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Schwellenländer : Sozialismus in Venezuela erinnert Anleger an Risiken

  • Aktualisiert am

Bild: DZ Bank

Mit satten Kursverlusten von mehr als 18 Prozent reagiert die venezolanische Börse auf die Rückkehr des Landes in den Sozialismus. Die weitere Entwicklung des Landes dürfte kritisch betrachtet werden müssen.

          Schwellenländer galten und gelten unter Anlegern nach einer mehrjährigen Rally an den Finanzmärkten als letzter Schrei. Nirgends scheint sich so schnell so viel Geld verdienen zu lassen wie an diesen Märkten der rasch wachsenden Staaten.

          Risiken schienen keine mehr zu bestehen, die Kurse kannten nach oben keine Grenzen mehr. Allerdings erhält dieses positive Bild zunehmend Kratzer. Es fing damit an, dass Thailand vor wenigen Tagen Beschränkungen im internationalen Devisenverkehr einführte, geht über die Lieferunterbrechungen bei Öl und Gas von Russland für Europa und endet beim nun offensichtlichen Weg Venezuelas in den Sozialismus.

          Satte Kursverluste an der venezolanischen Börse

          Mit satten Kursverlusten von mehr als 18 Prozent reagiert die Börse des Landes auf die Pläne des unter dubiosen Umständen wiedergewählten Präsidenten Hugo Chávez für eine „sozialistische Republik“ und zieht auch andere Aktienmärkte der Region mit nach unten. Nachdem der Staat die Ölindustrie des Landes schon länger unter seiner Knute hat und sie als Geldquelle für politische „Abenteuer“ nutzt, sollen nun auch noch die Energie- und Telekommunikationsbereiche verstaatlicht werden. Des weiteren sollen alle privaten Raffinerien verstaatlicht werden, die Zentralbank soll ihre Unabhängigkeit verlieren und die Verfassung umfassend „reformiert“ werden - was immer das heißen mag.

          Seltsamerweise reagieren die Anleihen des Landes bisher kaum - immerhin haben sich in den vergangenen Tagen schon die Spreads im Vergleich zum Gesamtmarkt ausgeweitet - auf diese Entwicklung, während die Währung keine Bewegung zeigen kann, da sie nicht frei ist. In den vergangenen Jahren ist sie jedoch in mehreren Schritten von 650 auf zuletzt 2.147 Bolivar je Dollar abgewertet worden. Das spricht für sich und dafür, dass die Entwicklung des Landes kritisch betrachtet werden muss.

          Expansive Finanz- und inflationäre Geldpolitik zu erwarten

          Die Zentralbank des Landes wehrt sich bisher tapfer gegen die deutlich zu expansive Fiskalpolitik von Chávez. Dagegen dürfte unter dem neuen Zentralbankchef Nelson Merentes, das ist der ehemalige Finanzminister, kein Kraut mehr gewachsen sein. Damit dürften die Zeichen für eine inflationäre Politik im Lande an der Wand stehen. Kein Wunder, dass die Börse darauf zumindest kurzfristig negativ reagiert. Ausländische Anleger dürften versuchen, zu retten, was zu retten ist. Denn eine vollständige Kontrolle des internationalen Kapitalverkehrs dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein.

          Kurz- und mittelfristig dürfte das Land trotz einer verheerenden Finanz- und Wirtschaftspolitik relativ prosperieren können. Denn es verfügt über hohe Ölreserven und profitiert von den in den vergangenen Jahren deutlich gestiegenen Rohstoff- und Energiepreisen. Allerdings dürfte es ratsam sein, sich als Anleger davon nicht verlocken zu lassen. Denn die weitere Entwicklung ist unberechenbar, übertrafen die Ankündigungen doch die schlimmsten Befürchtungen.

          Damit werden die Anleger wieder einmal an die Risiken erinnert, die inzwischen schon vergessen zu sein schienen. Dabei hatten sich bereit in der Vergangenheit unangenehme Erfahrungen mit südamerikanischen Anleihen machen können: Argentinien hatte im Jahr 2001 die Zahlungen auf öffentliche Anleihen zunächst eingestellt und versucht seitdem, vor allem die Privatanleger mit äußerst unvorteilhaften Angeboten abzuspeisen.

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