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Renditen in Amerika : Niedriginflation und hohe Schulden drücken Zinsen

Die Notenbank Fed erhöht kurzfristig den Leitzins. Damit sinken die Renditen. Bild: AFP

In Amerika sinken die langfristigen Inflationserwartungen und mit ihnen die Renditen langlaufender Anleihen. Derweil drückt eine hohe Verschuldung den kurzfristigen realen Zins.

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          In den Vereinigten Staaten ist eine bemerkenswerte Entwicklung im Gang. Während die Notenbank Fed ihren kurzfristigen Leitzins erhöht, sinken die Renditen langlaufender Staatsanleihen. Derzeit rentieren zehnjährige Papiere mit 2,14 Prozent, verglichen mit 2,60 Prozent im Dezember vergangenen Jahres.

          Die Suche nach Ursachen für den deutlichen Renditerückgang führt zur Inflation. Denn die Teilnehmer am amerikanischen Kapitalmarkt haben ihre Inflationserwartungen spürbar reduziert. Derzeit erwarten sie in zehn Jahren eine Inflationsrate von 1,70 Prozent gegenüber 2,10 Prozent zu Jahresanfang. Obgleich die amerikanische Wirtschaft gut läuft und die Arbeitslosenquote sehr niedrig liegt, gilt ein starker Inflationsdruck an den Finanzmärkten als unwahrscheinlich.

          Bild: Bloomberg / BIZ / A. Crockett / F.A.Z.-Garfik

          Auch erprobte Warner vor Ungemach wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zeigen sich mit Blick auf die Inflation gelassen. „Nachhaltigen Druck nach unten“ sieht Claudio Borio, der Leiter der monetären Abteilung der Bank der Zentralbanken, am Werk. Als wichtigen, in vielen Diskussionen unterschätzten Grund für die nachhaltig niedrige Inflation nennt er die Globalisierung der Wirtschaft in Verbindung mit dem Eintritt vieler Schwellen- und Entwicklungsländer in die internationale Arbeitsteilung.

          Dieser Prozess sorge für Druck auf die Löhne und starken Wettbewerb der Hersteller von Gütern und Dienstleistungen, sagte Borio auf der Hauptversammlung der Bank in Basel. Die Existenz globaler Wertschöpfungsketten trage dazu bei, in einzelnen Ländern die früher beobachtbare Wechselwirkung zwischen Inflation und Beschäftigung zu reduzieren. Mit anderen Worten: Eine hohe Beschäftigung in den Vereinigten Staaten wirkt weniger stark auf die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten als früher.

          Kein Wunder also, dass nicht nur bei Blackrock, der größten Fondsgesellschaft der Welt, die Rede von „verdächtig schwachem Preisdruck“ ist. Blackrock erwartet für diesen Monat Inflationsraten von 1,5 Prozent in den Vereinigten Staaten, von 1,4 Prozent in Deutschland und von 1,3 Prozent in der Eurozone. Die Analysten von Blackrock sehen allerdings im Unterschied zu den vergangenen Jahren die Gefahren einer Deflation als gebannt an.

          Auch EZB-Präsident Mario Draghi sieht, wie er am Dienstag auf einer Konferenz im portugiesischen Sintra bekräftigte, die Gefahren einer Deflation in der Eurozone als überwunden an. Andererseits fällt es den Notenbanken schwer, die Inflationsraten auf ihre Zielmarken von rund 2 Prozent zu hieven – und ginge es nach Borio, würden die Zentralbank auf solche Versuche der Feinsteuerung sowieso verzichten.

          Aber nicht nur die niedrige Inflation wirkt senkend auf den Zins. Denn bereinigt man den nominalen Zins um die Inflation, zeigt sich mit Blick auf den realen Zins ebenfalls ein Rückgang in den vergangenen Jahren. Sehr interessant ist es, auf den kurzfristigen realen Zins für sichere Anlagen – der stärker als die langfristigen nominalen Anleiherenditen von den Zentralbanken beeinflusst werden kann – zu schauen, wie es die französische Ökonomin Hélène Rey in einem Vortrag auf der Hauptversammlung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel getan hat. Er zeigt, das Zentralbanken nicht in einem luftleeren Raum agieren, sondern auf wirtschaftliche Entwicklungen reagieren.

          Bild: Bloomberg / BIZ / A. Crockett / F.A.Z.-Garfik

          Rey hat sich, wie die Grafik zeigt, den realen kurzfristigen Zins seit dem Jahre 1920 vorgenommen und hierzu die kurzfristigen realen Zinsen aus vier wichtigen westlichen Industrienationen – den Vereinigten Staaten, Deutschland, Frankreich und Großbritannien – zusammengefasst. Die sehr lange Perspektive gestattet den Schluss, dass der reale kurzfristige Zins nach der jüngsten Finanzkrise nicht zum ersten Mal negativ geworden ist, sondern dass es mehrere historische Vorläufer gibt.

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