wollen, aber nicht können, weil die Fluchtwege verstopft sind.

          Die Wertpapieraufseher der Iosco machen für die Wahrnehmung vieler Marktteilnehmer einer abnehmenden Liquidität am Markt für Unternehmensanleihen auch die deutlich höheren Neuemissionen verantwortlich. Mit deren Tempo habe der Sekundärmarkt nicht mithalten können, sagte Bergsträsser. Ein weiterer Grund sei die höhere Bedeutung elektronischer Handelsplattformen, die aber nur geringere Transaktionen zuließen.

          Der stellvertretende Iosco-Generalsekretär Tajinder Singh kündigte auf der ICMA-Konferenz an, dass die Aufseher künftig stärker auf die wachsende Bedeutung von Internetplattformen achten werden. Dazu zählte er junge auf Finanzdienstleistungen spezialisierte Internetunternehmen (Fintechs), die Blockchain-Technologie, Online-Kreditplattformen (Crowd Funding) sowie automatisierte Wertpapierberatung (Robo Advisors).

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