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Schwellenländer : Kreditderivate erhöhen die Lust am Risiko

  • Aktualisiert am

Unruhen zum Trotz: Anleihen aus Ecuador sind begehrt Bild: Associated Press, AP

Der Anleihenmarkt ist im Rückwärtsgang, aber Junkbonds steigen. Schwellenländer-Anleihen fallen - nur nicht Ecuador und Argentinien. Kreditderivate zur Absicherung machen Institutionellen die Lust am Risiko leicht - doch für Privatanleger kann dies gefährlich sein.

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          Risiko ist Trumpf an den Anleihemärkten. Nachdem die jahrelange, allgemeine Hausse an den Rentenmärkten im Herbst des vergangenen Jahres ihr Ende fand, habe sich die Kursgewinne in ausgewählte Sektoren verlagert, namentlich überall dorthin, wo noch ein bißchen mehr Rendite winkt.

          Dabei scheint den Investoren mittlerweile jedes Gefühl für Risiko abhanden gekommen zu sein. So wird im Bereich der Unternehmensanleihen vorwiegend zu Anleihen mit niedrigem Rating und damit höherer Kreditausfallwahrscheinlichkeit gegriffen. Während die Kurse von Investment-Grade-Anleihen seit Jahresbeginn fallen, sind die von Junk-Bonds im Durchschnitt gestiegen.

          No risk, no yield

          Nicht wesentlich anders sieht es bei Staatsanleihen aus. Der Bund-Future eilt von Tief zu Tief und auch britische und amerikanische Staatsanleihen zeigen in der Tendenz kontinuierlich steigende Renditen.

          Auch vor Schwellenländer-Anleihen machen die Kursverluste nicht halt. So haben ägyptische Papiere in diesem Jahr fast zehn Prozent verloren, türkische Papiere über sieben und brasilianische Bonds über vier Prozent. Gut schlugen sich dagegen Anleihen aus Ecuador und Argentinien. Hier legten die Rentenindizes 3,8 bzw. fast zehn Prozent zu.

          Auch das folgt offenbar der unerbittlichen Logik: no risk, no yield - keine Rendite ohne Risiko. Denn vergleicht man die Rangfolge der Rentenindizes der Schwellenländer mit den jeweiligen Länder-Ratings, so liest sich die Rangfolge fast wie die Rating-Tabelle - von hinten. Argentinien hat bei Standard & Poor's kein wirklich eindeutiges Länderrating aufgrund hoher Risiken und Ecuador wird von beiden Agenturen mit der drittschlechtesten Note bewertet.

          Dagegen gehören die Länder der BBB-Gruppe wie Bulgarien oder Südafrika zu den schlechtesten Performern. Einige Abweichungen gibt es, etwa Ägypten oder die Ukraine, wofür sich aber auch Sonderfaktoren finden lassen.

          Ratings verlieren an Bedeutung

          Betrachtet man ein solches Verhalten, möchte man bisweilen am Verstand der Investoren zweifeln. Verständlich wird die Entwicklung indes dann, wenn man auf die Veränderungen blickt, denen der Rentenmarkt in seiner Funktionsweise in den vergangenen Jahren unterworfen war.

          Dazu gehört, daß Ratings als Risikoindikatoren an Bedeutung verloren haben. Immer mehr setzten die Anleger bei Beurteilung von Risiken statt auf die vergleichsweise langsamen, subjektiven Einschätzungen eines Experten auf schnell reagierende Marktmechanismen. Das liegt vor allem am Siegeszug eines Derivats, des Credit Default Swaps, kurz CDS.

          Ein CDS ist eine Art Kreditversicherung - allerdings standardisiert und dadurch handelbar. Gläubiger kaufen sich über einen CDS gegen Zahlung einer Prämie „Versicherungsschutz“ für den Fall, daß ein Schuldner zahlungsunfähig wird. Kommt es so, muß der „Versicherer“ dem Versicherten den Forderungsausfall aus eigener Tasche ersetzen. Als „Versicherer“ treten Banken auf, aber auch institutionelle Anleger und Hedge Fonds, die die Versicherungsprämien kassieren wollen.

          CDS-Markt ist größer als Anleihenmarkt

          Inzwischen werden solche Swaps auf die Verbindlichkeiten aller größeren Unternehmen schwunghaft gehandelt. Die CDS-Märkte sind bereits größer als die Märkte für Unternehmensanleihen. Nach Zahlen der International Swaps an Derivatives Association (ISDA) wurde im ersten Halbjahr 2001 ein Nominalvolumen von 631,5 Milliarden Dollar gehandelt. Im zweiten Halbjahr des vergangenen Volumens bezifferte die ISDA das Volumen bereits auf 17,1 Billionen Dollar - das entspricht einem Wachstum um den Faktor 27.

          Auch wenn das Nominalvolumen nicht unbedingt ein Indikator für die Nettoengagements ist, bezeichnet die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) den CDS-Markt als eines der am schnellsten wachsenden Segmente des globalen Finanzsystems, dessen Umsätze die der zugrundeliegenden Anleihemärkte mittlerweile übersteigt.

          Nach einer Studie der Boston Consulting Group hängen im Geschäftsfeld „Global Fixed Income“ der amerikanischen Investmentbanken inzwischen nur noch etwa 25 Prozent der Erträge direkt von den amerikanischen Anleihemärkten ab. Der Rest entfällt auf den Handel mit Währungen, Rohstoffen sowie Kredit- und Zinsderivaten. Und während sich dabei das Volumen der ausstehenden Rohstoffkontrakte von 2001 bis 2004 mehr als verdoppelt hat, stieg das der Kreditderivate im gleichen Zeitraum sogar um mehr als das Vierfache.

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