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Schuldenkrise : Chaotischer „Grexit“ befürchtet

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Grexit: Experten grübel wie der „Austritt“ Athens aus der Währungsunion am besten bewerkstelligt werden könnte Bild: REUTERS

Die Analysten zahlreicher Banken fordern, die „Brandschutzmauer“ des europäischen Stabilisierungsfonds vor einem Griechenland-Austritt massiv zu erhöhen. Sogar die Einführung einer griechischen Parallelwährung zum Euro, dem „Geuro“, ist im Gespräch.

          Je mehr in der Politik über einen etwaigen „Austritt“ Athens aus der Währungsunion gesprochen wird, desto mehr grübeln Analysten in der Londoner City, wie der „Grexit“ bewerkstelligt werden könnte. Unabhängig von schwierigen finanztechnischen Fragen eines Griechenland-Austritts drängen die Analysten zahlreicher Banken darauf, dass die „Brandschutzmauer“ des Stabilisierungsfonds EFSF/ESM von derzeit etwa 500 Milliarden Euro vor einem „Grexit“ massiv erhöht werden müsse. Allein, um Spanien, Italien und Belgien sicherheitshalber für 3 Jahre vom Kapitalmarkt nehmen zu können und die Hilfsprogramme für Portugal und Irland um drei Jahre verlängern zu können, müsse der Rahmen des ESM auf 1000 Milliarden Euro verdoppelt werden, warnt die Deutsche Bank.

          Um die Gefahr der Kapitalflucht aus Spanien und Italien einzudämmen und die dortigen Banken mit Liquidität versorgen und die Kreditvergabe an die Wirtschaft aufrecht erhalten zu können, müsse die Europäische Zentralbank (EZB) ein erneutes Liquiditätsprogramm auflegen. Die EZB müsse ihre Besicherungsanforderungen weiter lockern und akzeptieren, dass die Target 2-Salden vorläufig in die Höhe schießen. Dies würde wohl auch die Bundesbank als zeitweilige Konsequenz akzeptieren, heißt es bei der Deutschen Bank.

          Größeres Engagement der EZB gefordert

          Diese von Londoner Analysten formulierten Vorschläge fordern ein viel größeres Engagement der EZB als bisher von dem scheidenden Chefvolkswirt Thomas Mayer für richtig erachtet. Mayer hält die Einführung einer griechischen Parallelwährung zum Euro für möglich. Der „Geuro“, so Mayers Wortschöpfung, würde dem inländischen Zahlungsverkehr und der Bezahlung lebensnotwendiger Einfuhren dienen und höchstens halb so viel wert wie der Euro sein.

          Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Mayer hält die Einführung einer griechischen Parallelwährung zum Euro für möglich. Er nennt sie „Geuro“.

          Die Deutsche Bank pocht zudem darauf, dass bei einem „Grexit“ auch das Kapital der Europäischen Investitionsbank aufgestockt werden müsse und wohl das Programm gemeinsamer Eurobonds forciert werde. Auch solle dem Rettungsmechanismus EFSF/ESM erlaubt werden, Banken direkt zu finanzieren. Es müsse h eine Banklizenz für den Rettungsfonds erwogen werden. Auch sei ein europaweites, föderales Einlagensicherungssystem notwendig. JP Morgan meint, die EZB müsse den ESM durch den Kauf von ESM-Anleihen finanzieren, damit dieser Italien und Spanien stützen könne.

          „Grexit“ laut Bankern zu 50 Prozent wahrscheinlich

          Nach dem jüngsten Wahldebakel schätzen viele Banken in der Londoner City die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland den Euro verlassen könnte, mit 50 Prozent ein. Dabei werden unterschiedliche Szenarien durchgespielt, je nachdem, ob Griechenland oder den Kernländern der Währungsunion der Geduldsfaden reißt. Alle sind sich jedoch einig, dass in dieser Situation die EZB den Schlüssel in der Hand hält, auch wenn es eigentlich ein fiskalpolitisches Problem ist. Letztlich geht es der Londoner City darum, auszuloten, wie ein chaotischer und wie ein geordneter „Grexit“ aussehen könnte. Dabei wäre die chaotische Variante, dass ohne vorherige Rettungsmaßnahmen Hilfszahlungen an Griechenland eingestellt werden oder die Kapitalflucht plötzlich eskaliert, die griechischen Banken sich nur noch über die Notkredite (ELA) der griechischen Notenbank refinanzieren könnten, dies wegen der Kapitalflucht die Target 2-Salden weiter aufblähte und die EZB deshalb Griechenland von jeglichem Kredit und vom Zugang zum Zahlungsverkehrssystem abschneiden würde.

          Im Falle eines „ordentlichen“ Austritts aus dem Euro und Einführung der Drachme müsse die EZB die griechischen Banken indessen Liquidität versorgen - der Euro wäre dann für Griechenland Fremdwährung - und der ESM und der IWF müssten Griechenland weiter finanzieren, betont die Deutsche Bank. Der EFSF/ESM müsse die griechischen Banken kapitalisieren.

          Auch wenn die neue Drachme gegenüber dem Euro um gut 50 Prozent abwerte, wäre der Gewinn der Wettbewerbsfähigkeit für Griechenland durch eine jahrelang Inflation von gut 10 Prozent begrenzt, warnen die meisten Analysten. Dennoch: Nach einer scharfen Rezession würde sich die Wirtschaft nach Einschätzung der Deutschen Bank im dritten Jahr nach der Abwertung erholen.

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