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Negativzinsen : Schweizer Notenbank hält das Pulver trocken

Franken wegen Negativzins weniger attraktiv Bild: Reuters

In der Schweiz bleiben die Negativzinsen vorerst unverändert – mit Folgen für die exportorientierte Wirtschaft. Die Credit Suisse steht zur Entwicklung des eigenen Landes skeptisch.

          Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hält den Franken zwar nach wie vor für deutlich überbewertet. Zu einer Änderung ihrer Geldpolitik sieht sie sich deshalb aber derzeit nicht veranlasst. Wie die SNB am Donnerstag mitteilte, belässt sie das Zielband für den Drei-Monats-Libor unverändert bei minus 1,25 bis minus 0,25 Prozent. Auch der Negativzins auf Sichteinlagen bei der Nationalbank bleibt mit minus 0,75 Prozent unverändert. „Damit bleibt die Zinsdifferenz zum Ausland auch nach der leichten Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) deutlich höher als noch zu Jahresbeginn“, sagte der SNB-Präsident Thomas Jordan.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Negativzins mache den Franken weniger attraktiv und trage weiterhin zu dessen Abschwächung bei. Jordan bekräftigte, die Notenbank sei unverändert bereit, am Devisenmarkt einzugreifen, um den Druck auf den Franken zu verringern. Am Donnerstag kostete ein Euro 1,08 Franken. Als die SNB im Januar den Mindestkurs aufgab und den Franken freigab, war er kurzzeitig auf Parität zum Euro gestiegen.

          Nach den jüngsten Beschlüssen der Europäischen Zentralbank (EZB) war am Markt bereits erwartet worden, dass die SNB ihr Pulver trocken halten würde. Die EZB hat den Zins für Einlagen, die Banken bei ihr parken, vor einer Woche nur leicht von minus 0,2 auf minus 0,3 Prozent herabgesetzt. Folglich ist die Zinsdifferenz des Frankens zum Euro nur ein wenig kleiner geworden. Ein großer Kapitalzufluss in die Schweiz war deshalb nicht zu befürchten. Für die Zukunft schloss Jordan eine weitere Zinssenkung aber nicht aus.

          Starker Franken bremst die Konjunktur der Schweiz ab

          Das wäre aber mit Nebenwirkungen verbunden. Deshalb müsse man genau prüfen, ob sich ein solcher Schritt lohnen würde. Solange der Wechselkurs dank weiterer Interventionen der Schweizer Notenbank in einer „Komfortzone“ zwischen 1,07 und 1,10 Franken je Euro gehalten werden könne, dürfte die SNB von weiteren Zinssenkungen absehen, meint Dominik Studer, Ökonom der Bank UBS. Schließlich hätten die Negativzinsen schon unerwünschte Nebenwirkungen auf das Schweizer Finanz- und Vorsorgesystem. Noch höhere Strafzinsen erhöhten den Anreiz, Bargeld zu horten. Schon jetzt sei der Umlauf an Tausend-Franken-Geldscheinen gestiegen. Erst wenn die EZB das Anleiheaufkaufprogramm in der Eurozone beende und der Druck auf den Franken nachlasse, ist nach Ansicht Studers mit einem ersten Zinsschritt von minus 0,75 auf minus 0,50 Prozent zu rechnen.

          Der starke Franken bremst die Konjunktur in der exportstarken Schweiz deutlich ab. Die SNB rechnet 2015 mit einer Halbierung des Wirtschaftswachstums auf knapp 1 Prozent. Viele Unternehmen seien zu Preisnachlässen gezwungen, was die Margen entsprechend verenge. Die vielfach eingeleiteten Kostensenkungen zeigten aber erste Wirkung, sagte Jordan. Die Schweizer Wirtschaft habe immer wieder gezeigt, dass sie sich flexibel an schwierige Währungsverhältnisse anpassen könne. Im Rückenwind einer sich erholenden Weltkonjunktur sieht Jordan für das kommende Jahr ein Wachstum von 1,5 Prozent voraus.

          „Schweizer Wirtschaft hinkt hinter der Eurozone her“

          Skeptischer äußerte sich die Credit Suisse über die Aussichten für die Schweiz. Die Schweizer Wirtschaft stecke im Sog des teuren Franken, beklagten Anlagestrategin Nannette Hechler-Fayd’herbe und Anja Hochberg, Chief Investment Officer der Bank, beim Kapitalmarktausblick in Frankfurt. „Zum ersten Mal hinkt die Schweizer Wirtschaft hinter der Eurozone her“, sagte Hechler-Fayd’herbe. Ausgewählte Aktien kleinerer und mittlerer Unternehmen seien gleichwohl interessant. Zudem legte Hochberg Anlegern deutsche Aktien ans Herz. Für den Dax sieht die Bank 2016 ein Potential von leicht über 9 Prozent.

          Nach den Export- sollten nun auch Konsumwerte in den Blick genommen werden: „Ein Zuwachs bei den Reallöhnen in Deutschland um durchschnittlich 3,5 Prozent bei so einer niedrigen Inflation – da bleibt viel für den Konsum übrig.“ Auf eine Jahresendrally müssten die Anleger dieses Jahr gleichwohl verzichten. Die 4 bis 5 Prozent, die es sonst zum Jahresausklang gebe, erwarte die Bank nicht mehr. Vorsichtig äußerte sie sich zu Aktien aus Amerika, vor allem wegen der Zinserhöhung. Auf der Anleiheseite sei ein „defensives Engagement“ bei Hochzinsanleihen möglich. Für den Dollar sei noch mit einem Anstieg zu rechnen, wenn die letzten Zweifler an der Zinserhöhung eines Besseren belehrt würden.

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