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Nur noch eine Stufe über Ramsch : Russische Zentralbank hebt Zinsen an

  • Aktualisiert am

Die Kathedrale St. Basil auf dem Roten Platz in Moskau Bild: REUTERS

Der harte Kurs des Kremls in der Ukraine-Krise verschreckt ausländische Investoren - und drückt die Bewertung von Russlands Kreditwürdigkeit. Die Regierung in Moskau gibt sich gelassen. Doch die Notenbank erhöht bereits das Zinsniveau.

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          Russlands Kreditwürdigkeit und Kapitalmarkt geraten wegen der verschärften Krise in der Ukraine immer stärker unter Druck. Am Freitag senkte die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) den Daumen: Die Bonitätsnote fällt um eine Stufe auf „BBB-“, teilten die Analysten in London mit. Diese Bewertung liegt direkt über dem „Ramschniveau“, das spekulative Anlagen kennzeichnen soll.

          Unterdessen erhöhte die russische Zentralbank überraschend die Zinsen, um Kapitalflucht und Inflationsgefahren einzudämmen. Den Ausblick für das Rating setzte S&P auf „negativ“, was weitere Abstufungen erwarten lässt. Auslöser dafür könnten etwa schärfere Sanktionen des Westens sein, schreibt die Agentur. Der Kreml reagierte gelassen. Das verringerte Rating sei von Investoren erwartet worden und würde nichts Entscheidendes an deren Einstellung ändern, sagte Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew in Moskau. Er bezeichnete den Schritt von S&P als „zum Teil politisch motiviert“: „Der Beschluss war programmiert, weil zuerst Erwartungen revidiert worden waren, worauf normalerweise die Ratings selbst geändert werden“, sagte er der Agentur Interfax zufolge.

          Mit einem Zinsschritt nach oben hatten viele Ökonomen dagegen nicht gerechnet. Der Leitzins, zu dem sich Banken für eine Woche Geld leihen können, wurde von Russlands Währungshütern am Freitag von 7,0 auf 7,5 Prozent angehoben. Wegen der Ukraine-Krise ziehen Investoren derzeit massiv Geld aus dem Land ab, der russische Rubel steht stark unter Druck. Seit Beginn des Jahres hat die Währung 8,4 Prozent an Wert eingebüßt. Zudem liegt die Inflation deutlich höher als von der Notenbank gewünscht. Im März stiegen die Verbraucherpreise um 6,9 Prozent im Jahresvergleich - die Währungshüter streben eine Rate von 5 Prozent an.

          Uljukajew räumte ein, dass die Abstufung durch S&P teils auch aus der schlechter gewordenen Wirtschaftslage in Russland resultierte. Sie werde das Investoren-Verhalten aber nicht sonderlich beeinflussen. S&P hatte bereits zuvor auf die Zuspitzung der Ukraine-Krise reagiert. Erst Mitte März hatte die Agentur Russland mit einer Abstufung gedroht, als sie den Ausblick für das Rating auf „negativ“ senkte. Den jetzigen Schritt begründen die Bonitätsprüfer vor allem mit dem krisenbedingt gewaltigen Kapitalabfluss aus Russland: „Wir sehen das als Risiko für die Wachstumsaussichten“, hieß es. In den ersten drei Monaten dieses Jahres haben Investoren insgesamt 51 Milliarden Dollar aus dem Land abgezogen. Das ist fast so viel wie der jährliche Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Zum Vergleich: Im Gesamtjahr 2013 waren 63 Milliarden Dollar abgeflossen.

          Am russischen Finanzmarkt wurde der S&P-Beschluss negativ aufgenommen. Russland bekommt die Skepsis der Anleger auch bei der Geldaufnahme heftiger zu spüren. Der Kreml hat seit Ausbruch der Ukraine-Krise bereits etliche Auktionen von Staatspapieren abgesagt und begründet dies mit dem „ungünstigen Marktumfeld“. Erst am Mittwoch stoppte das Finanzministerium eine Versteigerung von Anleihen, die in Rubel begeben werden sollten, und erklärte sie für gescheitert. Finanzanalysten betonen jedoch, dass es keinen akuten Mittelbedarf gibt. Laut Experte Dmitri Dudkin vom Investmenthaus UralSib in Moskau ist der Haushalt bis zum Jahresende durchfinanziert.

          Russland ist ein bedeutender Exporteur von Erdgas und Rohöl. Über Steuern und Abgaben trägt der Energiesektor einen hohen Teil zu den Staatseinnahmen bei. Der Rubel-Verfall verbilligt derzeit zudem die Exporte im Ausland. Dennoch ist die von Rohstoffausfuhren abhängige russische Wirtschaft in keinem guten Zustand. Finanzminister Anton Siluanow rechnet 2014 mit einem mageren Wachstum von lediglich 0,5 Prozent. Schärfere Sanktionen des Westens könnten den Konjunkturmotor weiter abwürgen. Im vorigen Jahr hatte die Wirtschaftsleistung um 1,3 Prozent zugelegt - so schwach wie seit der Rezession 2009 nicht mehr.

          S&P erhöht Kreditbewertung Zyperns

          Gute Nachrichten gibt es hingegen für den hoch verschuldeten Euro-Mitgliedstaat Zypern: Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) hat die Note für die Kreditfähigkeit des von internationalen Geldgebern gestützten Landes erhöht. Die Einstufung werde wegen der besser als erwarteten Wirtschaftsentwicklung von „B-“ auf „B“ angehoben, teilte S&P am Freitag in London mit. Der Ausblick bleibe positiv, so dass es in den kommenden zwölf Monaten wieder zu einer besseren Einstufung kommen könnte. Voraussetzung dafür sei, dass Zypern weiter die Auflagen der internationalen Geldgeber erfüllt.

          Zudem droht dem Inselstaat erst einmal keine weitere Abstufung durch Fitch - einer anderen Ratingagentur. Diese erhöhte den Ausblick von negativ auf stabil. Der Fitch- und S&P-Konkurrent Moody’s hatte bereits im März den Ausblick für Zypern auf positiv erhöht.

          Besserer Ausblick für Italien

          Etwas optimistischer als zuletzt blickt Fitch auch auf die Zahlungsfähigkeit Italiens. Zumindest droht unmittelbar keine weitere Abstufung. Der Ausblick sei wegen der etwas besseren Lage der Wirtschaft und der deutlich niedrigeren Kosten bei der Schuldenaufnahme von negativ auf stabil angehoben worden, teilte Fitch am Freitag in London mit. Die Einstufung bleibe bei der vergleichsweise schlechten Note „BBB+“.

          Die Agentur hatte die Bewertung Italiens vor etwas mehr als einem Jahr wegen der unsichereren politischen Lage abgestuft. Damit liegt Italien bei Fitch aktuell weiter nur drei Stufen über dem sogenannten Ramschniveau. Italien wird auch von den beiden anderen großen Ratingagenturen

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