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Schuldenkrise : Banken rechnen mit Zinspause der EZB

  • -Aktualisiert am

Die Skulptur des Euro-Symbols und die Zentrale der Europäischen Zentralbank Bild: dpa

Halb Europa steckt in der Rezession. Zugleich bleibt die Inflationsrate über dem angestrebten Wert von 2 Prozent. Deshalb rechnen die meisten Ökonomen der Banken mit einem vorerst unveränderten Leitzins von 0,75 Prozent.

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          Ruhig dürfte die am kommenden Donnerstag bevorstehende Sitzung des Rates der Europäischen Zentralbank nicht werden. Zu heftig ist die insbesondere zwischen EZB-Präsident Mario Draghi und Bundesbank-Präsident Jens Weidmann ausgetragene Kontroverse um das Anleihenkaufprogramm der Zentralbank. Doch so heftig die Auseinandersetzung im Rat werden dürfte, neuerliche Entscheidungen für mehr Kriseninstrumente oder eine weitere Senkung des Leitzinses werden auf den Kapitalmärkten derzeit nicht erwartet.

          Von 73 Banken, die Reuters befragt hat, rechnen 58 für Oktober mit einem unveränderten Leitzinssatz. Vor der Bekanntgabe der Details des Anleihenkaufprogramms im September hatten noch gut die Hälfte der Ökonomen einen Zinsschritt für Oktober erwartet. Inzwischen dominiert jedoch die Einschätzung, dass die EZB zunächst die Wirkung ihrer jüngsten Beschlüsse abwarten wird. „Wir erwarten, dass die EZB zumindest bis Dezember abwarten wird“, sagt Michael Schubert, Zinsfachmann der Commerzbank.

          Dann werde die EZB voraussichtlich ihre Wachstumsprognose nach unten korrigieren. Die Zentralbank hofft derzeit noch auf ein geringes Wachstum des Euroraums im kommenden Jahr, während die Banken im Durchschnitt mit Stagnation rechnen. Für Dezember rechnet eine knappe Mehrheit der Banken mit einer Leitzinssenkung auf 0,5 Prozent.

          Entwicklung seit 2008

          Ein weiterer Grund gegen eine sofortige Senkung und für ein Abwarten bis Dezember ist die Inflationsrate, die im September für viele Beobachter unerwartet von 2,6 auf 2,7 Prozent gestiegen ist. Analysten hatten zuvor mit einem leichten Rückgang gerechnet. Die Teuerungsrate liegt nun schon im zweiten Jahr in Folge oberhalb des Zielwertes von knapp 2 Prozent. Zuletzt gab es aus dem EZB-Rat unterschiedliche Stimmen zu möglichen Zinssenkungen. Während der slowakische Notenbankgouverneur die Möglichkeit einer Senkung andeutete, argumentierte der französische EZB-Direktor Coeuré dagegen. Eine weitere Senkung sei angesichts der jüngsten Konjunktur- und Inflationsdaten nicht unbedingt notwendig.

          Zwar werde das Wachstum sehr schwach ausfallen, aber die Inflation gehe nur langsam zurück. In dieser Gemengelage hat sich die Spekulation auf eine weitere Leitzinssenkung in den vergangenen Wochen beruhigt. Allerdings lässt sich die genaue Markterwartung kaum noch auf dem Geldmarkt ermitteln. Bis zur letzten Zinssenkung von 1 auf 0,75 Prozent waren die Terminsätze auf Tagesgeld noch ein guter Indikator. Doch seitdem Tagesgeld für wenig mehr als Nichts gehandelt wird, haben die Terminsätze als Indikator für die Markterwartungen an Aussagekraft verloren. „Das gehört zu den Nachteilen einer Zinspolitik nahe der Nulllinie“, sagt Commerzbank-Analyst Schubert.

          Unterdessen hat die Wirkung der Ankündigung des jüngsten Anleihenkaufprogramms nachgelassen. Insbesondere spanische Staatsanleihen sind wieder etwas unter Verkaufsdruck geraten. Die Rendite zehnjähriger Titel liegt wieder bei knapp 6 Prozent. Die allmähliche Eintrübung der Stimmung belastet auch die Finanzierungsbedingungen für die Banken der finanzschwachen Länder. Gerade hat die EZB einen Bericht über die schwierigen Verhältnisse auf dem Geldmarkt veröffentlicht, auf dem sich die Banken untereinander mit Liquidität versorgen.

          Demnach ist der Geldmarkt im zweiten Quartal dieses Jahres weiter ausgetrocknet, was insbesondere für unbesicherte Geschäfte gilt. Im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres haben sich die 105 befragten Banken 38 Prozent weniger Geld auf diesem Weg verschafft und 31 Prozent weniger an andere Banken verliehen. Besicherte Geschäfte machten weiterhin den größten Teil der von Banken an Banken vergebenen Kredite aus. Aber auch dieser Bereich sei binnen eines Jahres um weitere 15 Prozent geschrumpft, heißt es in einer Mitteilung der Zentralbank. Die befragten Banken hätten die Liquiditätsbedingungen insgesamt als verschlechtert im Vergleich zum Vorjahr eingeschätzt.

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