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Schuldenkrise : Es ist nicht der Staat allein

Bild: F.A.Z.

In den vergangenen drei Jahrzehnten sind in den Industrienationen auch die privaten Schulden kräftig gestiegen. Ein Grund hierfür liegt in der größeren Leistungsfähigkeit der Finanzmärkte.

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          In den Industrienationen ist in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht nur die Staatsverschuldung kräftig gestiegen, sondern auch die Schulden von Unternehmen (ohne Banken) und Privatpersonen. Sowohl die Höhe der Staatsschulden stellt in vielen Ländern eine Bedrohung für das Wirtschaftswachstum dar, als auch Höhe der privaten Schulden.

          Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der bei der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) beschäftigten Ökonomen Stephen G. Cecchetti, M. S. Mohanty und Fabrizio Zampolli, die kürzlich auf der geldpolitischen Konferenz im amerikanischen Jackson Hole vorgetragen wurde.

          Irgendwann schaden Schulden mehr als sie nutzen

          „Verschuldung ist ein zweischneidiges Schwert“, schreiben die Autoren. „Wenn man sie klug und in Maßen nutzt, steigert sie eindeutig den Wohlstand.“ Wenn man es mit der Verschuldung übertreibe, richte sie Schaden an. Nach den Untersuchungen der drei Autoren über die gesamtwirtschaftlichen Effekte von Verschuldung in den Industrienationen gelangen sie zu dem Schluss, dass eine Staatsverschuldung, die 85 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) überschreitet, das Wirtschaftswachstum hemmt.

          Das bestätigt in etwa Forschungen der Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff. Die BIZ-Ökonomen haben zudem herausgefunden, dass die Unternehmensverschuldung das Wirtschaftwachstum hemmt, sobald sie 90 Prozent des BIP überschreitet. Die Verschuldung der privaten Haushalte scheint ab einem Stand von 85 Prozent des BIP das Wirtschaftswachstum zu lähmen - allerdings ist dieses Ergebnis aus statistischen Gründen nicht sehr robust.

          Öffentliche und private Verschuldung sind keine völlig getrennten Phänomene, sondern miteinander verbunden. Das zeigt die aktuelle Krise, in der die irischen Staatsfinanzen in Schwierigkeiten gerieten, nachdem der irische Staat für Schulden privater Banken eingestanden ist.

          Zu viel Sicherheit macht schuldenfreudig

          Die Autoren nennen mehrere Ursachen für den starken Zuwachs der Verschuldung in den vergangenen Jahrzehnten. Zum einen hat seit den späten siebziger Jahren die Liberalisierung der Finanzmärkte leichteren Zugang zu Krediten geschaffen. „Im Zusammenhang mit Fortschritten in der Finanztheorie und der Informationstechnologie hat diese Liberalisierung die Innovation von Finanzprodukten gefördert“, heißt es. „Die Fähigkeit, Preise für komplexe Finanzprodukte zu berechnen, ist in der Tat eine Vorbedingung, um solche Produkte herzustellen und zu verkaufen.“

          Zum Zweiten sind zwischen Mitte der achtziger Jahre und dem Jahr 2008 die Konjunkturschwankungen auffällig gering gewesen. Diese in Amerika als „Great Moderation“ bezeichnete Zeit ging mit rückläufiger Arbeitslosigkeit, geringeren Inflationsraten und weniger Unsicherheit einher: „Indem sie die Welt für einen sichereren Platz hielten, leihten die Kreditnehmer mehr und die Kreditgeber verliehen mehr, und dies bei niedrigen Inflationsraten. Es hat hier wahrscheinlich eine Rückkoppelung gegeben: Finanzinnovationen sorgten für eine größere Stabilität des Kreditangebots und eine breitere Streuung der Risiken, was wiederum zur Stabilität der Gesamtwirtschaft beitrug.“

          Drittens hatte der ausgeprägte Rückgang der realen Zinsen seit Mitte der neunziger Jahre es den Kreditnehmern in den Industrieunternehmen leichter gemacht, die Last zusätzlicher Verschuldung zu tragen. Und viertens dürften steuerliche Regelungen in vielen Ländern den Unternehmen die Aufnahme von Schulden anstelle der Beschaffung zusätzlichen Eigenkapitals erleichtert haben.

          Knapp doppelt so viel Schulden wie 1980

          Im Ergebnis sind in den Industrienationen die staatlichen und privaten Schulden zwischen 1980 und 2010 von 167 auf 314 Prozent des BIP gestiegen. Von diesem kräftigen Zuwachs entfielen 38 Prozent auf Schulden der privaten Haushalte, 33 Prozent auf Schulden der Staaten und 29 Prozent auf Schulden der Unternehmen.

          Hinter dieser Gesamtbetrachtung für die Industrienationen verstecken sich sehr unterschiedliche Entwicklungen in den einzelnen Ländern. Eine langfristige Betrachtung der Vereinigten Staaten zeigt, dass dort seit dem Jahr 1950 die Staatsverschuldung abwechselnd gesunken und gestiegen ist, die private Verschuldung aber permanent zugenommen hat (siehe Infografik). Der Zuwachs der privaten Verschuldung erklärt sich vor allem durch die privaten Haushalte und weniger durch die Unternehmen.

          In Belgien, Finnland, Norwegen, Spanien und Schweden entfällt mehr als die Hälfte der Verschuldung auf Unternehmen. „In anderen Ländern entfällt der größte Anteil der Verschuldung auf private Haushalte“, schreiben die Autoren. „Australien, Dänemark und die Niederlande sind Beispiele, während in Japan, Italien und Griechenland die Staatsverschuldung dominiert.“

          Vorausschauend entschulden

          Addiert man öffentliche und private Verschuldung, liegt Japan einsam an der Spitze. Deutschland weist eine im internationalen Vergleich niedrige Verschuldung aus, aber auch sie hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen - von 136 Prozent des BIP im Jahre 1980 auf 241 Prozent im Jahre 2010.

          Mit Blick auf den demographischen Wandel, der das Wirtschaftswachstum dämpfen dürfte, warnen die Autoren: „Eine klare Schlussfolgerung aus unserer Arbeit lautet, dass die Schuldenprobleme, mit denen sich die Industrienationen auseinanderzusetzen haben, noch schlimmer sind als befürchtet. Länder mit hoher Verschuldung müssen schnell und entschieden ihre finanzpolitischen Probleme anpacken.“

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