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Risiken : Vorsicht ist die Mutter allen Finanzmanagements

  • -Aktualisiert am

Rabobank: Eine der letzten mit „AAA” Bild: Edgar Schoepal

Die meisten Unternehmen wählen ihre Banken mittlerweile sorgfältiger aus und streuen das Risiko auf verschiedene Institute. Außerdem halten sie vorsichtshalber mehr Liquidität im eigenen Unternehmen.

          Die Finanzchefs von Unternehmen haben in der Bankenkrise eine bittere Lektion lernen müssen: Selbst große Banken, mit denen Unternehmen regelmäßig Finanzgeschäfte tätigen, können untergehen. Selbst Märkte, die hochliquide sind, können innerhalb weniger Wochen austrocknen. Mehr als je zuvor achten die Finanzmanager von Unternehmen (Treasurer) daher heute auf die Qualität ihrer Bankbeziehung.

          Gleichzeitig versuchen die Finanzabteilungen in Industrie und Handel, die Liquidität ihrer Unternehmen so sicher wie möglich zu steuern. Einige Finanzabteilungen haben damit schon im Herbst 2007 zu Beginn der Finanzkrise begonnen, andere Unternehmen haben zu spät reagiert. Aber die Erfahrung der Krise hat die Beziehung von Unternehmen zu Banken auf eine neue Grundlage gestellt. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage von JP Morgan Asset Management unter mehr als 300 Finanzabteilungen von Unternehmen.

          Plötzlich sorgt sich der Kreditnehmer

          Die meisten Finanzabteilungen von Unternehmen arbeiten heute mit mehr Banken zusammen als vor der Finanzkrise. Dies ist nicht nur eine Konsequenz der zunehmend globalen Tätigkeit der Unternehmen, sondern auch eine Sicherheitsmaßnahme: Auf je mehr Banken das Finanzgeschäft verteilt wird, desto geringer ist der Geschäftsumfang, der plötzlich im Debakel einer strauchelnden Bank gefangen ist.

          „Wir mussten in der Finanzkrise scharf auf die Bonität unserer Hausbanken achten“, erinnert sich ein Finanzmitarbeiter eines Dax-Unternehmens, der nicht genannt werden will. „Dabei mussten wir leider die Erfahrung machen, dass eine führende Bank stillschweigend die Vertragspartei bei unseren Swapgeschäften so änderte, dass uns plötzlich ein gefährliches Kontrahentenrisiko aufgebürdet wurde.“ Solche Erfahrungen haben Konsequenzen.

          Nicht nur schauen sich Unternehmen die Bonität und Firmenstruktur der Banken heute genauer an als vor der Finanzkrise. Sie haben auch ausgelagerte Finanzdienstleistungen wieder in ihr Haus zurückverlegt, und dies nicht nur, um Kosten zu sparen, sondern auch, um Risiken gegenüber dem Bankensektor zu reduzieren. Vertrauen in die Bonität der Banken ist heute wichtiger als je zuvor und rangiert bei den Auswahlkriterien einer Bankbeziehung vor der Bereitstellung einer Kreditfazilität und der Palette von Finanzdienstleistungen. Auf angebliche Reputation und tollen Markennamen kommt es nicht mehr an.

          Raus aus Geldmarktfonds

          Die rigorose Qualitätsprüfung erstreckt sich auf die Produkte und Investitionsstrategien, mit denen die überschüssige Liquidität der Unternehmen angelegt wird. In Europa und Asien parken Unternehmen ihr Geld lieber in Form von Bankeinlagen, als dass sie Geldmarktfonds nutzen. Sie wählen kritisch aus: 20 Prozent der befragten Treasurer gaben gegenüber JP Morgan an, auf die höchste Bonitätsstufe (AAA) bei einer Bank für Sichteinlagen zu pochen. Dies ist erstaunlich, denn außer der Rabobank gibt es kaum noch Banken mit dieser Höchstnote, es sei denn, die Institute sind staatlich gestützt.

          Aber die Finanzmanager in der Industrie sind vorsichtig geworden: „Heute müssen wir aufpassen, dass Unternehmen den Banken nicht mehr Kredit gewähren, als Banken den Unternehmen geben.“ Wird Liquidität in Geldmarktfonds angelegt, gelten auch hier extrem vorsichtige Maßstäbe. Die strengeren Vorschriften in den Vereinigten Staaten mit Blick auf Geldmarktfonds erlauben es Unternehmen dort, Geld relativ sicher in Fonds anzulegen.

          In Europa indessen ist die Zahl der Unternehmen, die diese Fonds nutzen, stark gesunken. Wenn, dann müssen es Geldmarktfonds mit einer Bonitätsstufe von dreifach A sein, die nach den Investitionsrichtlinien der Institutional Money Market Funds Association (IMMFA) anlegen. Diese Fonds dürfen nur in hochkarätige und liquide Produkte investieren. In der Regel dürfen nicht mehr als 5 Prozent des Fonds in Papiere eines Emittenten gesteckt werden.

          Finanzabteilungen scheuen Geldmarktfonds allerdings auch, weil die Abwicklung der Transaktion über Banken läuft und damit Unternehmen wieder dem Bankenrisiko ausgesetzt sind. „Damit gesellt sich zu dem Liquiditätsrisiko das Abwicklungsrisiko, und das ist uns zu hoch“, heißt es bei einer deutschen Finanzabteilung. Die Bonität und Liquidität der kurzfristigen Geldanlage ist heute für Unternehmen wichtiger als die Rendite. Der Markt für kurzfristige Anlagepapiere (Commercial Paper) wird kaum noch genutzt, um Liquidität zu parken. Die Zurückhaltung ist so groß, weil dieses Marktsegment seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers immer noch ausgetrocknet ist.

          Engere Zusammenarbeit - nolens, volens

          Die größere Vorsicht, mit der die Unternehmen heute ihre Finanzabteilungen steuern, hat auch interne Konsequenzen gehabt. Gerade weil die Geldströme in diesen unsicheren Zeiten und der Rezession schwanken und die Finanzmarktrisiken und Wechselkursrisiken erheblich sind, hat die exakte Prognose der Liquidität Priorität. Der Anteil der Finanzchefs, die ihre Liquidität global erfassen und steuern, ist auf 66 Prozent gestiegen und dürfte nach Einschätzung von JP Morgan bald auf 81 Prozent der befragten Finanzabteilungen steigen. Dabei wird eine außerordentlich hohe Liquidität im Konzern zurückgehalten und nicht angelegt. „Wir sehen die mangelnde Rendite auf diese Liquidität als Versicherungsprämie gegen die derzeitigen Risiken an den Finanzmärkten“, heißt es bei einem Dax-Konzern.

          Es scheint paradox, dass die Unternehmen den Geschäftsrahmen mit einigen Banken stark ausgeweitet haben. Dies erklärt sich aber damit, dass durch die Bankenkrise mehrere große Marktteilnehmer aus dem Geschäft ausgeschieden sind und daher weniger Institute die volle Palette aller Finanzmarktprodukte anbieten. Mit diesen Adressen müssen Unternehmen dann entsprechend höhere Umsätze tätigen. Dies passt zu Berichten der großen Investmentbanken, die Rekordergebnisse mit Handelsgeschäften von Unternehmen einfahren, weil diese sich umfangreich gegen Risiken an den Devisen-, Zins- und Rohstoffmärkten absichern müssen.

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