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Schuldenkrise : Frankreichs Banken sollen schrumpfen

Bild: F.A.Z.

Die Pariser Banken stehen weniger wegen Griechenland unter Druck, sondern wegen ihrer Sucht nach Größe. Das bedroht sogar das Rating Frankreichs.

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          Die französischen Großbanken legen zum Wochenschluss ihre Ergebnisse für das dritte Quartal vor. Marktteilnehmer erwarten nicht nur Erkenntnisse über das Geschäft in den vergangenen Monaten, sondern auch über die Zukunft der Banken. Denn gerade die führenden Pariser Häuser BNP Paribas, Société Générale und Credit Agricole sind in den vergangenen Monaten an den Kapitalmärkten schwer abgestraft worden.

          Das Misstrauen gegenüber diesen Banken ist besonders in der englischsprachigen Welt groß. Amerikanische Geldmarktfonds haben ihre Bestände an kurzfristigen Dollar-Geldmarktpapieren der Pariser Banken deutlich reduziert. Nach Marktgerüchten hat zumindest eine deutsche Fondsgesellschaft französische Geldmarktpapiere auf Druck von Kunden aus der englischsprachigen Welt aus ihren Fonds entfernt. Nach Informationen aus Investmentbanken haben Hedgefonds eine Welle nachteiliger Gerüchte über die Pariser Großbanken für Spekulationen auf fallende Aktienkurse und steigende Preise für Kreditausfallderivate (CDS) auf Anleihen dieser Banken genutzt. Die Aktienkurse sind stark, wenn auch nicht überdurchschnittlich gefallen.

          Fehlendes Kapital

          Die französischen Banken halten übersichtliche Bestände an griechischen Staatsanleihen; mehrere sind daneben mit Filialen in Griechenland tätig. Nach den bisherigen Berechnungen müssten die französischen Großbanken bis Mitte 2012 gut 8 Milliarden Euro an zusätzlichem Eigenkapital aufnehmen. Premierminister François Fillon sagte am Mittwoch, er erwarte von den Banken bis Mitte Dezember Vorschläge über deren strategische Planungen. Er gehe davon aus, dass die Banken das fehlende Kapital ohne Staatshilfe aufnehmen könnten. Die Banken sollten dieses Ziel durch die Kappung von Dividenden und Boni erreichen. Ihre Kredite an heimische Unternehmen sollten sie nicht reduzieren. Die bisherigen Rechnungen gelten für den Fall einer geordneten Umschuldung Griechenlands. Sollte es nach einer Volksabstimmung eine ungeordnete Insolvenz Griechenlands geben, könnten die französischen Banken noch einmal bis zu 16,4 Milliarden Euro verlieren, hat die Pariser Investmentbank Natixis berechnet. Alleine 10,4 Milliarden Euro entfielen auf den Crédit Agricole. Diesem Szenario liegt die Annahme eines Totalausfalls der Staatsanleihen und einer Wertberichtigung von 60 Prozent auf private griechische Forderungen zugrunde.

          Nach Einschätzung von Investmentbankern erklärt sich das von amerikanischen und britischen Finanzmarktteilnehmern und einzelnen englischsprachigen Medien verursachte Trommelfeuer gegen die großen französischen Banken weniger mit Griechenland, sondern eher an der bisherigen Weigerung der Banken, wie viele Konkurrenten ihr Geschäftsvolumen zurückzufahren. Das gilt aber auch für ein Haus wie die Deutsche Bank. Zwar haben BNP Paribas und Société Générale Reduzierungen ihrer Aktivitäten für die kommenden Jahre angekündigt. Aber es ist durchaus bemerkenswert, wie sehr die global tätige BNP Paribas in den Jahren nach Ausbruch der Krise ihre Bilanzsumme deutlich erhöht hat, während zum Beispiel die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley ihre Bilanzsumme nach 2008 um mehr als die Hälfte zurückfuhr. Die französischen Banken haben andererseits seit 2008 aber auch ihr Eigenkapital um 50 Milliarden Euro aufgestockt. BNP Paribas bleibt mit einem Börsenwert von 36 Milliarden Euro nach dem Banco Santander die zweitteuerste Bank im Euroraum.

          Unverändert aktiv sind die französischen Großbanken nach Auskunft von Konkurrenten im Geschäft mit Derivaten. So gehört die Société Générale zu den Weltmarktführern im Geschäft mit Aktienderivaten. Banken- und Industriekreise berichten, eine französische Großbank umwerbe führende deutsche Unternehmen mit sehr günstigen Konditionen für Kredite bis weit in die kommenden Jahre, während sich viele andere Banken mit derartigen Zusagen zurückhielten.

          Die Unsicherheiten über die Banken tragen auch zu einer vorsichtigeren Bewertungen der französischen Staatsanleihen bei. Der Renditeabstand zwischen deutschen und französischen Staatsanleihen erreichte am Donnerstag mit 125 Basispunkten seinen höchsten Stand seit der Einführung des Euro. Die schwachen Aussichten für das Wirtschaftswachstum, eine unbefriedigende Entwicklung der Staatsfinanzen und Sorgen um das AAA-Rating haben zu der Vergrößerung des Renditeabstands beigetragen. Frankreich will am Donnerstag Staatsanleihen über 7 Milliarden Euro versteigern.

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