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Schuldenkrise : Saniert sich Griechenland „angelsächsisch“?

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Bild: FAZ.NET

Das griechische Drama scheint einem neuen Höhepunkt entgegen zu laufen. Scheitert das Rettungspaket, das sich nach Ansicht von Kritikern durch „große Unglaubwürdigkeit“ auszeichnet und welche Möglichkeiten hätte der Internationale Währungsfonds?

          Das griechische Drama scheint einem neuen Höhepunkt entgegen zu laufen. Am Mittwoch zahlen Anleger wieder Rekordpreise, um sich gegen den möglichen Zahlungsausfall des griechischen Staates in den kommenden fünf Jahren abzusichern. Die Prämie für den Abschluss eines Kreditausfallswaps, also einer entsprechenden Versicherung, ist auf fast 400 Basis- oder vier Prozent gestiegen.

          Der Preis liegt also nur noch knapp unter dem Rekordwert, den er schon im Februar auf dem Höhepunkt der Krise erreicht hatte. Risikoreicher scheinen nur noch die Verbindlichkeiten von Venezuela, Argentinien, der Ukraine und von Dubai zu sein. Dagegen schätzt der Markt sogar die osteuropäischen Staaten als solider ein, obwohl oder gerade weil sie die Hilfe des Internationalen Währungsfonds in Anspruch genommen haben.

          Scheitert das Rettungspaket?

          Aufgefrischte Sorgen, das Rettungspaket unter Führung der Europäischen Union könne scheitern, löste am Mittwoch eine weitere Verkaufswelle am Anleihemarkt aus. Die erst vor wenigen Tagen auf den Markt gekommene griechische Staatsanleihe mit einem Kupon von 6,25 Prozent und einer Laufzeit von zehn Jahren verliert weitere 1,3 Prozent ihres Wertes, nachdem ihr Preis schon am Osterdienstag 3,2 Prozent nachgegeben hatte. Ein Marktpreis von 93,6 Prozent führt nun zu einer Rendite von 7,15 Prozent. Griechenlandpapiere mit einer Laufzeit von zwei Jahren rentieren 29 Basispunkte höher als am Vortag bei 6,52 Prozent.

          Hintergrund für die Nervosität des Marktes sind Modellrechnungen, nach welchen die Lage Griechenlands mit jener Argentiniens im Jahre 2001 vergleichbar sei. Damals war das südamerikanische Land unter der Schuldenlast von 95 Milliarden Dollar zusammengebrochen und hatte viele seiner Gläubiger vor den Kopf gestoßen. Der Vergleich führt auch zur Vermutung, die scharfen Einschnitte, die die Regierung in Athen plant, um ihr Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen, werde die Wirtschaft des Landes in eine tiefe Rezession führen. Eine Kombination zwischen schrumpfenden Steuereinnahmen und hohen Zinsen werde die Bedienung und Refinanzierung auslaufender Kontrakte unmöglich machen, so die Überlegung von Hedge-Fondsmanagern wie Stephen Jen von BlueGold Capital Management oder des ehemaligen IWF-Direktors Simon Johnson.

          Beide erklären, es wären deutlich mehr Hilfsmittel als die angedachten 25 Milliarden Euro nötig, um die Lage zu bereinigen. “Die Probleme Griechenlands und Argentiniens mögen nicht identisch sein, aber es bestehen eine Menge Parallelen, zum Beispiel, was die unflexible Währung angeht, die Kapitalflucht und die Risiken scharfer Sparmaßnahmen, die der Wirtschaft eine tiefe Wachstumsdelle einbringen können“, sagte Jen der Nachrichtenagentur Bloomberg. Auch Jen arbeitete von 1992 bis 1996 für den Internationalen Währungsfonds.

          Es zeichnet sich durch „große Unglaubwürdigkeit“ aus

          Griechenlands makroökonomisches „Rettungsprogramm“ zeichne sich vor allem durch ein hohes Maß an Unglaubwürdigkeit aus, erklärt Johnson. Das Land müsse von einem Primärdefizit von vier Prozent zu einem Überschuss von 13 Prozent des Bruttoinlandsproduktes kommen, um im Jahr 2012 auch nur die Zinslast schultern zu können. Das sei mitten in einer tiefen Rezession wenig realistisch. Johnson fürchtet, die Verschuldung Griechenlands werde im Jahr 2012 rund 150 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erreichen. Alleine die Zinslast werde - ausgehend vom aktuellen Zinsniveau - neun Prozent der Einnahmen Griechenlands absorbieren und unmittelbar an die Gläubiger in Deutschland, Frankreich und der Schweiz überwiesen werden

          Johnson geht davon aus, dass sich Griechenland bald an den Internationalen Währungsfonds mit der Bitte um Hilfe wenden wird. Dann böten sich drei Möglichkeiten. Erstens drastische Sparmaßnahmen in Höhe von zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes und höhere Steuern. Selbst jedoch wenn diese durchsetzbar wären, müsste jemand für die Defizite garantieren und für die Refinanzierung der ausstehenden Schulden in den kommenden drei Jahren gerade stehen.

          Welche Möglichkeiten hat der Internationale Währungsfonds?

          Die zweite Möglichkeit bestünde in der Insolvenz unter Beibehaltung des Euro. Das würde zu erheblichen Turbulenzen führen und die Grundprobleme nicht lösen, jedoch Zinszahlungen vermeiden und die Wirtschaft kurzfristig vor dem Sturz in den Abgrund bewahren. Allerdings wären danach weitere Sparmaßnahmen nötig, während das Land sämtliche Sympathien verscherzt hätte.

          Die dritte Variante entspricht dem Plan B des Währungsfonds: Insolvenz und Austritt aus der Eurozone. In diesem Fall würde das Bankensystem des Landes kollabieren. Auf der anderen Seite würde eine eigene Währung die Wettbewerbsfähigkeit des Landes schlagartig verbessern. Die exorbitanten Kosten des öffentlichen Sektors könnten mit einer hohen Inflationsrate zumindest real gesenkt werden. Zusammen mit einer Nachverhandlung der Verbindlichkeiten würde das Land in die Lage versetzt werden, vergleichsweise rasch zu Budgetüberschüssen und einem Überschuss im Außenhandel zu kommen.

          Mag die letzte, die angelsächsische Variante als wahrscheinlich erscheinen, so führte sie zu einer Sanierung Griechenlands auf Kosten der Nachbarn und der Gläubiger. Denn diese müssten nicht nur mit den notwendigen Abschreibungen und Verlusten zurecht kommen, sondern auch mit der kompetitiven Abwertung Griechenlands. Sie stellte eine verkappte Form von Protektionismus dar.

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